Der Herr Karl als Puppentheater

Der Herr Karl (Regie: Simon Meusburger)

Burgtheater: 24. 6. 2016

Was ich an Wien liebe: Ich gehe ins Theater, anschließend ins Kaffeehaus, um dort den gerade gefeierten Star ein kleines Eis löffeln zu sehen. Gerade hat Nikolaus Habjan als Herr Karl das Publikum nebenan zum Kreischen gebracht, bei Störungen uns freche Kommentare von der Bühne entgegengeschleudert, und nun wundere ich mich, wie unscheinbar er mit Short, weißem T-Shirt und zerzauster Frisur vor mir sitzt.

Dabei muss man ehrlich sein: Ein Qualtinger ist er nicht, aber seine drei  Klappmaulpuppen kann er zum Leben erwecken, dass man den Spieler dahinter ganz vergisst. Jede Geste sitzt, jeder Satz wird so gesprochen, dass die Welt des Herrn Karl aufersteht und einem beim Zuschauen das Gruseln kommt.

Wie kann ein Mensch so niederträchtig, gemein und selbstzufrieden sein? Auch wenn der Charakter des Herrn Karl stark überzeichnet ist und seiner Zeit entspringt, glaubt man ihm und fürchtet sich vor ihm. Die Personifikation des widerlichen Mitläufers zeigt sich durch die Aufteilung auf drei Puppen besonders gut. Wir erleben seinen Opportunismus, wenn er für jeweils 5 Schilling für die gerade angesagte Partei demonstriert. Wir verachten seinen Umgang mit Frauen, die er bezirzt, um sie auszunutzen und zu verraten. Und natürlich ist und bleibt er immer das Opfer und weiß es sich bestens in den politisch bewegten Zeiten zu richten. Der Herr Karl führt uns vor Augen, wohin einfache Antworten und Dummheit leiten: zu Selbstüberschätzung und Barbarei.

Dem Puppenspieler Habjan sei Dank, kein anderer hätte diesen Klassiker besser in unsere Zeit übersetzen können. Die Fratzengesichter könnte kein Schauspieler mimen, zu authentisch sprechen und handeln sie. Nikolaus Habjan bewegt sich ruhig von Puppe zu Puppe, haucht ihnen Leben ein, lässt sie rauchen, trinken und schimpfen, um sie nach ihrem Part wieder an den Haken zu hängen und stimmlich zu strangulieren. Besser kann man den Herrn Karl und seine Botschaft an das heutige Österreich nicht auf die Bühne bringen.

Und im Landmann lässt man dann den lauen Sommerabend mit einem Spritzer ausklingen, am Nebentisch ein schüchtern wirkender sehr junger Mann. Wie dankbar ist man, dass alles nur ein böses Spiel war.

© a.achilles 2016

Vor der Morgenröte. Stefan Zweig in Amerika (Regie: Maria Schrader)

20 Juni 2016, Weltflüchtlingstag

Was macht einen Film über Stefans Zweigs Exil in Südamerika so interessant? Er spricht an, was jederzeit passieren kann: Die Heimat verlassen zu müssen, weil die politische Situation und das Überleben es erfordern. Stefan Zweig hat das Exil nicht überlebt, er kehrt nicht mehr in sein luxuriöses Haus nach Salzburg zurück. 1942 vergiftet er sich mit seiner Frau Lotte. Die Vorgeschichte zu diesem Freitod erzählt der Film „Vor der Morgenröte“ in Episoden. Er zeigt schwüle Bilder aus Brasilien, bitterkalte aus New York und den brillianten Josef Hader als Stefan Zweig.

Er beginnt mit einer exotischen Blumentafel, die anlässlich eines Empfanges für den weltberühmten Dichter vorbereitet wird. Als Zweig den Raum betritt, merkt man, wie verloren und einsam er sich hier fühlt. Aber er möchte Freunden aus Europa helfen, die sich mit verzweifelten Briefen an ihn wenden, um dem sicheren Tod zu entkommen. Er selbst sieht sich als Schriftsteller, der strikt Kunst und Politik trennen will und sich vorerst weigert, öffentlich gegen den Nationalsozialismus Stellung zu beziehen. Er will als Künstler durch sein Werk wirken und erschöpft sich durch ständige Vortragsreisen in einer ihm fremden Welt. Seine erste Frau Friderike (Barbara Sukowa) versucht ihm in New York seine große Verantwortung für die, die er retten kann, bewusst zu machen. Zurück in Brasilien lässt sich Zweig mit seiner zweiten Frau in Petropolis nieder, das vom Klima her dem Semmering ähnlich ist. Hier schreibt er seine beiden wohl wichtigsten Werke: „Die Schachnovelle“ und „Die Welt von Gestern“. In der „Schachnovelle“ gelingt es Dr. B., sich aus der Einzelhaft in einem Wiener Gestapogefängnis nach Amerika zu retten. Auf dem Schiff wird er wieder von der „Schachvergiftung“ erfasst und verliert beinahe den Verstand, aber er überlebt, Stefan Zweig nicht. Obwohl in Sicherheit, holen ihn die Schatten der Vergangenheit ein und machen ihn mutlos für eine bessere Zukunft.

Josef Hader verkörpert den völlig überforderten und tieftraurigen Stefan Zweig bis in die letzte Faser seines Körpers. Der Film zeigt, dass Flucht und Emigration zwar das Leben retten, die Seele aber schwer in Mitleidenschaft ziehen. Der Sehnsucht nach der alten Welt kann man nicht entkommen, sie bleibt und schlägt tiefe Wunden, wenn man sie untergehen sieht. Sehenswert.

©a.achilles 2016

Der eingebildete Kranke (Regie: Herbert Fritsch)

Burgtheater, 4. 6. 2016

Man ist ja einiges gewöhnt, wenn man in Wien Theatergeherin ist. Meist bekommt man aber Inszenierungen geboten, denen man folgen kann, die so schlüssig sind, dass Zusammenhänge und Beweggründe erfasst werden können. Leider hatte ich das Pech, hintereinander zwei Theatervorstellungen zu sehen, deren Regiekonzept sich mir nicht erschloss.

Die erste Theatervorstellung war „Der Auftrag“ von Heiner Müller, der im Rahmen der Wiener Festwochen im Mai im Theater an der Wien gespielt wurde. Großartige Schauspieler, ein Bühnenbild und Kostüme, die zum Staunen verführen, dazu ein Publikum, das sich auf den Abend freut. Und dann ereignet sich Theater als schlechte Vorleseübung aus dem Off, die Schauspieler, die sich immerhin bewegen dürfen, zu Mundbewegungen verdammt. Die Stimme sollte wohl dem Autor gehören, soweit reicht die Vorstellung. Die Verstörung darüber wuchs mehr und mehr zum Ärgernis an, zur Wut, dass eine so wundervolle Schauspielerin wie Corinna Harfouch dies mitmachen muss. Der verhaltene Schlussapplaus galt nur ihr.

Das zweite Stück sah ich gestern Abend an der Burg: „Der eingebildete Kranke“ von Moliere. Wiederum viel Vorfreude, extravangante Farben und Kostüme, noch dazu von meinen Lieblingsschauspielern getragen: Joachim Meyerhoff als Argan, Markus Meyer als sein Dienstmädchen und Dorothee Hartinger als Angelique. Kopfschütteln und Unverständnis von Anfang an: Warum dieses Herumgezapple, auf den Boden werfen, Brücke und Spagat machen, wildes Tanzen, Stimme verstellen, schnell Reden bis zur Pause hin? Obwohl ich mir den teuersten Sitzplatz gegönnt hatte, ging viel Text in der Sport- und Stimmakrobatik unter. Sollte man nichts verstehen? Wollte man zeigen, dass Burgschauspieler besonders konditionsstark und gedehnt sind? Wenn ja, warum? Nach der Pause waren sie verständlicherweise so erschöpft, dass sie nur mehr spielen konnten. Und das können Meyerhoff und Meyer wirklich, blitzschnell sausen jetzt die Wörter hin und her, man kann sich entspannen, lachen und an der hohen Schauspielkunst teilhaben. Dann passt es auch, wenn Meyer zwischendurch Flamenco tanzt und Meyerhoff die meiste Zeit seinen Hintern dem Klistier entgegenstreckt, Hauptsache man versteht.

© a.achilles 2016