
„Wenn Sie mich fragen würden, welche Art von Roman „Wilderer“ sei, würde ich Ihnen antworten, ein Liebesroman“, stellte Reinhard Kaiser-Mühlecker lapidar in einem Gespräch mit Katja Gasser bei den O-Tönen im Juli fest. Er, der Landwirt aus Oberösterreich, der schon acht Romane geschrieben hat, wie mehrmals betont wird, war nicht danach gefragt worden. Stattdessen wollte die Interviewerin etwas über den „grausamen Zorn“ erfahren, der aus Jakob, dem Protagonisten, immer wieder hervorbreche. Als Zuhörerin und selbst vom Land stammend interessierte ich mich nun für die Welt des Romans.
Jakob Fischer führt seit seiner Jugend einen Hof, er kämpft gegen Windmühlen an, da sein Vater schon fast alles für verrückte Ideen verkauft hat und die Großmutter das Vermögen, das ihr Mann durch „Judengeld“ erworben, angeblich der rechten Partei gespendet habe. Er schuftet von morgens bis abends, alle seine Versuche den Hof wieder rentabel zu machen, sei es durch Schaf-, Hühner- oder Fischzucht sind gescheitert. Er wird von seinen Mitmenschen wenig geachtet und fühlt sich ausgenutzt. Dann trifft er auf die Künstlerin Katja, die er auf Tinder kennenlernt und die einen Landwirt anziehend findet. Sie wirbt beharrlich um ihn, zieht kurze Zeit später zu ihm, zuerst nur für vierzehn Tage als Praktikantin, lernt schnell und ist Jakob zugetan, hat ein Gespür für den Betrieb und die Menschen vom Land, und macht sich unverzichtbar. Die beiden heiraten und bekommen einen Sohn. Kurz vor ihrem Tod holt die Großmutter Jakob zu sich und erklärt ihn zu Haupterben. So kann Jakob alles Veräußerte wieder zurückkaufen, baut seinen Hof mit Katjas Ideen zu einem Biobauernhof um und genießt nun im Dorf großes gesellschaftliches Ansehen. Sein Hof wird sogar als „Betrieb des Jahres“ ausgezeichnet. Alles könnte gut gehen, wenn da nicht Katjas Berufung als Künstlerin wäre, die Unfrieden stiftende Schwester und Jakobs Problem mit Gefühlen und diese auszudrücken. Er redet wenig, macht alles lieber mit sich aus und zeigt seine Liebe den Hunden, die zu wildern beginnen und damit seinen „grausamen Zorn“ erwecken.
Ja, es ist eine Liebesgeschichte, aber wer liebt wen? Und was braucht es, um eine Liebe zu leben und auf Dauer zu erhalten? Ist das Wildern, womit wohl gemeint ist, dass die Fesseln der Zivilisation gesprengt werden, wie die Hunde, die wieder zu Raubtieren werden und Rehe zerfleischen, nur von einer dünnen Oberfläche bedeckt? Und wie sehr muss man Angst davor haben? Jakob ist grausam, ja, das stimmt, aber ist er es, weil er aufgrund seiner dysfunktionalen Familie wenig spricht und aufgrund von Erfahrungen äußerst misstrauisch ist, oder sind es archaische Gefühle, die aus ihm herausbrechen? Schon am Anfang des Romans spielt er immer wieder russisches Roulette und man fragt sich, was war so schlimm in seinem Leben, dass er es jederzeit verlieren möchte. Und warum wünscht sich er sich immer wieder einen Krieg herbei?
Er liebt Katja aufrichtig, so scheint es, kümmert sich liebevoll um seinen Sohn, kann aber keine glaubwürdige Beziehung zu ihnen aufbauen. Sind es Verletzungen von früher, die sein Handeln bestimmen? Er redet und denkt nicht gut über seinen Vater, seine Mutter, beschimpft aufs Übelste seine Schwester mit „diese Schlampe“, „die Schnepfe“, „Halt`s Maul“. Und warum der grausame Umgang mit seinen wildernden Hunden? Was treibt ihn an, was hat ihn zu dem verschlossenen Einzelgänger gemacht, der er ist? Ist es die Landschaft, in der wie Kaiser- Mühlegger in einem Interview sagt, ein Menschenschlag lebe, der es nicht so mit der Fröhlichkeit habe? Wir kommen der Hauptfigur im Roman nicht auf die Schliche, erleben seine Verbundenheit mit Hof, Natur und seinen Tieren, seinen Kampf mit äußeren Mächten, die er nicht beherrschen und zähmen kann. Er fühlt sich allem ausgeliefert und rettet sich in Struktur und Arbeit. Es fehlt ihm die Sprache, um sich in Verbindung zu setzen.
Jakob ist und bleibt ein Rätsel und wenn man den Autor danach fragen würde, würde er vielleicht antworten: „Lesen Sie meine Bücher, dann erfahren Sie mehr über mich“.