My Journey to the West Wing and the Path Forward
Wer wünscht sich nicht in die Obama-Zeiten zurück? Irgendwie war alles berechenbar und voraussehbar, man fühlte sich auch in Europa nicht bedroht von Trumps Tweets, die er frühmorgens, nachdem er Fox News geschaut hat, in die Welt schickt. Nach Michelle Obamas Autobiographie „Becoming“, die einen fundierten Einblick in den Aufstieg der Obamas in das Weiße Haus, in ihre Rolle als First Lady gibt und die meistverkaufte Biographie aller Zeiten sein soll, erschien jetzt Valerie Jarretts „Finding My Voice. My Journey to the West Wing and the Path Forward“.
In einem seiner Abschlussinterviews wurde Barack Obama gefragt, wie er den Druck und die Arbeitsbewältigung, die er als amerikanischer Präsident täglich zu bewältigen hatte, ausgehalten habe. Er war ja nicht alleine, er hatte ein sehr engagiertes Team, das ihn unterstützte. Ein wichtiges Mitglied seines Staffs war Valerie Jarrett. Sie leitete das „Office of Public Engagement and Intergovermental Affairs“, das Verbindungsbüro des Weißen Hauses mit den Einzelstaaten und Kommunen. Wenn es eine Überflutung oder eine Massenschießerei gab, Jarett und ihr Staff hielten den Kontakt zu den betroffenen Gemeinden und Verantwortungsträgern, spendeten Trost und versuchten durch praktische Hilfe den Menschen die Unterstützung und Anteilnahme des Präsidenten zu versichern.
Ihr Büro bereitete auch die Briefe für den Präsidenten vor, die einfache Menschen an ihn richteten. Sie begleitete ihn auf Auslandsreisen und war an seiner Seite, wenn schwierige Situationen durchlebt werden mussten. Sie war die einzige politische Beraterin Obamas, die alle acht Jahre im Weißen Haus war.
Wie wurde sie das?
Ihre Autobiographie teilt sich in drei Abschnitte: Kindheit – Karriere im öffentlichen Dienst in Chicago – Weißes Haus.
Sie wurde im Iran geboren, wohin ihr Vater, ein Arzt, gegangen war, weil er als Schwarzer in Amerika keine seiner Ausbildung entsprechende Stelle finden konnte. Diese ersten Jahre prägten sie, sie berichtet, dass sie in Shiraz keinerlei Diskriminierung erleben musste, was in Amerika nicht der Fall gewesen wäre. Nach einer Zwischenstation in London kehrt die Familie nach Amerika zurück, weil der Vater endlich eine Chefarztstelle in Chigago gefunden hatte. Die Familie erwartet viel von der Tochter. Nach einer wohlbehüteten Kindheit studiert sie in Standford und an der Universität Michigan, arbeitet einige Jahre in einer Rechtsanwaltskanzlei, heiratet, bekommt eine Tochter, Laura, die Ehe scheitert und sie ist mit dreißig alleinerziehende Mutter. Sie selbst beschreibt sich als sehr schüchtern, voller Versagensängste und als sehr, sehr unglücklich. Schließlich überredet sie ein Freund in die Administration des ersten schwarzen Bürgermeisters Chigagos, Harald Washingtons, zu wechseln.
„I wasn´t sure I could do it. I think a lot of people have this fear, this fear of not measuring up.“ Sie arbeitet sehr hart, wird von Mitarbeitern und ihrer Familie tatkräftig unterstützt, sodass sie nach wenigen Jahren mehr und mehr Aufgaben übernimmt und erfolgreich ihre Karriere im öffentlichen Dienst vorantreiben kann. „I find it easier to advocate for others than for myself.“ Mit den Erfolgen wächst auch ihr Selbstvertrauen. Unter anderem ist sie zuständig für das öffentliche Bauprogramm und hier gilt es, die strenge Ghettoisierung zwischen Schwarz und Weiß durch innovative städtische Wohnbauprogramme aufzubrechen.
Dort lernt sie Michelle Obama, damals noch Michelle Robinson, kennen und sie wird ab nun mit dem Paar beruflich und freundschaftlich eng verbunden bleiben. Als der junge Senator Pläne für eine Präsidentschaftskandidatur entwickelt, fragt er sie, ob sie seine Fundraiserin sein wolle, dem sie nach einiger Bedenkzeit zustimmt.

In ihrem Buch gibt sie einen lebendigen Einblick in die Wahlkämpfe Obamas, das politische Geschehen im Weißen Haus und welche Schwierigkeiten damit verbunden waren, vor allem für die Frauen, die mitarbeiteten. Für diese war es zunächst sehr schwer, sich im Kreise der vielen Alphamänner zu behaupten. Nachdem Barack Obama das Problem geschildert wurde, fand man Lösungen. Überhaupt wird Barack Obama als offenherziger und äußerst disziplinierter Mensch geschildert. Tägliches Sportprogramm, wenig kalorienreiches Essen (meistens Huhn) und auch in Bezug auf seine Emotionen sehr beherrscht, sehr bescheiden und fast immer ausgeglichen, der keine Angst vor starken Frauen um sich herum hatte.
Was besonders beeindruckend ist, wie sehr Obama es geschafft hat, ein Team um sich zu scharren, das ihm loyal ergeben war und bis zur völligen Erschöpfung für ihn gearbeitet hat. Einiges konnte mit großer Anstrengung vieler erreicht werden, noch mehr wurde durch die strikte Verweigerungspolitik der Republikaner verhindert. Wie sehr diese Kämpfe auch an den Nerven aller rüttelten, beschreibt Valerie Jarrett eindringlich in ihrem Buch.
Was man nach der Lektüre des Buches erkennen muss: Politiker und Politikerinnen sind in erster Linie Menschen, die von ihren Werten, ihrem Charakter und den Menschen, die sie um sich sammeln, geprägt werden.
Auch Valerie Jarrett fand mehr und mehr durch ihre politische Arbeit im Dienste der Gemeinschaft zu ihrer eigenen Stimme.
