
Wer sehnt sich nicht nach unberührter Natur und glasklarer Luft? Nach Stille und Staunen, wenn man durch Wiesen und Schluchten wandert, Berge erklimmt und ganz bei sich sein kann? Den tosenden Alltag hinter sich zu lassen, einen Schritt vor den anderen setzen und von hoch oben hinab ins Tal zu blicken wie der „Wanderer im Nebelmeer“? Fühlt man sich nicht wie Goethes Faust am Ende seines Lebens mit seinem Ausruf „Verweile doch, du bist so schön“?
Caspar David Friedrich hat dieses Erleben auf kongeniale Weise in seinen Bildern eingefangen und Florian Illies hat darüber ein unterhaltsames Buch geschrieben: „Zauber der Stille“.
Wenn Sie Kitsch oder Verherrlichung der Romantik erwarten, werden Sie enttäuscht. Denn Illies zeigt, wie wenig Caspar David Friedrich von seiner Zeit erkannt wurde und bitterarm und verhärmt 1840 starb. Auch Goethe, um dessen Gunst sich der Maler zeitlebens bemühte und dem er immer wieder seine Bilder schickte, ging er mehr und mehr auf die Nerven, laut Aussagen von Zeitgenossen wollte Goethe die Bilder zerschießen oder an der Tischkante zerschlagen, so wahnsinnig machten sie ihn. Er wünschte sich nichts Melancholisches, sondern erhebende Kunst von ihm.
Was heute viele als Anbetung der unberührten Natur deuten und warum Friedrich auch von Klimaktivisten gefeiert wird, schien die Zeitgenossen entsetzlich heruntergezogen zu haben. Nur wenige erkannten Friedrichs Genie und konnten damals Trost und Seelenfrieden aus seinen Landschaften schöpfen. Viele Kritiker bemängelten die fehlende Gottesverehrung und konnten nicht erkennen, dass Friedrich die göttliche Präsenz möglicherweise in der Natur darstellte. Meist versehen mit winzigen, einsamen Rückenmenschen, die in die Landschaft hineinschauen und uns dorthin mitnehmen.
Illies hat sein Buch „Zauber der Stille“ in vier Kapitel eingeteilt, diese nicht chronologisch erzählt, sondern assoziativ, anhand der vier Elemente, denen jeweils ein bekanntes Bild vorangestellt ist:
Feuer
Das erste Kapitel zeigt „Das brennende Neubrandenburg“ (1835/40). Es beinhaltet Geschichten und Anekdoten über Gemälde, die im Lauf der Jahrhunderte durch Feuer zerstört wurden, in seinem Geburtshaus in Greifswald, 1931 beim Brand des Glaspalastes in München oder bei Bombenangriffen im 2. Weltkrieg. Illies verfolgt den Weg zu den wechselnden BesitzerInnen, berichtet von makaberen Diebstählen und mancher wundersamen Wiederauffindung. Ungefähr die Hälfte von Friedrichs Bildern ist so verloren gegangen.
Wasser
Dem zweiten Kapitel ist das bedrohliche Gemälde „Das Eismeer“ (1823/24) vorangestellt. Es beschäftigt sich mit Wasser in all seinen Zuständen. Friedrichs lebenslange Schwermut habe seinen Ursprung in einem kindlichen Trauma gehabt. Es ist als Kind bei übermütigem Spiel durch die Eisdecke gebrochen, wurde von seinem jüngeren Bruder Christoffer gerade noch herausgezogen, bevor dieser im eiskalten Wasser ertrank. Aber der Maler liebte auch das Wasser, viele seiner Bilder von Meer, Häfen und Segelschiffen zeugen von seiner Sehnsucht nach Weite und Aufbruch.
Erde
Das dritte Kapitel beginnt mit seinem wohl berühmtesten Werk: „Kreidefelsen auf Rügen“. Friedrich wanderte viel und gerne, machte unzählige Skizzen von Bäumen und Landschaften, die er dann in seinem abgedunkelten Atelier in Dresden auf die Leinwand brachte. Hier fügte er verschiedene Skizzen von Orten in einem Bild zusammen. Er ist laut Illies „eigentlich ein Konzeptkünstler, auf jeden Fall kein Naturalist“. So entstehen seine Gebirgslandschaften, Hafenbilder, Harz- und Winterlandschaften. Besonders gerne besuchte er Rügen und ist von den Kreidefelsen fasziniert. Und dieses Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“ gibt bis heute Rätsel auf, da es lange Zeit als Werk von Carl Blechen gehandelt wurde und im Kinderzimmer der berühmten Fotografin Gisela Freund verbracht hatte. Friedrich hatte seine Gemälde niemals signiert.
Luft
Dem vierten Kapitel ist das Bild „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ vorangestellt.
Hier steht ein staatlicher Mann mit Gehrock und Stock im Mittelpunkt des Bildes, auf der Spitze eines Felsen und sieht in die Nebelschwaden hinab, über ihm ein wolkenverhangener Himmel, aus dem Sonnenlicht dringt. Wenn Friedrich den Himmel malte, so wird seine Frau zitiert, dürfe man ihn nicht stören, „denn wissen Sie, Himmelmalen ist für ihn wie Gottesdienst“. Auch dieses Bild war über hundert Jahre verschollen und tauchte erst 1950 wieder auf, und es gab einige Zweifel, ob es ihm zugeordnet werden könne, da die riesige Rückenfigur untypisch war.
„Zauber der Stille. Caspar David Friedrichs Reise durch die Zeiten“ wird Sie dazu verführen, alle dort beschriebenen Bilder betrachten und sich mit dem Menschen und Künstler Caspar David Friedrich näher beschäftigen zu wollen. Es ist leicht zu lesen und sehr kurzweilig, an manchen Stellen salopp („Diese Idioten“ nennt Illies Kritiker von Friedrichs „Mönch am Meer“ und „Keine Angst, komplizierter wird es nicht“).
Wenn Sie Illies nicht alles glauben, was er vielleicht in dichterischer Freiheit aus dem Leben von Capar David Friedrich erzählt, gibt es im Anhang weiterführende Literatur, der Sie sich ausführlich widmen können.