Christine and the Queens: Tilted

Wer kennt sie nicht die Schmerzen, wenn man verlassen wird und gescheitert ist. Man kann monatelang ins Bett liegen und verzweifeln, trinken und kotzen, bis zum Umfallen arbeiten oder auch nach London gehen und sich dort neu erfinden. Das tat die Musikerin Héloȉse Lettissier 2010, als sie in Paris privat und beruflich völlig daniederlag. Nachdem sie in einem Sohoer Nachtclub von der Ausstrahlung und Fürsorge dreier Drag Queens aufgepäppelt worden ist, nennt sie ihre Bühnenpersönlichkeit von nun an „Christine and the Queens“: „Christine as a stage character is just a way for me to be more daring, to be more out of the box, to be stronger and to use everything that could weigh me down like a fuel, like an energy”, bekennt sie in einem Interview und erobert seither die Musikwelt.

Sie wird als neuer Stern am französischen Pop-Himmel gefeiert, auch Madonna zählt zu ihren Fans. In ihrer Musik vermischt sich Pop mit Electro, Chanson und Rhythm und Blues. „Ich wollte einen Sound schaffen, der keine eindeutige Identität hat und offen für verschiedenene Musikrichtungen ist“.
Ihre starke Bühnenpräsensenz verdankt sie nicht nur ihrer einschmeichelnden Stimme, sondern auch ihrem Schauspielstudium und ihrer langjährigen Ausbildung als Tänzerin. Michel Jackson und Pina Bausch gelten als ihre Vorbilder.
Im ersten Lied („iT“) des vielgerühmten Albums „Saint Claude“ (2014) singt sie „Cause I´ve got i t/ I´m the man now“ und trägt von nun an stets Anzug und flache Schuhe auf der Bühne.
“Tilted“ ist nach Times einer der besten Songs des Jahres 2015, mit dem sie dazu auffordert, all die Gefühle, die schwach und unsicher machen, als Energie zu nutzen. Dazu tanzt sie Bewegungen, die fröhlich, ausgelassen, ganz eins mit der Musik sind. Auch wenn man niedergeschlagen und unsicher ist, kann man sich vom leichten Rhythmus der Musik bewegen lassen und wieder auf seine Beine kommen.
„I`m doing my face with the magic marker / I`m in my right place, don`t be a downer.“ Man kann sich auch schon mögen als der, der man ist und vielleicht einmal sein wird, dies ist ihre befreiende Botschaft an alle Perfektionist(inn)en unter uns.
Sieht man ihrer Bewunderin Madonna auf der Bühne zu, Christine war ihr Gast bei der letzten Welttournee, erkennt man, wie peinlich diese im letzten Jahrhundert steckengeblieben ist. Die Gegenwart sieht anders aus: sie gehört Christine and the Queens.