
Juli Zeh hat schon über viele Themen geschrieben: über Gesundheitsdiktatur („Corpus Delicti“), Kindheitstrauma („Neu Jahr“), Windräder („Unter Leuten“) und nun einen Roman „Über Menschen“. Sie ist immer am Puls der Zeit, also auch an Corona, hier aber als Hintergrundkulisse. Das Buch handelt über Menschen in einem fiktiven Dorf in Brandenburg, Bracken, nicht weit von Unterleuten entfernt, wieder ein Dorf- und möglicherweise der erste Coronaroman im deutschen Sprachraum.
Alles fängt harmlos und überschaubar an. Die 36-jährige Dora, eine erfolgreiche Werbetexterin für nachhaltige Produkte, lebt in einer 80 Quadratmeter Wohnung mit Balkon in Kreuzberg, als die Welt noch fast in Ordnung ist. Sie stammt aus einer guten Familie, der Vater ist ein angesehener Neurologe, der zwischen einer Klinik in Mainz und der Charité hin- und herpendelt, die Mutter früh an Krebs verstorben. Sie hat einen Bruder, der im Aufbau einer eigenen Familie begriffen ist, und nicht viel Zeit hat und Interesse an seiner Schwester zeigt. Sie lebt mit Robert zusammen, einem liberalen Journalisten, der früh die Gefahren von Corona erspürt, Greta verehrt und sich mehr und mehr in Klima- und Umweltschutz verbeißt. Dann muss Dora ins Homeoffice und dafür ist die Wohnung zu klein, zudem ihr Freund es gewohnt ist, über sie alleine zu verfügen. Es bleibt ihr nur die kleine Küche als Arbeitsplatz und um der Enge dort zu entkommen, macht sie sich mit ihrer Hündin, Jochen der Rochen, während des Lockdowns zu langen Spaziergängen auf. Nun gilt sie zuhause als Virenschleuderin und es kommt immer mehr zu Reibereien, zunächst reagiert sie trotzig, flüchtet schließlich aus den Beziehung in ein altes Gutsverwalterhäuschen in Brandenburg. Und nun beginnt die eigentliche Geschichte: Sie macht sich mit großem Eifer daran, das Grundstück zu kultivieren, hat aber weder Wissen noch Mittel dafür. Es könnte für sie nicht trostloser sein: ein leeres, heruntergekommenes Haus, ein Garten, der verwildert ist, kein Auto in der Provinz mit spärlichen öffentlichen Verkehrsmitteln, sodass eine Einkaufstour zum nächsten Shoppingcenter nur mit großer Mühe und Anstrengung zu bewältigen ist. Doch sie hat Glück: ein glatzköpfiger, nicht gut riechender Hüne mit Tattoos erkennt ihre Lage und sammelt sie an der Bushaltestelle samt Hund und Einkaufssäcken auf. Es ist ihr Nachbar, Gote, der sich ihr als Dorfnazi vorstellt und wegen versuchten Todschlags im Gefängnis saß, wie Dora später herausfindet. Zudem hatte er Spaß, Linke zu jagen und zu verprügeln. Einerseits hat sie Angst vor ihm, zumal er einen Schlüssel zu ihrem Haus besitzt und in diesem ein- und ausgeht. Er ist grob, aggressiv und droht ihren Hund umzubringen, sollte dieser sich noch einmal auf über seine Kartoffel hermachen. Andererseits kümmert er sich liebevoll um seine Tochter und die in der Provinz verlorene Dora. Er schenkt ihr Stühle, baut ein Bett für sie, malt aus, stellt eine Palme ins Haus und sorgt dafür, dass ihr Grundstück gerodet wird. Aber er bedroht auch Ausländer und singt beherzt mit seinen Freunden Nazilieder in seinem Garten. Auch die übrigen Dorfbewohner, die sich um Dora kümmern, das Schwulenpaar, das kifft und einen AfD-Aufkleber auf dem Postkasten hat oder Heini, der ihr im Garten hilft, aber ständig rassistische Witze auf Lager hat, irritieren die grün wählende Dora. Wie sie mit diesen Widersprüchen zurechtkommt, erzählt der Roman in weiterer Folge.
Im Roman ist Corona der Katalysator für gesellschaftliche Probleme, die bereits vorher vorhanden waren: Klimawandel, Rechtsextremismus, Einsamkeit, Verschwörungstheorien, Landflucht. Berufliche und persönliche Verhältnisse verändern sich für Dora mit Coroana schlagartig, es drängt ans Licht, was vorher noch verschleiert war. Aber im Dorf haben alle ihr Bündel zu tragen und müssen mit schwierigen Herausforderungen zurechtkommen. Doras Leben gerät aus den Fugen, aber ihre finanzielle und persönliche Krise bringt sie zu mehr Nähe und Verständnis den Menschen im Dorf gegenüber. Widersprüche gilt es auszuhalten, nicht aufzulösen, dies scheint die zentrale Botschaft von „Über Menschen“ zu sein. „Trotz allem liegt da drüben ein Mensch.“
Mag sein, dass manche sagen, dass „Über Menschen“ kein politischer Roman sei und keine Wertung stattfinde. Man muss dem Roman zugutehalten, dass die Figuren und ihre Konflikte lebendig geschildert werden, dass Berührung stattfindet und man sich mittendrin in einem kleinen dörflichen Kosmos befindet, der zeigt, was die deutsche Gesellschaft derzeit auszeichnet und woran sie zu zerreißen droht.