Der Gesang der Flusskrebse

Ich bekenne, es ist ein Frauenbuch, denn es geht um Liebe und Natur und passt so genau in unsere Zeit. Ist es doch die Nähe, die uns gegenwärtig am meisten bedroht und das Verweilen in der Natur am wenigsten. Denn nie zuvor sah man so viele, die die engen Wohnungen verlassen und sich dorthin aufmachen, wo die Wiesen üppig und die Bäume so dicht sind, dass der Himmel grün erscheint. Der Gesang der Vögel, das Rauschen der Wälder war nie lauter, eingehüllt in diese gerät man nicht nur mehr und mehr in die Geschichte von Kya Clark hinein, der Heldin von „Der Gesang der Flußkrebse“, sondern auch inmitten eines spannenden Kriminalfalls, der das Tempo des Lesens vorgibt.

Kya lebt ein abgeschiedenes Leben in Einklang mit der Natur und wird schon als Siebenjährige nach und nach von ihrer Familie verlassen, zunächst gehen ihre älteren  Geschwister, dann die Mutter und schließlich kehrt auch der Vater nicht mehr in die verfallenene Hütte zurück. Von nun an ist sie ganz auf sich allein gestellt und wird es für lange Zeit auch bleiben. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die sie unterstützen, eine schwarze Familie und ein Junge, der ihr seine Liebe durch wertvolle Federn erklärt. Der Roman erzählt die Geschichte dieses Mädchens, das von der Gemeinschaft ausgestoßen zu einer schönen, wilden jungen Frau heranwächst, die von vielen als Trophäe begehrt wird. Aber einer ihrer Liebhaber wird gleich am Beginn der Geschichte tot am Fuße des Leuchtturms aufgefunden und sie gerät schnell in das Visier der beiden ermittelnden Beamten. Kann sie einen Mord begangen haben, hatte sie ein Motiv? Während die Ermittlungen aufgenommen werden, gibt es Rückblenden, die das Heranwachsen von Kya beleuchten: Wie sie sich allein durchschlägt, wie es ihr gelingt, Geld zu verdienen, um zu überleben, wie sie Lesen und Schreiben lernt und immer wieder enttäuscht wird. Und sich mehr und mehr an der Tierwelt ein Beispiel nimmt. Durch ihre Beobachtungen in der Marsch wird sie später Bücher illustrieren und so ein Auskommen finden. Wenn da nicht die Mordanklage wäre.

Was macht das Buch so spannend und zum Bestseller? Sicherlich ist die Geschichte dieses Marschmädchens, das ganz allein in der Wildnis ums Überleben kämpft, packend und gut erzählt. Naturbeschreibungen nehmen einen großen Platz ein und beim Lesen könnte man vielleicht die Sehnsucht entwickeln, so unberührt von der Zivilisation mit Meer und Tier verbunden zu sein. Aber der Preis ist ein hoher, den Kya dafür zahlt. Einsamkeit und Misstrauen gegen sich und andere  begleiten sie. Aber auch der Wunsch, stark zu sein, sich nicht ängstigen und einschüchtern zu lassen. Wenn die Zeit, in der die Geschichte spielt, auch die fünfziger und sechziger Jahre sind, so weist die Heldin weit in die Zukunft voraus, da sie als höchstes Gut Freiheit und Unabhängigkeit für sich beansprucht. Und wenn die Sprache nicht ausreicht, ihrer Gefühle zu beschreiben, übernehmen Gedichte diese Funktion. Zum Beispiel eines von Emily Dickson:

„Das Herz auffegen / Die Liebe wegräumen / Die wir nicht wieder brauchen wollen / Bis in die Ewigkeit.“

Die Spannung steigt nach einem langsamen Beginn, der in das bitterarme Leben einführt, es geht in rasantem Tempo auf den Höhepunkt zu, je mehr sie in Berührung mit den Menschen kommt. Wird sie es überleben?

Der Gesang der Flusskrebse

Gespräche mit Freunden

Nach dem Lesen des Buches fragt man sich: „Wirklich, so ein Ende?“. .. Man hätte sich gewünscht, dass es anders ausgeht, dass die Protagonisten die Situation, in der sie sich befinden, eleganter lösen könnten. Erwachsener, reifer.

Wenn die 28-jährige Sally Rooney im anglo-amerikanischen Raum als großer Stern des Literaturhimmels gefeiert wird, dann braucht man einige Zeit, um das zu erkennen. Man ist irritiert vom einfachen Stil und den doch sehr vielschichtigen Themen, die in den Gesprächen verhandelt werden. Man denkt sich anfangs, hier sind vom Leben verwöhnte junge Menschen am Reden auf der Suche nach dem großen Glück. Klugscheißer, Hedonisten, die vorgeben Marxisten zu sein, aber zu keinem sozialen Engagement bereit sind.

Da gibt es die die 21-jährige Ich-Erzählerin Frances, sie ist begabte Studentin am renommierten Trinity Collage in Dublin, die Schriftstellerin werden möchte, aber gerade ein Praktikum in einem Verlag macht. Mit ihr eng verbunden ist die gleichaltrige Bobbi, eine radikale Kapitalismuskritikerin, aus reichem Elternhaus, die mit Frances Gedichte bei Poetry Slamveranstaltungen vorträgt. Beide hatten einmal eine Beziehung, die Bobbi beendete. Bei einem ihrer Auftritte lernen sie ein zehn Jahre älteres Ehepaar kennen, Nick ist gut aussehender Schauspieler, seine Frau Melissa eine erfolgreiche Autorin und Fotografin. Beide sind reich, leben in einem schönen Haus und haben einflussreiche Freunde in der Kunstszene.

Das Buch besteht aus den Gesprächen und den Beziehungen dieser vier Protagonisten. Und es handelt von den schönen und traurigen Zeiten, die sich daraus entwickeln. Frances verliebt sich in Nick, wobei Liebe für sie Macht bedeutet. Bobbi besitzt einen glasklaren Verstand, an dem so mancher Gesprächspartner zerschellt. Sie ist an Melissa interessiert, die wiederum ihren Ehemann nicht schätzt, da sie ihn, als er sich in einer Krise befindet, mit seinem Freund betrügt. Alle Beteiligten geben sich in Liebesdingen cool und unabhängig, sprechen intellektuell über ihre Gefühle und handeln doch ganz anders. Besonders Frances, die zwischen Selbststilisierung und Selbstzweifel hin und hergeworfen wird, findet keinen Zugang zu ihren wahren Gefühlen, was immer stärker in selbstverletztende Handlungen mündet.

Nach dem Lesen bleibt Irritation. Ist dieser Buch wirklich ein Abbild der Zwanzig- bis Dreißigjährigen? Was beschäftigt diese Generation? Sexualität, Macht, Ehe, Treue, Feminismus, Kapitalismus, Geld, meist viel Geld, mit dem sie sich teure Kleidung, Häuser und Unabhängigkeit leisten können. Nur Frances passt nicht dazu, da sie so gut wie keine Einkünfte hat und sich kaum etwas zu essen leisten kann. Sie ist auch das schwächste Glied in der Kette, sie scheint aber diejenige zu sein, die sich den Fragen ihrer Existenz am ehrlichsten stellt. Mit ihren einundzwanzig Jahren ist sie an der Schwelle zum Erwachsenensein und alles kann neu verhandelt werden.

Sally Rooney wird vom Independent als die „wichtigste Stimme des Millennialgeneration“, von der New York Times als die „erste großartige Autorin des Millennials“ bezeichnet. Was sagt das über diese Generation?

Kluge Dialoge bestimmen einen großen Teil des Buches, meist sind die Gedanken schon viel weiter als die Gefühle, die nicht so leicht durch Bücher und Studium zu erwerben sind. Aber es geht Frances darum, das in ihrem Leben zu suchen, was stimmig für sie ist. Noch bleibt alles im Vagen und der Weg dorthin bietet viele Abzweigungen und Umwege.

Die Suche nach Liebe und Glück ist bestimmendes Thema des Romans und die 27-jährige Autorin hat dies, das muss ich nun doch bekennen, spannend und meisterhaft beschrieben. Sie hatte nicht nur Literatur und Politik in Dublin studiert, sondern wurde wohl auch nicht zu Unrecht Europameisterin im Debattieren. Das Erstlingswerk erschien 2017 unter dem Titel „Conversations with Friends“ und soll sogar die Verkaufszahlen von Michelle Obamas „Becoming“ übertroffen haben.

„Gespräche mit Freunden“ wird derzeit von der BBC als zwölfteilige Serie verfilmt, worauf man mit Spannung warten kann, da das Buch nur 384 Seiten hat.