Frühlingserwachen (Inzenierung: Claudia Bühlmann)

Wer freut sich schon auf eine Theatervorstellung mit hunderten Jugendlichen, noch dazu zu einem Stück, das noch im 19. Jahrhundert entstanden ist?

Aufklärung, ungewollte Schwangerschaften, Sterben bei einem illegalen Schwangerschaftsabbruch sind heutzutage nicht mehr drängende Probleme, mit denen sich Jugendliche herumschlagen müssen. Ich erwartete nichts außer strenge Blicke meinerseits. Es sollte anders kommen.

Lange schon bevor das Stück beginnt, probt eine Sängerin mit ihrem Schlagzeuger. Ist man schon im Stück? Dann läuft ein junger Mann auf die Bühne und rückt sich ein Sofa herbei. Nach und nach kommen die anderen Mitspieler dazu, fragen das Publikum nach ihrem Alter. Wer ist der Älteste von uns? Die Beantwortung wird später im Pulikumsgespräch eingefordert. Mit einem Kleiderwechsel schlüpfen die Schauspieler in ihre Rollen. Und was jetzt beginnt, lässt einem den Atem stocken. Buntes Treiben, eine Party, erste Annäherung zwischen den Geschlechtern, exzessives Ausprobieren. Wie ist es, wenn man sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlt? Wenn man davon träumt, geschlagen zu werden und das dann zu einem Gewaltexzess ausartet? Wo beginnt es unangenehm zu werden, wenn Moritz sich auszieht, und Wendla nur im BH bekleidet mit springenden Brüsten über die Bühne tobt? Wenn die Kamera so nahe kommt, dass man Lidstrich und Pickel sieht? Und über Skype immer wieder besorgte oder sorglose Mütter und Väter zugeschaltet werden? Plötzlich befinden wir uns mitten drin im prallen Leben und den Sehnsüchten, die uns von Jugend an begleiten. Liebe, Sexualität, Gewalt, Abgrenzung, Selbstbestimmung. Wofür entscheide ich mich, wenn ich ungewollt schwanger werde? Wenn ich in der Schule scheitere? Wie wird mein weiteres Leben beeinflusst, wenn ich als Kind misshandelt werde?

Immer wieder treten die Schauspieler aus ihren Rollen heraus, reflektieren das Original von Wedekind und wollen es nicht weiterspielen. Sie nehmen sich die Freiheit, neue Entwürfe auszuprobieren, ihr Leben so zu  gestalten, wie es besser für sie ist. Sie müssen nicht mehr Selbstmord begehen und ihr Kind abtreiben. Die Gesellschaft hat sich verändert, nichts ist mehr determiniert, die Autoritäten sind brüchig geworden. Wie sehr zeigt sich in der großartigen Parodie der Lehrerszene.

Das junge Publikum verfolgt gebannt das Spiel und stellt intelligente Fragen im anschließenden Gespräch. Das Spiel hat berührt und uns allen einen anregenden Mittwochvormittag gebracht.

Der Regisseurin und den Schauspielern einen lautstarker Applaus….

©a.achilles 2016