Sommerfrische 2

Welchen Assoziationen folgt man, wenn man diesen Titel liest? Ihn wörtlich nehmen? Er bezieht sich auf das englische Sprichwort: Who cries over spilled milk? Was passiert ist, ist passiert. Es lohnt sich nicht, eine Träne darüber zu vergießen.

Das Hotel, auf das sich der Titel bezieht und in dem die Protagonistin des Romans bis zu ihrem 14. Lebensjahr wohnt, kauft ein englischer Adeliger, und da die Renovierung zu aufwändig ist, wird es Ende der fünfziger Jahre abgerissen. Barbara Frischmuth hat in ihrem Roman „Verschüttete Milch“ ihrem Geburtshaus, „diesem Biotop der absoluten Gegensätze“ ein literarisches Denkmal gesetzt.

Die Erinnerung an die frühe Kindheit erschließt sich die erwachsene Juliane über alte Fotos, die ihr in mehreren Schachteln von ihrer Mutter übergeben worden sind. Langsam tauchen durch diese Landschaften, Personen und Tiere aus ihrem Gedächtnis auf. Aber immer wieder zweifelt die Erzählerin an der Zuverlässigkeit des Erinnerns, vieles kann sie auch erst durch Recherche und Nachforschungen in Verbindung bringen. Sie nähert sich einem aufgeweckten, abenteuerlustigen Kind, das in großer Freiheit aufwächst, denn die Mutter hat im Hotel viel zu tun, zunächst von einem liebevollen Hausbesorgerpaar beaufsichtigt, später durch eine Anzahl von Kindermädchen, von denen es wohl in den vierziger und fünfziger Jahren eine große Auswahl gegeben hat. Fast jede Familie im Dorf hat ihr eigenes Kindermädchen, jedes von ihnen übernimmt mit ihrer Anstellung gleichsam auch den sozialen Status innerhalb der Kindermädchenriege. Es ist eine Hoteliersfamilie, in der die Kleine aufwächst. Ihr Vater ist kurz nach ihrer Geburt in Russland gefallen, die Mutter muss mehr recht als schlecht das Hotel weiterführen, streng beäugt vom Besitzer des Stammhauses, dem Opapa der Kleinen, wie er im ersten Teil des Buches genannt wird. Es ist eine schöne Kindheit, die sie hat, die Familie ist groß und kommt gerne zusammen. Einzige Gefahr für sie ist der nahe See und er ist eine tödliche. Nicht nur einmal wäre Juli beinahe ertrunken, hätten sie nicht aufmerksame Tiere bzw. zufällig vorbeikommende Menschen gerettet. Mit den Bildern tauchen auch Menschen aus der Vergangenheit auf, die vom Lauf der Geschichte in die Gegend gespült werden. Tante Hanna ist mit ihren Kindern aus Wien angereist, sie ist im Widerstand gewesen und soll durch ihre Untergrundtätigkeit so manches Leben gerettet haben. Auch nach Kriegsende hilft sie zum Überleben tatkräftig mit, weil sie in der amerikanischen Zone einkaufen kann. Die Mutter, die wenig von der Kriegszeit später erzählen wird, berichtet in einem Interview mit Simon Wiesenthal, dass der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann mit dem gestohlenen Trachtenanzug ihres gefallenen Mannes in die Berge geflohen sei. Viele hochrangige Vertreter des Naziregimes hatten sich im Ort „Urlaub vom Töten“ genommen und in den arisierten Villen auch ihre Familien und Geliebten evakuiert, bevor sie entweder ins Ausland geflohen bzw. hingerichtet worden sind. Und ihr späterer Stiefvater, „Paps“, soll mit Freunden die Amerikaner zu jener Alm geführt haben, auf der sich die Naziverbrecher versteckt hatten. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches kommen die ungarischen und rumänischen Faschisten, danach die amerikanischen Besatzer, die im Hotel Alkoholexzesse feiern. Von diesen Menschen hat Juliane viel zu erzählen, interessante Anekdoten, die, wenn sie nicht Leib und Leben bedrohten, zum Schmunzeln einladen. Danach finden die Intellektuellen aus dem Wiener Großbürgertum ihren Weg zurück in „das Dorf im Gebirge“, auch ein gewisser Dr. Abendroth bekommt sein Schloss zurückerstattet, aber erst, nachdem man ihn entmündigt hat. Die Volksschulzeit und die ersten vier Jahre in der Klosterschule sind begleitet vom Niedergang des Hotels, weil das Geld für dringend nötige Reparaturen aufgrund von schlechten Sommersaisonen nicht mehr aufgebracht werden kann. Der Fremdenverkehr ist flügge geworden, die Menschen fahren bei Schlechtwetter nicht mehr ins Salzkammergut, sondern in den sonnigen Süden.

Der Roman zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass er die Kriegs- und Nachkriegswelt genau beschreibt und auch viele dialektale Ausdrücke samt Übersetzungen in die Erinnerung einwebt: „Und des gfreit die dena ubarsch!“ (Und das freut dich wohl ungemein! S. 207) Er zeigt aber vor allem auf, dass dieser Ort, an dem Juliane aufwächst, ein Ort war, an dem „Heil und Unheil Tisch an Tisch zu Sommerfrische saßen (und wohl noch immer sitzen“ S. 8).

Salzkammergut

1. bis 20. August 2016

Wo bleibt die Kulterin werden Sie sich schon gefragt haben. Ich bin seit einiger Zeit auf Sommerfrische. Warum Sie nicht in die Ferne schweifen müssen, um erholt zu sein und etwas von der Welt zu erfahren, erfahren Sie in diesem Beitrag über das Salzkammergut.

Auch kulturell hat dieses Gebiet einiges zu bieten, aber heute schenke ich meine Aufmerksamkeit Land und Leuten.

Seen: Was das Salzkammergut so schön macht, ist die Natur, die hier überall oft in Reinform anzutreffen ist. Wandert man um den Altausseersee, hat man seine selige Ruhe vor Autos und Motorbooten. Geht man am Ostuferweg des Hallstättersees entlang, begegnet man vielen eifrigen Radfahrern und der hin und wieder dahinzuckelnden Bahn. Alle Stunde hört man von fern das Tuten der „Hallstatt“, die mit wenigen Touristen ihre Kreise um den See zieht. Der Ödensee ist noch immer ein Geheimtipp und an Idylle kaum zu übertreffen.

Almen: Seit es Elektrofahrräder gibt, sieht man auf jeder Amhütte ältere Semester, die stolz von großen Radtouren berichten, die man sich schon in der Jugend nicht zugetraut hatte. Da sie Einheimische sind, erfährt man darüber hinaus auch einiges über EU-Förderungen und warum es so wenige Almkühe mehr gibt. Apropos: Weil auch der Dachsteinrundwanderweg vorbeiführt, trifft man auch Sportler, die schon seit Tagen im Gebirge unterwegs sind und richtig fertig ausschauen. Auf Almen begnegnet sich Jung und Alt, Reich und Arm in fröhlicher Gesellschaft.

Berge und Wasserfälle: Man kann den Grimming besteigen oder mit dem Fahrrad umrunden (60 Kilometer! Mit und ohne Mitterberg) und dann den Wasserfall unterhalb der Staumauer besuchen, sich im Film „The Beach“ glauben und ein Bad darin nehmen. Sehr erfrischend.

Natur pur

Natur pur

Orte: Wenn vielleicht die Natureinsamkeit zu groß geworden ist, macht man sich auf nach Bad Ischl, sieht eine große Anzahl von Asiaten (Chinesen?) in Hallstatt zusteigen, die nun nach Salzburg weiterreisen wollen. Im „Zauner“, wo man ein „Ischler“ genießt, wundert man sich, dass so viele Menschen in ein Kaffeehaus gepackt werden und so viele Mehlspeisen verspeisen können. Hat man dazu noch Freude an der Monarchie, besucht man die Kaiservilla und das Museum der Stadt Ischl, um sich an den adretten kaiserlichen Uniformen sattsehen zu können. Von den „Kaisertagen“ soll hier gar nicht gesprochen werden.

Am Abend kann man vielleicht die „Vorstadtweiber“ auf DVD schauen oder in Pürgg das Gasthaus „Krenn“ besuchen, das ein sehr, sehr reicher österreichischer Getränkehersteller gekauft hat. Dem Himmel sei Dank, es hat gut geschmeckt.

©a.achilles 2016