Der eingebildete Kranke (Regie: Herbert Fritsch)

Burgtheater, 4. 6. 2016

Man ist ja einiges gewöhnt, wenn man in Wien Theatergeherin ist. Meist bekommt man aber Inszenierungen geboten, denen man folgen kann, die so schlüssig sind, dass Zusammenhänge und Beweggründe erfasst werden können. Leider hatte ich das Pech, hintereinander zwei Theatervorstellungen zu sehen, deren Regiekonzept sich mir nicht erschloss.

Die erste Theatervorstellung war „Der Auftrag“ von Heiner Müller, der im Rahmen der Wiener Festwochen im Mai im Theater an der Wien gespielt wurde. Großartige Schauspieler, ein Bühnenbild und Kostüme, die zum Staunen verführen, dazu ein Publikum, das sich auf den Abend freut. Und dann ereignet sich Theater als schlechte Vorleseübung aus dem Off, die Schauspieler, die sich immerhin bewegen dürfen, zu Mundbewegungen verdammt. Die Stimme sollte wohl dem Autor gehören, soweit reicht die Vorstellung. Die Verstörung darüber wuchs mehr und mehr zum Ärgernis an, zur Wut, dass eine so wundervolle Schauspielerin wie Corinna Harfouch dies mitmachen muss. Der verhaltene Schlussapplaus galt nur ihr.

Das zweite Stück sah ich gestern Abend an der Burg: „Der eingebildete Kranke“ von Moliere. Wiederum viel Vorfreude, extravangante Farben und Kostüme, noch dazu von meinen Lieblingsschauspielern getragen: Joachim Meyerhoff als Argan, Markus Meyer als sein Dienstmädchen und Dorothee Hartinger als Angelique. Kopfschütteln und Unverständnis von Anfang an: Warum dieses Herumgezapple, auf den Boden werfen, Brücke und Spagat machen, wildes Tanzen, Stimme verstellen, schnell Reden bis zur Pause hin? Obwohl ich mir den teuersten Sitzplatz gegönnt hatte, ging viel Text in der Sport- und Stimmakrobatik unter. Sollte man nichts verstehen? Wollte man zeigen, dass Burgschauspieler besonders konditionsstark und gedehnt sind? Wenn ja, warum? Nach der Pause waren sie verständlicherweise so erschöpft, dass sie nur mehr spielen konnten. Und das können Meyerhoff und Meyer wirklich, blitzschnell sausen jetzt die Wörter hin und her, man kann sich entspannen, lachen und an der hohen Schauspielkunst teilhaben. Dann passt es auch, wenn Meyer zwischendurch Flamenco tanzt und Meyerhoff die meiste Zeit seinen Hintern dem Klistier entgegenstreckt, Hauptsache man versteht.

© a.achilles 2016