Wo die Freiheit begann

Danziger Hafen

In der Nacht überqueren wir die Grenze zu Polen und betreten eine andere Welt. Unser erster Halt ist eine Autobahnraststätte. In nüchterner, neondurchfluteter Atmosphäre essen wir Tomatensuppe mit Nudeln, die ganz nach Maggie schmeckt. Es geht weiter in die drittgrößte Stadt Polens, Posen, das genau zwischen Berlin und Warschau liegt und wo es 966 zur Gründung des polnischen Staates gekommen ist. Auf dem dunklen Parkplatz vor dem Hotel erwarten uns zwei Betrunkene, die Geld wollen. Wir geben nichts und fürchten noch im Schlaf um unser funkelnagelneues deutsches Mietauto.

Am nächsten Tag erwartet uns das Auto ohne Kratzer im Regen. Rund um das Rathaus erwachen die vielen Marktstände, die (wiederaufgebauten) bunten Giebelhäuser, einst Kaufmannsläden nun Restaurants, erstrahlen in den ersten Sonnenstrahlen und um zwölf Uhr beginnen die Menschen nach oben zu blicken. Denn täglich zu Mittag fahren aus dem Rathausturm zwei blecherne Ziegenböcke heraus und stoßen zwölfmal gegeneinander. Mit jedem Stoß geht ein Aufschrei durch die Menge. Von da mit der Free-Walking-Tour weiter zu den Highlights der Stadt, besonders ist der schöne Innenhof im ehemaligen Jesuitenkolleg, in dem Napoleon drei Wochen gewohnt hat und das berührende Orgelkonzert in der St. Stanislaus Pfarrkirche in Erinnerung geblieben. Auf dem Weg zurück zum Parkplatz besuchen wir noch das Einkaufszentrum, das die Rezeptionistin uns an Herz gelegt hat. Die ehemalige Hugger-Brauerei mit seiner einzigartigen Architektur ist nun sowohl ein Modetempel für die Begüterten als auch ein Ort, der von Kunstobjekten belebt wird.

Die Masse erwartet das Schauspiel der Ziegenböcke

Auf Landstraßen fahren wir am Nachmittag weiter nach Danzig, das uns mit hässlicher Architektur und vielen Kränen empfängt. Es ist kein guter Zeitpunkt für einen Besuch, denn es findet gerade der jährliche Dominikanermarkt statt, der die schöne Altstadt mit Tausenden Ständen und Besuchern verunstaltet. Wir kehren unsere Schritte ab und wenden uns dem Hafengelände zu und stoßen auf ein verrostetes Gebäude, das erst 2014 eröffnete Europäische Zentrum der Solidarność, an dessen Eingangstür „Europe starts here“ steht. Von der Eingangshalle bis zur Dachterrasse wird der Solidarność-Bewegung und besonders Lech Wałęsa Tribut gezollt. Noch nie habe ich eine so detaillierte, minutiös gestaltete Aufarbeitung der Geschichte einer Bewegung gesehen wie hier. Hier passt alles zusammen: Architektur, Ausstellungskonzept und die vielen Objekte, Ton- und Bildmaterialien, die Geschichte lebendig machen. Das Herz tut sich auf und man ist stolz auf diese mutigen Menschen, die ganz Europa verändert haben. Lech Wałęsa soll in dem Museum noch ein Büro haben, erzählt uns später der Stadtführer, nur für uns auf Englisch hinzufügend, aber die Polen seien nach Spitzelgerüchten nicht mehr gut auf ihn zu sprechen. Auch wenn man diesen Gerüchten Glauben schenkte, sie würden den Lauf der Geschichte nicht verändern.

Europäisches Zentrum der Solidarność

Mit dem Kuli „Freedom was born in Gdansk“ verlassen wir am nächsten Tag die Stadt, über die Nordseeküste und Stettin fahren wir zurück nach Berlin, wo unsere Reise durch den ehemaligen Ostblock vor zehn Tagen begonnen hatte. Überall war der Zweite Weltkrieg und seine Folgen noch präsent, als mahnende Erinnerung an Völkermord und Zerstörung. Die Teilung der Welt in Ost und West, in Freiheit und Unfreiheit, konnte ich im August 2017 nicht mehr spüren.

Ein Rendezvous mit Goethe

Goethes Arbeitszimmer

Ich bin Goethefan, also einmal im Leben den Ort besuchen, wo er die meiste Zeit gelebt hatte. Von Berlin geht es in dreieinhalb Stunden mit dem Bus nach Weimar, berühmt durch Goethe und Schiller, die Gründung der Weimarer Republik, das Bauhaus und das KZ Buchenwald. Größe und Verfall Deutschlands an einem Ort konzentriert.

Was hatte ich erwartet? Weimar ist kleinräumiger, schön hergerichtet, außer das Goethehaus. Das ist außen recht heruntergekommen, dem großen Dichterfürsten der deutschen Sprache nicht würdig. Am Nachmittag kehre ich zuerst einmal in eine der vielen Pizzerien ein. Ich hebe mir das Goethehaus auf, frisch und voller Schwung will ich sein Haus betreten. An diesem kurzen Nachmittag, während eines Stadtspazierganges besuche ich noch das Bauhaus-Museum, die Fürstengruft im historischen Friedhof, vorbei an berühmten Namen wie Charlotte von Stein und dem Rest der Goethe-Familie. Der schöne, laue Abend will genutzt werden, also hinüber in den Park an der Illm, vorbei am kuscheligen Liszt-Haus, hin zu Goethes Gartenhaus, hinauf zum Horn, wo das einzig realisierte Bauhaus-Haus in Weimar steht, über das fremd wirkende Römische Haus zurück ins Stadtzentrum. Die Wege für mich und Goethe überschaubar, er soll das Leben in einer Kleinstadt deswegen vorgezogen haben, lese ich an nächsten Tag. Ich muss mich anstrengen, sein Haus am Frauenplan zu finden. Eine kleine Tafel am Eingang weist schließlich darauf hin: „Goethe-Nationalmuseum“. Drinnen befindet sich ein professionell funktionierender Museumsbetrieb. Rechts geht es zu Goethes Wohnhaus, das uns nach einem breiten Treppenaufgang mit „Salve“ begrüßt. Wir schreiten durch das Vorderhaus, das der Repräsentation und Geselligkeit diente. Seine Italienreisen haben hier ihren Niederschlag gefunden, antike Skulpturen, Fresken und Friese erscheinen sonderbar in dem zierlichen Barockhaus, in dem er über fünfzig Jahr gelebt hatte. Dann geht es ins Hinterhaus, in seine Privaträume, alles ist hier schlicht und zweckmäßig eingerichtet: das Esszimmer, die Bibliothek, sein Arbeitszimmer, gleich daneben ein kleines Kämmerchen mit einfachem Bett. Man blickt auf den Stuhl, in dem er gestorben ist und bekommt eine Ahnung davon, was ein geglückten Leben sein könnte. Um seinem Genie näherzukommen, kann man anschließend im ersten Stock die Ausstellung „Lebensfluten – Tatensturm“ besichtigen. Die Ausstellung hat elf Räume, die Goethes Leben und Wirken im zeitgeschichtlichen Kontext zeigen: Seine Biographie und Werke, seine Tätigkeit als Politiker, Zeichner und Verfasser von naturwissenschaftlichen Studien. Über die Begriffe Genie – Gewalt – Welt – Liebe – Kunst – Natur und Erinnerung bekommt man einen fundierten Einblick in seine Zeit. Im Mittelpunkt steht die „Faust- Galerie“, wo man sich interaktiv mit dem Werk beschäftigen kann. Die Ausstellung zeigt Goethes unermüdliches Streben nach Erkenntnis und Vervollkommnung.

Stunden später ist man erschöpft und strebt in den schönen Garten hinaus, setzt sich auf eine schattige Bank, genießt die Ruhe und lässt seinen Geist in der Blumenpracht ausruhen. Nach einem Besuch im Goethehaus hat man zuhause viel zu erzählen.

Goethes Sterbesessel

Der Garten

Unsere Reise führt uns weiter nach Dresden, erinnert durch die fast vollkommene Zerstörung durch britische Bomben im 2. Weltkrieg.