Eine Frauenfreundschaft

Ferrante: Reife und Alter

Wenn man sich bis zum vierten Teil der Neapolitanischen Saga (insgesamt 2200 Seiten) vorgearbeitet hat, kann man zuerst einmal mit dem Titel gar nichts anfangen. Und das Ereignis, von dem er berichtet, findet so unmittelbar und aus dem Nichts statt, dass der Schrecken bleibt.

Seit meiner Reise vor einigen Jahren in das berühmt-berüchtigte Neapel lese ich an den Büchern von Elena Ferrante. Jedes Jahr tauche ich wieder ein in das dichte Beziehungsgeflecht im Armenviertel Rione, aber vor allem in die lebenslange Freundschaft zwischen den zwei ungleichen Freundinnen Elena Greco und Raffaela (Lila) Cerullo.

Darum geht es vor allem in den vier Büchern von Elena Ferrante und natürlich um den Alltag in diesem von Gewalt und Armut geprägten Viertel.

Im vierten Band „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ hat Elena bereits studiert und es ist ihr gelungen, aus Neapel wegzuziehen. Auch hat sie mit der Hilfe der Familie ihres Bräutigams bereits ein Buch veröffentlicht, das sie in jungen Jahren berühmt gemacht hat. Sie wird in die Wirren der 68er Generation hineingezogen, hat Freunde, die später den radikalen Weg einschlagen werden. Erst einmal ist sie aber glücklich mit Pietro, einem jungen Universitätsprofessor aus einflussreichem Haus, den sie nur auf dem Standesamt heiratet, was einen großen Aufruhr bei ihrer katholischen Familie in Neapel verursacht.  Obwohl sie sich vornimmt, nicht schwanger zu werden, steht sie bald mit zwei kleinen Kindern da, die ihr jegliche Kraft und Energie für ein weiteres Schreiben nehmen. Sie wird immer unzufriedener und da braucht es nur den Besuch ihrer Jugendliebe Nino, um sich aus der häuslichen Enge zu befreien. Sie kehrt mit ihren beiden Töchtern nach Neapel zurück und rückt wieder in den Einflussbereich ihrer Jugendfreundin Lila, die inzwischen eine erfolgreiche Unternehmerin geworden ist.

Im vierten Band findet Elena zu ihrer Berufung zurück und sie wird eine gefeierte und überall gern gebuchte Schriftstellerin. Sie reist viel, kämpft aber immer wieder mit ihren starken Schuldgefühlen, zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit für ihre Töchter zu haben. Nach der stürmischen Zeit mit Nino, der sich nicht von seiner reichen Frau trennen will, findet sich Elena nach einiger Zeit in einem Haus mit Lila wieder, die weiterhin mehr oder weniger boshaft ihr Leben kommentiert und dirigiert. Was ist es, das die kluge und erfolgreiche Elena immer wieder zurück zu Lila treibt? Ist es ihre gemeinsame Kindheit, ist es die Persönlichkeit Lilas, die sich von nichts und niemandem etwas sagen lassen will? Die stets ihre Unabhänigkeit zu bewahren versucht und recht bald auch nach der Macht im Rione strebt? Eine Frau, die sich scheinbar nicht unterkriegen lässt? Die stets mehr zu wissen scheint als Elena, der oft der Weitblick fehlt, die lange Zeit völlig in ihre Gefühle zu Männern verstrickt ist? Die Freundschaft der beiden ist von tiefer Verbundenheit, aber auch von großer Eifersucht und  Konkurrenz geprägt. Lila wird für ihre Unabhängigkeit und Widerborstigkeit einen hohen Preis zu zahlen haben, auch weil sie, obwohl hochintelligent und schon als kleines Mädchen als Geschichtenschreiberin tätig, keine Ausbildung absolvieren darf und sich dadurch nicht aus den Fängen und der Gewalt des Armenviertels befreien kann. Elena wird dies immer wieder gelingen.

Der vierte Teil schließt den Reigen von der Kindheit bis ins Alter ab und stellt zugleich die politische und private Situation dieser beiden Frauen in den letzten 60 Jahren exemplarisch dar. Kein leichtes Unterfangen, aber Elena Ferrante erzählt die Geschichte so leicht und doch so tiefgründig, dass man sich noch viele weitere Bücher wünschte. Gleich morgen mit dem ersten Band „Meine geniale Freundin“ beginnen, denn man erfährt am Beginn, was mit Lila passiert.