Vor der Morgenröte. Stefan Zweig in Amerika (Regie: Maria Schrader)

20 Juni 2016, Weltflüchtlingstag

Was macht einen Film über Stefans Zweigs Exil in Südamerika so interessant? Er spricht an, was jederzeit passieren kann: Die Heimat verlassen zu müssen, weil die politische Situation und das Überleben es erfordern. Stefan Zweig hat das Exil nicht überlebt, er kehrt nicht mehr in sein luxuriöses Haus nach Salzburg zurück. 1942 vergiftet er sich mit seiner Frau Lotte. Die Vorgeschichte zu diesem Freitod erzählt der Film „Vor der Morgenröte“ in Episoden. Er zeigt schwüle Bilder aus Brasilien, bitterkalte aus New York und den brillianten Josef Hader als Stefan Zweig.

Er beginnt mit einer exotischen Blumentafel, die anlässlich eines Empfanges für den weltberühmten Dichter vorbereitet wird. Als Zweig den Raum betritt, merkt man, wie verloren und einsam er sich hier fühlt. Aber er möchte Freunden aus Europa helfen, die sich mit verzweifelten Briefen an ihn wenden, um dem sicheren Tod zu entkommen. Er selbst sieht sich als Schriftsteller, der strikt Kunst und Politik trennen will und sich vorerst weigert, öffentlich gegen den Nationalsozialismus Stellung zu beziehen. Er will als Künstler durch sein Werk wirken und erschöpft sich durch ständige Vortragsreisen in einer ihm fremden Welt. Seine erste Frau Friderike (Barbara Sukowa) versucht ihm in New York seine große Verantwortung für die, die er retten kann, bewusst zu machen. Zurück in Brasilien lässt sich Zweig mit seiner zweiten Frau in Petropolis nieder, das vom Klima her dem Semmering ähnlich ist. Hier schreibt er seine beiden wohl wichtigsten Werke: „Die Schachnovelle“ und „Die Welt von Gestern“. In der „Schachnovelle“ gelingt es Dr. B., sich aus der Einzelhaft in einem Wiener Gestapogefängnis nach Amerika zu retten. Auf dem Schiff wird er wieder von der „Schachvergiftung“ erfasst und verliert beinahe den Verstand, aber er überlebt, Stefan Zweig nicht. Obwohl in Sicherheit, holen ihn die Schatten der Vergangenheit ein und machen ihn mutlos für eine bessere Zukunft.

Josef Hader verkörpert den völlig überforderten und tieftraurigen Stefan Zweig bis in die letzte Faser seines Körpers. Der Film zeigt, dass Flucht und Emigration zwar das Leben retten, die Seele aber schwer in Mitleidenschaft ziehen. Der Sehnsucht nach der alten Welt kann man nicht entkommen, sie bleibt und schlägt tiefe Wunden, wenn man sie untergehen sieht. Sehenswert.

©a.achilles 2016

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