Wenn man sich gerade in Berlin aufhält, dann trifft man überall auf die Zeit der Naziherrschaft. Wie in Wien laden Stolpersteine zum Hinabschauen ein, wer in diesem Haus einmal gewohnt hatte und wann und wo ermordet wurde. Auch die Ausstellung „Berlin Global“ im Humboldt-Forum, die sich interaktiv der Frage widmet „Was ging und geht von Berlin in die Welt?“ widmet dem 2. Weltkrieg und einzelnen jüdischen Schicksalen einen „unruhigen, grauen und aufgebrochenen“ Raum. In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zeigt eine Ausstellung „Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ und Peter Weiss` Theaterstück „Die Ermittlung“ aus dem Jahr 1965, das die Ausschwitz-Prozesse beschreibt, kam gerade als vierstündiger Ensemblefilm in die Kinos.
Hat man den Film „The Zone of Interest“ gesehen, der einem aufgrund des nicht gezeigten Grauens in Ausschwitz den Magen umdrehte, so glaubte man, dass es nicht mehr viele Möglichkeiten geben könnte, die „Banalität des Bösen“ filmisch darzustellen. So ging ich mit nicht allzu großen Erwartungen gestern am späteren Nachmittag in die Kulturbrauerei in den Film „Führer und Verführer“ von Joachim A. Lang. Ich muss einräumen, dass mich vor allem die österreichischen Schauspieler Robert Stadlober („Crazy“) als Joseph Goebbels und der viel beschäftigte Fritz Karl als Adolf Hitler motivierten, den Film zu sehen.
Joseph Goebbels, Hitlers Propagandaminister und einer seiner engsten Vertrauten und seine Frau Magda (Franziska Weisz) mit ihren sechs Kindern genießen einen luxuriösen Lebensstil in Berlin, auch Magda hat eine freundschaftliche Beziehung zum Führer und ist immer wieder am Obersalzberg zum Essen eingeladen. Der Film zeigt die Jahre des Aufstiegs von Josef Goebbels im nationalistischem Terrorregime, die Beziehungsprobleme des Paares – Goebbels hatte immer außereheliche Liebschaften, die Magda nicht mehr akzeptieren wollte, eine Scheidung verhindert Hitler, weil er die Goebbels als Vorzeigefamilie für sein Volk braucht (nicht historisch verbürgt). Goebbels beherrscht sein manipulatives Handwerk perfekt und obwohl er anfangs nicht mit den Kriegszielen von Adolf Hitler übereinstimmt, hatte er das Volk ja auf Frieden eingestimmt, ist er loyal und befeuert seine Propagandamaschinerie, um Hitler uneingeschränkt an der Macht zu halten, bis zum bitteren Ende. Beide wissen, dass ihre Zeit vorüber ist und es kein Weiterleben für sie geben kann.
Was macht den Film so besonders? Einerseits ist es die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarsteller: Robert Stadlober, nun auch schon über Vierzig, spielt Joseph Goebbels mit einer Vielschichtigkeit, die fasziniert. Er weiß genau, welche Propaganda, d. h. Lügen er einsetzen muss, um die Deutschen auf Hitlers Kriegs- und Vernichtungspläne einzustimmen. Am Anfang des Films hört man eine männliche Stimme, die 1942 ruhig und besonnen über den Kriegsverlauf spricht. Es ist der einzige heimliche Mitschnitt von Hitlers Stimme in einem privaten Rahmen. Die Stimme unterscheidet sich diametral von den hysterischen Reden, die Goebbels inszeniert, um Hitler die Aura eines charismatischen Führers zu geben. Jeder seiner Auftritte ist von seinem Propagandaminister genauestens vorbereitet, sei es nur, dass ein kleines Mädchen dem vorbeifahrenden Führer Blumen überreicht. Aber Goebbels erkennt auch die größenwahnsinnigen Pläne Hitlers, setzt ihnen aber nichts entgegen, weil er zu sehr auf seine Macht und seinen Einfluss bedacht ist.
Alte Wochenschau-Bilder sind mit Spielfilmszenen verknüpft, sodass die Übergänge nur zu erkennen sind, dass sie in Schwarz-Weiß gedreht wurden. Interviews mit Holocaustüberlebenden und Aufnahmen von amerikanischen Soldaten geben wieder, welche Folgen diese menschenverachtende Politik für die Opfer hatte. Sie erzählen, wohin der Wille zum totalen Krieg, die Propaganda von unwertem Leben und der Erweiterung des deutschen Lebensraums geführt hatte: 60 Millionen Menschen wurden im Zweiten Weltkrieg getötet und das ganze jüdische Volk sollte „ausgerottet“ werden, wie Goebbels es in seiner Sportpalastrede bewusst als Versprecher ausspricht.
Nicht verwunderlich war, dass immer wieder Weinen im Publikum zu hören war und dass man anhand des Aufstiegs und der Propaganda von Goebbels erkennen konnte, dass diese historische Tragödie von Menschen gemacht wurde, denen es vor allem um Macht und Einfluss ging und denen alle Menschlichkeit abhandengekommen war.
Als wir bei der Führung „Berlin global“ gefragt wurden, wovor wir derzeit Angst hätten, antwortete eine Teilnehmerin: „Vor der AfD“.
Ein Satz von Promo Levi steht dem Film als Warnung voran: „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen“.