Haruki Murakami: Die Stadt und ihre ungewisse Mauer

Schon der Titel ist sperrig: Man erwartet doch eher das Wort „unsichtbar“? Was es mit der ungewissen Mauer auf sich hat, erfährt man möglicherweise in dem Roman gar nicht. Denn Realität und Fiktion vermischen sich ineinander, die Übergänge verschwimmen wie die Figuren in einem Nebel von Ungewissheiten.

Die Handlung ist rasch zusammengefasst. Ein Siebzehnjähriger ist unsterblich in eine Sechzehnjährige verliebt, die ihm von einer fiktiven Stadt erzählt, in der ihr wahres Ich lebt. Nach einigen Spaziergängen am Fluss einen Sommer lang ist sie plötzlich verschwunden. Der namenlose Erzähler wird diese erste große, unschuldige Liebe niemals vergessen und sich zeitlebens nach ihr sehnen. Er studiert und ist viele Jahre im Buchhandel in Tokyo erfolgreich tätig, hat Liebschaften, bleibt aber ein Einsamer, da er für sich keine Frau findet, die dem jungen Mädchen gleicht.

Eines Tages findet er sich in der Stadt der ungewissen Mauern wieder, wie er dorthin gelangt ist, ist ungewiss, der Torwächter empfängt ihn und verätzt seine Augen, da er nun als Traumleser tätig sein wird. Dort trifft er das junge Mädchen wieder, aber sie erkennt ihn nicht mehr, da er gealtert, sie aber jung geblieben ist. Sie bereitet ihm  täglich einen Tee für seine schmerzenden Augen zu, er darf sie abends nach Hause begleiten, that’s it. Er ist eine raue und trostlose Stadt, die Menschen sind arm, essen nur einmal am Tag und tragen zerschlissene Kleidung, es gibt keine Bücher und kein Zeitempfinden. Die Einzigen, die die Stadt verlassen können, sind die Einhörner, aber die meisten verenden auf schreckliche Weise, wenn es Winter ist. Man muss beim Betreten der Stadt seinen Schatten abgeben, der ab nun von dem Torwächter bewacht wird und langsam stirbt. Dieser bittet den Erzähler flehentlich, die Stadt wieder zu verlassen und in seine alte Welt zurückzukehren, was ihm auf gefährliche Weise auch gelingt. Dort findet er sich aber nicht mehr zurecht, er kündigt seinen Job und bewirbt sich für eine Stelle als Bibliotheksleiter in der kleinen Stadt Z. in der Präfektur Fukushima.

Realität und Fiktion werden hier wieder verwoben, es taucht ein freundlicher Geist auf und ein Junge mit einem gelben Pullover, der eines Tag spurlos verschwindet und den er in der Stadt mit den ungewissen Mauern wiederfindet.

Auch wenn man als Leserin zeitweise den Überblick verlieren und sich fragen könnte, was nun wirklich ist und was nicht, folgt man den Erzählsträngen der beiden Welten und der meditativen Sprache des Romans gerne. Alles fließt letztlich ineinander, ergibt (k)einen Sinn und ist kunstvoll gestaltet.

Man wird sich fragen müssen, wofür dieser Sehnsuchtsort „Die Stadt und ihre ungewissen Mauern“ steht, dem die Figuren im Roman verfallen, der sich dann doch aber als unwirtlicher Ort entpuppt und nicht als Paradies.

Was auffällt ist, dass die männlichen Figuren unter der Kälte und Einsamkeit der Gesellschaft leiden. Sie sind anders und können sich nicht einfinden in dem ständigen Druck, der ihnen von außen auferlegt wird, sie sehnen sich nach Liebe, Erlösung und Zugehörigkeit. Fast alle sind begeisterte Leser und haben von Berufs wegen mit Literatur zu tun. Weibliche Figuren spielen hingegen nur eine Nebenrolle, sie werden begehrt, sie verschwinden, begehen aufgrund widriger Umstände Selbstmord oder haben sich ganz in sich verschlossen.

Murakami schreibt in einem Nachwort, dass der Stoff dieses Romanes eine gleichnamige Kurzgeschichte ist, die er 1980 veröffentlicht hatte. Vierzig Jahre lang sei er damit unzufrieden gewesen, denn er habe als junger Mann noch nicht die schriftstellerischen Fähigkeiten besessen, den Stoff auf künstlerische Weise zu bewältigen. Erst in der Zeit der Pandemie, als er drei Jahre lang fast gänzlich zurückgezogen in seinem Haus lebte, konnte er die Geschichte in eine für ihn passende Form bringen. Dass Realität und Fiktion so sehr ineinandergreifen, könnte ein Hinweis darauf sein, wie sehr die Welt damals aus den Fugen geraten ist und die Grenzen zwischen innen und außen verschwommen sind. Die Einsamkeit der Menschen ist nie so sehr ins Auge gerückt, wie damals, eine ungewisse Mauer, als man glaubte in einem Traum zu leben, der aber erschreckende Realität war.

Wie Murakami es ausdrückt: „Die Wahrheit liegt nicht im unveränderlichen Stillstand, sondern im steten Wandel. Das ist das Wesen des Erzählens, wie ich es sehe.“

Bernhard Schlink: Das späte Leben

Wenn man Schlinks „Der Vorleser“, seinen wohl berühmtesten Roman aus dem Jahre 1996 gelesen hat, der von der ersten großen Liebe eines Jugendlichen zu einer viel älteren Frau handelt, fragt man sich, welches Thema der Autor in seinem neuen Roman „Das späte Leben“ aufgreifen würde. So viel sei verraten: Er handelt von einer letzten großen Liebe eines alten Mannes zu einer 30 Jahren jüngeren Frau und ihrem gemeinsamen Kind.

Martin, ein 76 Jahre alter emeritierter Jura-Professor, erfährt, dass er nur noch ein halbes Jahr zu leben hat. Bauchspeicheldrüsenkrebs: Wie die verbleibende Zeit mit dieser Diagnose verbringen? Sein Leben so wie bisher leben, das Kind vom Kindergarten abholen, kochen, mit dem Jungen spielen, warten, dass die Frau, eine erfolgreiche Malerin, am Abend nachhause kommt, um ihr nun sagen zu müssen, dass er nur noch einige wenige gute Wochen haben werde. Wie wird sie darauf reagieren? Sie, die eine kühle und pragmatische Frau ist, nimmt ihn in die Arme und weint ein bisschen. Trotzdem wird sie zunächst nicht viel Zeit und Aufmerksamkeit ihrem Mann widmen, er findet auch heraus, warum. Um den sechsjährigen Sohn David etwas zu hinterlassen, trägt sie ihm auf, ein Video zu drehen, um ihm etwas mitzugeben zum Beispiel, wie man sich rasiert, sie hatte das  einmal in einem Film gesehen. Er gesteht sich ein, dass er das nicht könne und schreibt ihm Briefe, die seinem Sohn seine Werte und Auffassungen darlegen sollen. Sie handeln von Glauben, Gerechtigkeit, Arbeit, von der Liebe und dem Tod.

Überhaupt gibt es nun zu entscheiden, was er in den wenigen Wochen noch tun kann, wen er treffen oder welches Buch er noch lesen will. Von wem er sich verabschieden und was er noch ausrichten könne angesichts der kurzen Zeit, die ihm noch bleibt. So schrumpfen seine Verbindlichkeiten und Möglichkeiten immer mehr zusammen und letztendlich will er nur noch mit seiner Frau und seinem Sohn eine gute Zeit verbringen, ihnen seine Liebe schenken, in der Hoffnung, sich dadurch in ihren Erinnerungen zu verankern: Essen und ins Kino gehen, seinem Sohn zeigen, wie ein Komposthaufen gebaut wird, gemeinsam ein Bild für die Mutter malen, wandern gehen und Staudämme bauen, ans Meer fahren und im Liegestuhl sitzen und David beim Spielen mit Freunden zuzuschauen, ein Bild, das in Erinnerung geblieben ist aus Viscontis Verfilmung von „Der Tod von Venedig“. Sich auf das Wesentliche konzentrieren, manches noch sagen und tun, wovon man glaubte, man hätte noch Jahre Zeit dafür.

Neben all der Wehmut und dem Verlustschmerz treten Konflikte mit seiner Frau auf, sie öffnet ihm die Augen so kurz vor seinem Tod, besonders über seine Lebenslügen und Schatten. Fragen, wie hatte er genug geliebt, beschäftigen ihn und er versucht eine ehrliche Antwort darauf zu finden. Haben die gemeinsamen 6 Jahre mit seinem Sohn ausgereicht, ihm zu geben, was er selbst vermisst hatte? „David sollte lieben und sich lieben lassen, ohne sich abzustrampeln und Dornenhecken zu überwinden und bei allem Abstrampeln unsicher sein, ob er gut genug war.“

Wenn im „Vorleser“ die Zukunft für Michael Berg nach der ersten großen Liebe noch offen ist, ist sie für Martin Brehm in „Das späte Leben“ nur noch Vergangenheit. Angesichts des Todes, der ihm schon fest im Nacken sitzt, muss Martin sich quälenden Fragen stellen. Hatte er sein Leben so gelebt, „dass es sich, wann immer einen der Tod trifft“ erfüllt hat? Wie seine Antworten darauf ausfallen, lesen Sie in dem berührenden und altersmilden Roman von Bernhard Schlink.

Eines sei nun doch noch verraten: Ein schlechtes Vorbild für ein geglücktes Leben ist der Held von „Das späte Leben“ nicht.

Jonathan Franzen: Crossroads (2021)

Crossroads
  1. Der Titel des Romans „Crossroads“ von Jonathan Franzen bezieht sich auf eine kirchliche Jugendorganisation in den siebziger Jahren in einem Vorort von Chicago. „Crossroads“, gegründet von dem charismatischen Rick Ambrose, hat sich zum Ziel gesetzt, dass die Mitglieder radikal offen und ehrlich miteinander umgehen. Nicht mehr das Wort Gottes steht im Mittelpunkt, sondern Gott soll in der Liebe und Unterstützung zueinander erlebt werden.
  2. Der Titel ist mehrdeutig: Die Familie Hildebrandt, von der der Roman handelt, befindet sich ebenfalls an einem Wende- und Scheidepunkt (Crossroads). Die Hildebrandts wollen gute Menschen gemäß den Lehren des Christentums sein, ehrlich und aufrichtig, und kommen in Bedrängnis mit ihrer unaufgearbeiteten Vergangenheit und den Begierden und Wünschen, die das Leben für sie bereithält.

Die Hildebrands bestehen aus Vater Russ, überzeugter Pazifist, der zweiter Gemeindepfarrer von New Prospect ist und in einer Midlife-Crisis steckt, seiner Frau Marion, die eine frustrierte Hausfrau ist und ihr Leben ändern will und den vier gemeinsamen Kindern: Clem, der bereits auf dem College ist und nun in den Vietnamkrieg ziehen will, seiner siebzehnjährigen Schwester Betty, eine noch unberührte Cheerleaderin, die sich in einen vergebenen Musiker verliebt, dem fünfzehnjährigen hochbegabten Perry, der dealt, um seinen wachsenden Drogenkonsum zu finanzieren und dem 8-jährigen Jay, der kaum zu Wort kommt.  Die Hälfte des Romans spielt an einem einzigen Tag, dem 23. Dezember 1971, einem Tag vor Weihnachten. Von Kapitel zu Kapitel erfährt man aus der Perspektive eines Familienmitgliedes Genaueres über seine Geschichte, welche Konflikte er hat und wie es ihm Familiengefüge geht.

Russ kommt aus einer strengen Mennonitengemeinde, aus der er verstoßen wurde, weil er die „geschiedene“ Marion heiratet, die er nun nicht mehr begehrt, weil sie dick und unattraktiv geworden ist. Es gibt jedoch in der Gemeinde eine junge Witwe, der er den Hof macht, weil er sich nach sexueller Erfüllung sehnt. Seine Frau weiß davon und arbeitet bei ihrer Psychiaterin ihr Jugendtrauma auf, um wieder eine freiere Sicht auf die Möglichkeiten in ihrem Leben zu bekommen. Allen drei Kinder, Clem, Becky und Perry, stehen große Veränderungen bevor, die ihre Zukunft zeichnen werden. Die weiteren 400 Seiten, vor allem Ostern 1972, die Zeit in einem Ferienlager bei den Navajos in Arizona, widmet Franzen den Entwicklungen innerhalb der Familie, im Epilog Ostern 1974 kommen noch einmal alle Familienmitglieder zusammen, weil Russ seine Stelle in New Prospect aufgibt und eine neue antritt.

Die genaue Zeichnung der Charaktere und ihrer Gewissenskonflikte macht das über 800 Seiten lange Buch lesenswert. Mit jedem Kapitel erfährt man mehr über die Figur, erkennt die Spuren, warum sie so geworden ist und das vorgezeichnete Scheitern aufgrund der rigorosen Moralvorstellungen im Kopf und den Möglichkeiten der Zeit. Es wird wenig kommuniziert innerhalb der Familie, jeder ist mit seinen eigenen Träumen und seinen Lügen so sehr beschäftigt, dass es keine Zeit für ein ehrliches Miteinander gibt. So schreitet jeder seinem eigenen Glück bzw. Unglück entgegen.

Jonathan Franzen deckt mit viel Einfühlungsvermögen und Menschkenntnis die Verlogenheit in dieser streng christlichen Gemeinschaft und Familie auf, in der es nicht um Nächstenliebe und Dienen, sondern vor allem um Macht, Egoismus und Betrug geht.  

Der Roman greift viele Themen auf: Vietnam, Indianerreservate, Umweltschutz, Unterprivilegierte, Drogen, Ehe, Frauenemanzipation, Liebe und Hass, Unversöhnlichkeit, Scham und Vergebung, zeigt auf, dass vieles komplexer ist, als man es oberflächlich erahnen würde. Diese streng christliche Familie zeigt in den siebziger Jahren schon gewaltige Risse und da Franzen eine Trilogie mit dem vielversprechenden Titel „Einen Schlüssel zu allen Mythologien“ versprochen hat, ist man neugierig, wie sich die Welt der Hildebrandts und somit die Figuren des Romans weiterentwickeln werden. Man wartet gespannt, welches Leben vor allem die vier Hildebrandtkinder in den weiteren Jahrzehnten erwartet, welche Chancen sie ergreifen und welche Niederlagen sie erleiden.

Franzen hat mit „Crossroads“ ein Sittenbild der siebziger Jahre gezeichnet, das einen in den Bann zieht, da es so weit weg ist und doch so nah. Es lässt die Welt der Siebziger auferstehen, ohne Internet und Handy, mit all seine Chancen und Nöten, der beginnenden Psychologisierung und Wachsamkeit den eigenen Gefühlen und Lebensmöglichkeiten gegenüber. Wie wird die Familie Hildebrand die weiteren Jahrzehnte erleben, welche Themen der Zeit wird Franzen aufgreifen? Um es mit einem Satz zu sagen: Es wird spannend und man freut sich auf die Fortsetzung der maroden Familiengeschichte.

  • 3. Möglichkeit der Deutung des Titels: Bezug nehmend auf den Bluessong „Crossroads“ von Robert Johnson und das Cover des Romans hier die kraftvolle Version von „Cream“ aus dem Jahre 1968, als die Hippies Frieden und Freiheit in die Welt verkündeten.
Cream: Crossroads