Derzeit ist das Ausseerland mit seinen prachtvollen kalten Seen wieder einmal hoch im Kurs. Menschen- und Autokolonnen durchziehen das Land, noch niemals sah man so viele Familien und Paare die Wanderwege entlangmarschieren und die Badeseen bevölkern, die Einheimischen können zufrieden sein, denn der Rubel rollt wieder. Gab es früher ein reichhaltiges Kulturprogramm im Sommer, musste dieses aufgrund der gefährlichen Zeitumstände abgesagt werden. Was bleibt sind Yoga- und Pilateskurse, Rücken – und Faszientraining, Yonga und Kort.X-Gehirntraining, Platzkonzerte, Themenwanderungen, Vollmondfahrten und Führungen im Freien.
An einer nahm ich teil: einem Spaziergang durch das Literaturdorf Altaussee. Der Andrang war nicht allzu groß, wir waren zu zweit. So sahen wir schon von unserem Ausgangspunkt das Haus der Familie Brandauer, eigentlich das der früh verstorbenen Regisseurin Karin Brandauer („Abschied von Sidonie“) – der weltberühmte Schauspieler Klaus Maria hatte den Namen seiner Frau angenommen – noch immer ein Friseurladen. Dann links abgebogen an der verschlafenen Sommeresidenz ehemaliger Adeliger vorbei, die Straße hinunter zum See, wo uns der Maler Horst K. Jandl in sein Haus hineinbittet. Hier soll Friedrich Torberg gerne Gast gewesen sein und seinen „Schüler Gerber“ geschrieben haben. Der stolze Hausherr zeigte uns bereitwillig seine Kunstkammer, sogar ein echter Binzer war im Stiegenhaus zu bewundern.

Weiter ging es zur Grenadieranlage, in der uns die Geschichte des Bergbaus und seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg vermittelt wurde. Gegenüber erstreckt sich das imposante Vivamayr, das wie immer ziemlich leer wirkte, aber der Schein könnte trügen, denn hier sollen nicht wenige Berühmtheiten Auszeit nehmen und zu neuer Gesundheit und Schönheit finden.
Gerade an diesem Ort passierte Folgendes: Meine Mitstreiterin aus Kapfenberg, Bettina, erkundigte sich, ob hier das Hotel der Frischmuths gestanden habe, der zentrale Mittelpunkt von „Verschüttete Milch“, das sie gelesen hatte. Ja, hier sei die Dependance des Hotels am See gewesen, bestätigte unsere Führerin. Man selbst kann sich noch gut an eine ziemlich verwilderte Villa in Ausseer Stil erinnern, die in den letzten Jahren durch Luxusappartements ersetzt worden ist. Diese konnte aber nicht das Geburtshaus der Dichterin gewesen sein, wie ich später im Roman erfahren werde, da das Hotel in den fünfziger Jahren abgerissen worden war. Auf der Seepromenade kommen uns zwei arg zitternde Mädchen in Badeanzügen entgegen, an der Schiffsanlegestelle liegt noch verlassen Österreichs erstes Solarschiff und wartet auf Gäste.

Von hier aus werden uns am gegenüberliegenden Hang stilvolle Häuser und Sommerresidenzen gezeigt, samt der Namen ihrer Besitzer, bevor wir schnellen Schrittes weiter zum eigentlichen Hotel am See kommen, dessen abwechslungsreiche Geschichte in Frischmuths Roman nicht zu kurz kommt. Wir erfahren Wichtiges über die renovierte Pfarrkirche, bevor wir den Friedhof betreten, in dem Horst K. Jandl eine moderne Mosaiktür (Leichenhalle) gestaltet hat. Neben der Eingangstür ist folgende Gedenktafel angebracht.

Bemerkenswert ist, dass am Altausseer Friedhof auch jüdische Gräber zu besichtigen sind. Jakob Wassermann, der gleich daneben seine Villa hatte mit einem separaten Küchenhaus, da er Küchengerüche partout nicht ausstehen konnte, ist hier begraben. Das Grab des Begründers des Freikletterns, Paul Preuss, dem vor einigen Jahren ein Denkmal in Altaussee in Anwesenheit von Reinhold Messner gesetzt wurde, grenzt daran. An der Friedhofmauer erinnern Inschriften an jüdische Gäste, die in Konzentrationslagern ermordert worden waren und gerne in Altaussee auf Sommerfrische waren.
Unser Spaziergang endet wieder an unserem Ausgangspunkt, dem Literaturmuseum. Das Haus von Barbara Frischmuth, vor allem dessen Garten, dem ich seit Jahren auf der Spur bin, wurde uns nicht gezeigt. Stattdessen erwarb ich im Literaturmuseum ihr neuestes Buch „Verschüttete Milch“, natürlich mit Signatur. Von diesem Buch, das von der Kindheit der Autorin in den vierziger und fünfziger Jahren in Altaussee erzählt, handelt mein nächster Beitrag.