Von Kathedralen, Nebel und Seefahrern: Portugal 21. – 28. 9. 2024

Kloster Batahla Westfassade

Wir waren bereits bis Frankfurt gekommen und saßen im Flugzeug. Dann begann das Warten; der Kapitän informierte, dass über Porto, der größten Stadt in Nordportugal, dichter Nebel läge, weshalb sich unser Abflug um eine Stunde verzögere. Schließlich waren es fast vier.

Porto zeigt sich dann doch noch von der sonnigen Seite, die beiden Schwesternstädte Porto und Vila Nova da Gaia liegen in die Hügel hineingeschmolzen, nur vom Fluss Douro getrennt. Befindet man sich im Zentrum, geht es hinauf und hinab, Lärm und Staus begleiten einen. Die Stadt ist zu klein geworden für die vielen Touristen aus aller Welt, die in der Altstadt von Porto unterwegs sind, um den bis nach oben hin gekachelten Bahnhof Sao Bento und die über der Stadt thronende Kathedrale zu bestaunen. Von dort hinunter zur eindrucksvollen Ponte Dom Luis I und der Kirche Sao Francisco, deren barocke Innenausstattung so überladen ist, dass man davor zurückschreckt. Umso stilvoller ist die Börse von Porto, in der ein Schlagzeuger um sein Leben trommelt, sodass der „Maurische Saal“ nur bei geschlossenen Türen seine ganze Pracht entfalten kann.

Porto

Der zweite Morgen beginnt wieder im dichten Nebel. Nun geht es in nach Guimaraes, Weltkulturerbe und erste Hauptstadt des Königreiches Portugal. Das Kastell und der Palast, oberhalb der Stadt, noch immer mächtig und uneinnehmbar. Ein Rundgang in der Altstadt führt uns vorbei an wackeligen mittelalterlichen Häusern und farbenprächtigen Gauklern, die den Largo de Toural beleben.

Weiter geht es nach Braga, ein schmuckes barockes Städtchen, wo eine Kathedrale und ein Bischofspalast uns erwarten. Aber die Schönheit des Tages ist die Wallfahrtskirche Bom Jesus da Monte, die nicht nur über eine bequeme Straße oder eine alte Standseilbahn zu erreichen ist, sondern auch über eine monumentale barocke Zickzacktreppe mit über 581 Stufen. Am Abend führt man uns in die Geheimnisse der Portweinerzeugung in der Kellerei Sandeman ein mit anschließender hochprozentiger Verkostung.

Der dritte Tag bringt uns zunächst über Aveiro, ein kleinen Städtchen mit bunten Fischerbooten, großen Gondeln gleich, nach Coimbra, einer alten Universitätsstadt, in der eine hübsche Studentin im Talar Bleistifte der Universität feilbietet. Dann geht es zur Christusritterburg nach Tomar, deren älteste Teile auf die Templer zurückgehen, hier bestaunen wir die „Charola“, die Gebetskapelle der Tempelritter. Nun sind wir gerüstet für Fatima, das wir an einem sehr kalten, windigen Spätnachmittag erreichen. Von den hunderttausenden Pilgern auf dem größten Kirchenvorplatz der Welt ist nichts zu sehen, er ist fast menschenleer. Nur einige wenige Pilgerinnen rutschen auf Knien den langen Weg zur Kathedrale hinunter, damit die Jungfrau Maria ihre Bitten erhöre.

Basilika Unserer Lieben Frau des Rosenkranzes

Nach der Besichtigung der Klöster Batalha und Alcobaca, letzteres war lange Zeit das geistliche Zentrum Portugals und gilt als die größte Kirche des Landes, gelangen wir nach Obidos, in ein schmuckes mittelalterliches Städtchen, das von einer intakten Stadtmauer umgeben ist, deren Begehung nicht ungefährlich ist. Trotz heftigen Regens und Sturms machen wir uns auf, um zum Cabo da Roca zu fahren, dem westlichsten Punkt des europäischen Festlandes, aber hier ist kein Verweilen möglich. Ab ins vibrierende Lissabon, das Leben und gute Laune verspricht.  

Aber Belem, das Torre de Belem, das Denkmal der Entdecker, und das riesige Hieronymus-Kloster versinken in Nieselregen und Menschenschlangen, sodass man gleichsam durchgehetzt wird und sich mit einer Gruppe von Italienerinnen einen Kampf um drei kümmerliche Toiletten liefern muss. Dann hinauf zum Kastell Sao Jorge mit schönem Ausblick über die Stadt, hinunter durch die engen Gassen der Alfama in die Baixa. Anschließend Besuch der Oberstadt, des Künstlerviertels, in dem wir auf einen jungen Musiker treffen, der mit gewaltiger Stimme das Publikum mit Songs von Simone Simon bis hin zu kapverdischen Volksliedern anrührt. Und dann endlich der ersehnte Fadoabend, die Musiker haben noch immer Freude und Spaß am Singen und Musizieren. Beschwingt und versöhnt durch diese künstlerischen Darbietungen verlassen wir am nächsten Tag die portugiesische Hauptstadt.

Nun tasten wir uns immer weiter in den Süden vor, wir fahren durch den Alentejo, vorbei an gerade geernteten Korkeichen und kilometerlangen Olivenhainen und Weinbergen, werden eingeweiht in das Leben und Werk von Jose Samarago, des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers und in die Politik von Salazar, gehen durch die Altstadt von Evora, besteigen den Turm der gotischen Kathedrale und erreichen am 7. Tag unserer Rundreise endlich die Algarve, bei Sonnenschein, tiefblauem Atlantik und warmen Temperaturen. Am Cabo Sao Vicente bildet sich eine lange Schlange bei der „Letzten Bratwurst vor Amerika“, dann erreichen wir die Festung Sagres, von Heinrich dem Seefahrer errichtet, der uns die ganze Reise begleitet hat. Jetzt, nach so vielen beeindruckenden Kirchen, Kathedralen, Klöstern, Festungen und Burgen, nach so vielen spannenden Vorträgen über portugiesische Geschichte, Eroberer, Kultur, Politik und Wirtschaft hat man den sehnlichen Wunsch, die bizarre Steilküste entlangzuwandern, Sonne und Wind im Gesicht zu spüren und dankbar zu sein für diese erlebnisreiche Reise durch Portugal im September 2024.

Nata, what else?

Wo die Freiheit begann

Danziger Hafen

In der Nacht überqueren wir die Grenze zu Polen und betreten eine andere Welt. Unser erster Halt ist eine Autobahnraststätte. In nüchterner, neondurchfluteter Atmosphäre essen wir Tomatensuppe mit Nudeln, die ganz nach Maggie schmeckt. Es geht weiter in die drittgrößte Stadt Polens, Posen, das genau zwischen Berlin und Warschau liegt und wo es 966 zur Gründung des polnischen Staates gekommen ist. Auf dem dunklen Parkplatz vor dem Hotel erwarten uns zwei Betrunkene, die Geld wollen. Wir geben nichts und fürchten noch im Schlaf um unser funkelnagelneues deutsches Mietauto.

Am nächsten Tag erwartet uns das Auto ohne Kratzer im Regen. Rund um das Rathaus erwachen die vielen Marktstände, die (wiederaufgebauten) bunten Giebelhäuser, einst Kaufmannsläden nun Restaurants, erstrahlen in den ersten Sonnenstrahlen und um zwölf Uhr beginnen die Menschen nach oben zu blicken. Denn täglich zu Mittag fahren aus dem Rathausturm zwei blecherne Ziegenböcke heraus und stoßen zwölfmal gegeneinander. Mit jedem Stoß geht ein Aufschrei durch die Menge. Von da mit der Free-Walking-Tour weiter zu den Highlights der Stadt, besonders ist der schöne Innenhof im ehemaligen Jesuitenkolleg, in dem Napoleon drei Wochen gewohnt hat und das berührende Orgelkonzert in der St. Stanislaus Pfarrkirche in Erinnerung geblieben. Auf dem Weg zurück zum Parkplatz besuchen wir noch das Einkaufszentrum, das die Rezeptionistin uns an Herz gelegt hat. Die ehemalige Hugger-Brauerei mit seiner einzigartigen Architektur ist nun sowohl ein Modetempel für die Begüterten als auch ein Ort, der von Kunstobjekten belebt wird.

Die Masse erwartet das Schauspiel der Ziegenböcke

Auf Landstraßen fahren wir am Nachmittag weiter nach Danzig, das uns mit hässlicher Architektur und vielen Kränen empfängt. Es ist kein guter Zeitpunkt für einen Besuch, denn es findet gerade der jährliche Dominikanermarkt statt, der die schöne Altstadt mit Tausenden Ständen und Besuchern verunstaltet. Wir kehren unsere Schritte ab und wenden uns dem Hafengelände zu und stoßen auf ein verrostetes Gebäude, das erst 2014 eröffnete Europäische Zentrum der Solidarność, an dessen Eingangstür „Europe starts here“ steht. Von der Eingangshalle bis zur Dachterrasse wird der Solidarność-Bewegung und besonders Lech Wałęsa Tribut gezollt. Noch nie habe ich eine so detaillierte, minutiös gestaltete Aufarbeitung der Geschichte einer Bewegung gesehen wie hier. Hier passt alles zusammen: Architektur, Ausstellungskonzept und die vielen Objekte, Ton- und Bildmaterialien, die Geschichte lebendig machen. Das Herz tut sich auf und man ist stolz auf diese mutigen Menschen, die ganz Europa verändert haben. Lech Wałęsa soll in dem Museum noch ein Büro haben, erzählt uns später der Stadtführer, nur für uns auf Englisch hinzufügend, aber die Polen seien nach Spitzelgerüchten nicht mehr gut auf ihn zu sprechen. Auch wenn man diesen Gerüchten Glauben schenkte, sie würden den Lauf der Geschichte nicht verändern.

Europäisches Zentrum der Solidarność

Mit dem Kuli „Freedom was born in Gdansk“ verlassen wir am nächsten Tag die Stadt, über die Nordseeküste und Stettin fahren wir zurück nach Berlin, wo unsere Reise durch den ehemaligen Ostblock vor zehn Tagen begonnen hatte. Überall war der Zweite Weltkrieg und seine Folgen noch präsent, als mahnende Erinnerung an Völkermord und Zerstörung. Die Teilung der Welt in Ost und West, in Freiheit und Unfreiheit, konnte ich im August 2017 nicht mehr spüren.

Ein Rendezvous mit Goethe

Goethes Arbeitszimmer

Ich bin Goethefan, also einmal im Leben den Ort besuchen, wo er die meiste Zeit gelebt hatte. Von Berlin geht es in dreieinhalb Stunden mit dem Bus nach Weimar, berühmt durch Goethe und Schiller, die Gründung der Weimarer Republik, das Bauhaus und das KZ Buchenwald. Größe und Verfall Deutschlands an einem Ort konzentriert.

Was hatte ich erwartet? Weimar ist kleinräumiger, schön hergerichtet, außer das Goethehaus. Das ist außen recht heruntergekommen, dem großen Dichterfürsten der deutschen Sprache nicht würdig. Am Nachmittag kehre ich zuerst einmal in eine der vielen Pizzerien ein. Ich hebe mir das Goethehaus auf, frisch und voller Schwung will ich sein Haus betreten. An diesem kurzen Nachmittag, während eines Stadtspazierganges besuche ich noch das Bauhaus-Museum, die Fürstengruft im historischen Friedhof, vorbei an berühmten Namen wie Charlotte von Stein und dem Rest der Goethe-Familie. Der schöne, laue Abend will genutzt werden, also hinüber in den Park an der Illm, vorbei am kuscheligen Liszt-Haus, hin zu Goethes Gartenhaus, hinauf zum Horn, wo das einzig realisierte Bauhaus-Haus in Weimar steht, über das fremd wirkende Römische Haus zurück ins Stadtzentrum. Die Wege für mich und Goethe überschaubar, er soll das Leben in einer Kleinstadt deswegen vorgezogen haben, lese ich an nächsten Tag. Ich muss mich anstrengen, sein Haus am Frauenplan zu finden. Eine kleine Tafel am Eingang weist schließlich darauf hin: „Goethe-Nationalmuseum“. Drinnen befindet sich ein professionell funktionierender Museumsbetrieb. Rechts geht es zu Goethes Wohnhaus, das uns nach einem breiten Treppenaufgang mit „Salve“ begrüßt. Wir schreiten durch das Vorderhaus, das der Repräsentation und Geselligkeit diente. Seine Italienreisen haben hier ihren Niederschlag gefunden, antike Skulpturen, Fresken und Friese erscheinen sonderbar in dem zierlichen Barockhaus, in dem er über fünfzig Jahr gelebt hatte. Dann geht es ins Hinterhaus, in seine Privaträume, alles ist hier schlicht und zweckmäßig eingerichtet: das Esszimmer, die Bibliothek, sein Arbeitszimmer, gleich daneben ein kleines Kämmerchen mit einfachem Bett. Man blickt auf den Stuhl, in dem er gestorben ist und bekommt eine Ahnung davon, was ein geglückten Leben sein könnte. Um seinem Genie näherzukommen, kann man anschließend im ersten Stock die Ausstellung „Lebensfluten – Tatensturm“ besichtigen. Die Ausstellung hat elf Räume, die Goethes Leben und Wirken im zeitgeschichtlichen Kontext zeigen: Seine Biographie und Werke, seine Tätigkeit als Politiker, Zeichner und Verfasser von naturwissenschaftlichen Studien. Über die Begriffe Genie – Gewalt – Welt – Liebe – Kunst – Natur und Erinnerung bekommt man einen fundierten Einblick in seine Zeit. Im Mittelpunkt steht die „Faust- Galerie“, wo man sich interaktiv mit dem Werk beschäftigen kann. Die Ausstellung zeigt Goethes unermüdliches Streben nach Erkenntnis und Vervollkommnung.

Stunden später ist man erschöpft und strebt in den schönen Garten hinaus, setzt sich auf eine schattige Bank, genießt die Ruhe und lässt seinen Geist in der Blumenpracht ausruhen. Nach einem Besuch im Goethehaus hat man zuhause viel zu erzählen.

Goethes Sterbesessel

Der Garten

Unsere Reise führt uns weiter nach Dresden, erinnert durch die fast vollkommene Zerstörung durch britische Bomben im 2. Weltkrieg.

Hamburg

22. – 26. August 2016

Warum nach Hamburg? Noch dazu zu der heißesten Zeit des Jahres?

Dann führt dich die Hitze direkt ins Museum, weil es dort immer kühl und sicher ist. Denn sicher fühlte ich mich auf Hamburgs Straßen nicht. Ich befürchtete, dass einer der vielen Obdachlosen etwas im Schilde führte, war in ständiger Angst vor dem Bösen, die auch hochkommt, wenn man um halb elf in der Nacht einen anonymen Anruf erhält.

So besuchte ich viele Museen, angefangen vom „Hamburger“ über „Kunst und Gewerbe“ bis hin zur „Verkehrten Welt“ im Bucerius Kunst Forum und lernte viel dazu. Dazwischen marschierte ich durch die Straßen Hamburgs, machte Bootsfahrten und saugte etwas Luft von der Hafenstadt und den dort liegenden riesigen Container- und Kreuzfahrtschiffen ein. Schön war die Alsterrundfahrt, weil dort mitten in der Stadt gesegelt, gerudert und gepaddelt wird. Das Auge freute die Möglichkeit trotz der sündteuren Villen am Ufer in drei Stunden den See auf einem Gehweg umrunden zu können. Denn fast das ganze Ufer gehört den Wasserhungrigen und ist öffentlich zugänglich. Gebadet hat jedoch niemand, das Wasser ist wohl zu kalt oder zu schmutzig.

Und die Abende? Die verbrachte ich im Kino, wo sich das Publikum recht eigenartig benimmt:

Chipspackungen und Süßigkeiten werden in den Saal geworfen, laute Kommentare geäußert, es wird geklatscht und gebuht, um sich als kleiner Teil einer großen Masse Gehör zu verschaffen und das gemeinsame Kinoerlebnis zu verleiden.

Und natürlich den „Welterfolg in Hamburg“ besucht. „König der Löwen“ läuft im Stage Theater im Hafen schon seit 15 Jahren und wurde gerade um weitere 5 Jahre verlängert. Die Inszenierung und Kostüme sind farben- und fantasievoll, die Sänger und Tänzer grandios und die Ticketpreise so hoch, dass man jede Minute auskosten will. Shuttleschiffe bringen die tausende Musicalfans jeden Abend zur Insel, wo auch das „Wunder von Bern“ gespielt wird. In der Pause hat man dann einen bezaubernden Blick auf die Lichter Hamburgs und die beleuchtete Elbphilharmonie.

Und wer etwas vom modernen Hamburg sehen möchte, dem sei die Hafencity ans Herz gelegt, die entstanden ist, weil die Containerschiffe die Speicherstadt überflüssig gemacht haben. Wer sich dort das Wohnen leisten kann, braucht keine Obdachlosen in den Hauseingängen fürchten. Hier, bei den Reichen, ist die Welt noch in Ordnung.

HafenCity