Wie man Bekanntschaften schließt

Seit das Klima in aller Munde ist und immer mehr Leute auf die Bahn wechseln, ergeben sich für Alleinreisende mehr und mehr Möglichkeiten, unterwegs Bekanntschaften zu schließen und Neues zu erfahren. War früher genügend Platz, dass der Sitzplatz neben einem leer blieb, ist es heutzutage damit vorbei. Jeder Sitzplatz wird gebraucht. Konnte man früher durch unfreundliches Schauen mögliche Nachbarn erfolgreich abwehren, wird man jetzt durch beharrliches Danebenstehen und freundliches Bitten aufgefordert, Platz zu machen. Meistens ist es einem wirklich nicht recht und da man nun mehrere Stunden miteinander eingezwängt sitzt, habe ich es aufgegeben, Widerstand zu leisten. Ich fange ein Gespräch an und bin immer wieder bass darüber erstaunt, was ich dadurch alles erfahre.

Oft sind es nach Hallstatt an- oder abreisende Asiaten, die mir alles über sich erzählen. So habe ich schon Adressen in Hongkong, Taiwan, Korea und Australien einsammeln können, ich konnte mein Englisch trainieren und habe viel über das Leben dort erfahren. Wer hat schon die Möglichkeit, in einem österreichischen Zug mit einer Australierin über die dort gängigen Behandlungsmöglichkeiten von Autisten zu sprechen? Ich bekam auch gleich Videomaterial vorgespielt. Bis wir in Hallstatt ankamen, wusste ich zudem alles über Kinder und Enkelkinder samt Fotos und erfreute mich an der witzigen Konversation des australischen Ehepaares. Uns gegenüber saß ein älteres Paar aus New York, das auch sehr interessant aussah und womöglich sehr viel zu erzählen gehabt hätte. Aber ich wollte mich an diesem Tag auf das winterliche Australien beschränken. Oder Hongkong: Wie und mit welchen Zielen schaffen es Touristen von dort in 12 Tagen (14 Tage Urlaub ist das Höchste, davon ein An- und ein Abreisetag) ganz Europa zu erkunden? Und warum kostet ein Hotelzimmer in Hallstatt zur Zeit des Narzissenfestes das Doppelte (stolze 380 Euro pro Nacht)? Ich könnte noch und noch erzählen, möchte mich aber hiermit auf eine Begegnung beschränken, die mich letzten Sonntag zwischen Attnang Puchheim und meinem Zielort zwei Stunden später beschäftigte.

Eine sehr braungebrannte Fünfzehnjährige war auf dem Weg nach Liezen zum ersten Date. Sie trug eine sehr knappe Short und ein tief ausgeschnittenes T-Shirt. Schon in Gmunden kannte ich ihre Lebensgeschichte und ahnte nichts Gutes. Sie sei sehr aufgeregt, erzählte sie und habe wenig geschlafen, weil sie mit einer Freundin in der Nacht einen ganzen Kasten Bier ausgetrunken hatte. Ich glaubte ihr nicht, riechen konnte ich nichts, aber sie sprach etwas verschwommen, sodass ich immer wieder nachfragen musste. Sie war voller Hoffnungen, freute sich auf den Nachmittag mit ihrem „Freund“ aus dem Internet, kuscheln wolle sie, sie beide wären sehr kuschelbedürftig. In Ebensee erfuhr sie, dass er mit Freunden im Freibad sei, da spürte ich einen Hauch von Enttäuschung, da sie – ein Blick in den leeren Beutel vor sich – kein Badezeug mithatte. In Bad Ischl kam die Nachricht, dass er nicht in Liezen im Freibad war, sondern in Wald am Schoberpass. Es musste umdisponiert werden. Ein Zug nach Wald am Schoberpass wurde gesucht. Das ergab folgenden Plan: Zug nach St. Michael, zurück nach Wald am Schoberpass, Ankunftszeit vier Uhr. Wir hatten aber schon in Bad Aussee  vierzig Minuten Verspätung, also würde sie den Anschlusszug in Stainach Irdning sicherlich nicht schaffen. Sie sollte aber um acht Uhr wieder zurück in Attnang Puchheim sein, dann müsse sie noch eine Stunde zu Fuß nach Hause gehen. Mir ging es wahrlich nicht gut bei diesen Aussichten und ich wollte laut aufschreien. Kurz bevor ich den Zug verließ, fragte ich sie zögerlich: Weiß dein Freund, dass du kommst? Ja, antwortete sie, er habe ihr gerade getextet, dass er sich auf sie freue.

 

Einmal Hallstatt hin und zurück

Was führt täglich Tausende, hauptsächlich sehr junge, perfekt geschminkte Mädchen und androgyne junge Männer aus Asien nach Hallstatt? Ist es nur die Sehnsucht nach dem Original? Sie kommen mit dem Zug angereist, warten geduldig in Zweierreihe auf die Überfahrt und haben von dem Moment, wo das Schiff startet, ihre Handys gezückt und fotografieren. In Hallstatt angekommen schwärmen sie in den kleinen Ort aus, um jeden Winkel des pittoresken Ortes festzuhalten. Ich habe gehört, dass die Hallstätter nicht mehr in Hallstatt wohnen, weil sie sich wie die Venezianer in Venedig fühlten, reißaus genommen haben und dem Fremdenverkehr den Ort übergeben haben. Und es dürfte stimmen. Der Ort, den ich aus meiner Jugend noch recht heruntergekommen und lieblich in Erinnerung habe, ist herausgeputzt, in jedes Haus ist ein Hotel und ein Restaurant eingekehrt mit dementsprechend hohen Preisen. Entlang der Hauptstraße reiht sich ein Kunsthandwerksladen an den nächsten, es gibt sogar einen Dirndl(kleid)-Verleih, auch eine Schnellimbissstube findet ihre zahlreichen Kunden. Dabei gibt sich der Ort wirklich Mühe, den Besuchern etwas von der großen Vergangenheit des Ortes zu zeigen. Es wären überall im Ort Schautafeln zu lesen, die auf das frühere Leben verweisen, es gäbe ein Museum, das zu besichtigen wäre und den steilen Aufstieg zum Salzberg, der mit elf Infotafeln in englischer und deutscher Sprache die große Vergangenheit und Bedeutung von Hallstatt zum Leben erweckt. Man liest über die Geschichte des Bergbaus, zu den Bergleuten, über die beschwerliche Arbeit der Trägerinnen und die Habsburger. Wer dem Rummel im Tal entkommen will, gehe diesen steilen, einsamen Serpentinenweg hinauf, zuerst über Treppen und dann durch den kühlenden Wald, immer wieder bietet sich ein herrlicher Ausblick. Oben angekommen, völlig verschwitzt, trifft man sie dann wieder die Massen, schick gekleidet und leichtbeschuht haben sie den Weg auf den Rudolfsturm über die Seilbahn genommen. Dann schnell ein Erinnerungsfoto auf dem spektakulären Aussichtsplateau, dem 2013 errichteten „Welterbeblick“ und wenn noch Zeit und Kraft bleibt die Salzwelten erkunden.

Wieder im Ort angekommen, reiht man sich am Landungssteg ein und hofft noch einen Platz auf der Fähre zu bekommen. Auf der Fahrt blickt man zurück auf Hallstatt, das seine Farbenpracht verloren hat. Ein Gewitter ist aufgezogen. Der Bahnsteig ist überfüllt, aber als der Zug nach Attnang abgefahren ist, sitzt man alleine da, verstört darüber, was man an diesem Montag im Juli 2017 in Hallstatt erlebt hat. Sogar der Topfenstrudel mit Vanillesauce hat anders geschmeckt.