Ich wartete seit ewigen Zeiten auf diese Dokumentation. Sebastian hatte sie mir schon im September 2022 dringlich nach seinem Marathonbesuch bei den Filmfestspielen in Venedig ans Herz gelegt. Nach dem Goldenen Löwen und dem Oscar für den besten Dokumentarfilm nutzte ich gleich die erste Gelegenheit Anfang Juni, um die Premiere in Wien zu besuchen. Im Filmcasino gab Felix Hoffmann, Leiter von Arsenal Wien, eine kundige Einführung, der mit der Künstlerin selbst in Berlin zusammengearbeitet hatte. Das vollbesetzte Kino versank tief in das Leben und Wirken von Nan Goldin, einer berühmten amerikanischen Fotografin und Aktivistin. Jedoch war die Zeit für diesen Text noch immer nicht reif. Es brauchte noch einen ganzen Monat und einen erneuten Kinobesuch, das stete Schluchzen meiner Sitznachbarin, um mich an die Veröffentlichung zu wagen.
Im Mittelpunkt der Dokumentation steht Goldins Kampf gegen die mächtige Familie Sackler, die mit ihrem Medikament Oxycontin der Opoidkrise in den USA den Weg bahnte. Dieses Medikament, das nach Operationen als Schmerzmittel eingesetzt wird, führt rasch in eine starke Abhängigkeit, der in den USA bereits 500 000 Menschen zum Opfer gefallen sind und noch immer fallen. Die Familie Sackler hatte damit ein Milliardenvermögen gemacht und unterstützte mit großzügigen Beträgen berühmte Museen, Theater und Universitäten. Als Gegenleistung schmückte der Name Sackler ganze Abteilungen von Museen. Dagegen trat Nan Goldin und ihr Verein PAIN an. Sie veranstalteten Aufsehen erregende Kunstaktionen in den Räumen und vor den Museen, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Millionen, mit denen Kunstförderung betrieben wird, Blutgeld sind, womit Menschen mit ihrem Leben bezahlt haben. Als Symbol dafür dienten orange Pillendöschen, Rezepte von Oxycotin, die wie Schneeflocken von den Rängen des Guggenheim- Museums flatterten, Aktivisten, die leblos am Boden lagen und Sprechchöre.
Der zweite Erzählstrang der Dokumentation ist dem Leben und künstlerischem Schaffen von Goldin gewidmet. Die Motive der weltberühmten Fotografin waren immer Freunde und Bekannte aus der queeren Szene zunächst in Boston, dann in New York. Nan Goldin, die aus einer dysfunktionalen Familie stammt, litt ein Leben lang unter dem Selbstmord ihrer 17-jährigen Schwester Barbara. Um nicht ebenso traumatisiert zu werden wie die Schwester, rät ein Psychiater ihrem Vater sie zu einer Pflegefamilie zu geben, die sie aber bald verlässt. Sie findet ihre eigentliche Familie dann in der queeren Kunstszene. Sie fotografiert ihre Freunde in allen Lebenssituationen und gibt ihnen so Sichtbarkeit, Schönheit und Würde. Denn, wie Goldin in der Dokumentation erzählt, waren in den siebziger Jahren die Repressalien so groß, dass sich ihre Freunde tagsüber nicht auf die Straße trauten, weil sie Angst haben mussten, verhaftet oder verprügelt zu werden. Um ihre Kunst zu finanzieren, arbeitet sie als Stripperin in New Jersey und als Prostituierte. Aids wird viel Leid und Sterben über diese Gemeinschaft bringen. Als Nan Goldin eine Kunstaktion veranstaltet, um auf die Aidstragödie und das massenhafte Sterben aufmerksam zu machen, kommt es zu heftigen Protesten von Seiten konservativer Kräfte und es werden Unterstützungsgelder gestrichen. Aber auch dagegen wird lautstark auf den Straßen protestiert.
Das Leben von Nan Goldin ist mit ihren Kunstaktionen verwoben, ihre Bilder halten die Schönheit und Zerbrechlichkeit ihrer Community fest. Nan Goldin ist ihrer Zeit weit voraus: Niemand hielt es damals für wichtig, Bilder aus dem Leben von queeren Menschen zu zeigen. Es ist ein großes Vermächtnis, das die Künstlerin geschaffen hat und wohl nur wenige der jungen Menschen im Kino können sich wohl vorstellen, wie fremd und unsichtbar diese Welt noch in den neunziger Jahren in Österreich war.
Nan Goldin fotografierte sich selbst beim Sex, als schwer misshandelte Frau mit blutunterlaufenen Augen, erzählt von ihrer Drogenabhängigkeit und ihrer Überdosis, die ihr fast das Leben gekostet hätte und vom Selbstmord ihrer Schwester, der in der Familie ein Tabu war. Die Künstlerin versucht zu ergründen, warum sich ihre Schwester mit 17 Jahren vor den Zug gelegt hat. War es eine Geisteskrankheit oder waren es die Verhältnisse, die ihre jugendliche Rebellion im Keim erstickten und in schweren Depressionen endeten? Nan Goldin wird den Kampf ihrer Schwester gegen Konformität und Repression wieder aufnehmen und erfolgreicher weiterführen. Denn die Freude der Aktivisten ist groß, als bekannt wird, dass der Name der Familie Sackler aus vielen großen Museen dieser Welt verschwunden ist und dass ein große Summe Geld an die Opfer gezahlt werden muss.
Laura Poitras gelingt es einfühlsam, diesen Weg spannend zu dokumentieren und uns ein Portrait einer Frau zu zeigen, die mit ihren Bildern und Worten den Schmerz und die Schönheit eines Künstlerlebens offenbart. Man hätte ihr noch stundenlang zuhören können. Auch beim zweiten Mal.