A Promised Land

Barack Obama: A Promised Land

Nicht, dass das Buch eine kurze Freizeitbeschäftigung wäre, denn die deutsche Ausgabe mit dem vielversprechenden Titel „Ein verheißenes Land“ umfasst 1024 Seiten und die Kindle-Version in Originalsprache zeigt stolze 64 Stunden an, auch für eine ambitionierte Leserin wie mich ein wochenlanges Unterfangen. Was bekommt man dafür?

Einen guten Einblick in die politische Karriere von Barack Obama, beginnend mit dem Wahlkampf 2008 und den ersten vier Jahre seiner Präsidentschaft bis 2011. Man kann teilhaben an wichtigen Entscheidungen, von der Finanzkrise 2008/2009, die mit hoher Arbeitslosigkeit und dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes einherging, bis zur Ermordung des Erzfeindes Osama bin Laden. Er lässt uns miterleben, was im Weißen Haus passierte in dieser Zeit, die man selbst nur durch österreichische Medien vermittelt bekam. Man ist hautnah dabei, blickt hinter die Kulissen von historischen Ereignissen, viele sind heute schon fast in Vergessenheit geraten, und ist dann doch sehr überrascht, wie schwierig und komplex die Ereignisse von Washington aus zu bewältigen waren, immer im Hinterkopf, dass es keine perfekten Entscheidungen gibt. Man begleitet einen Präsidenten, der sich nicht nur innenpolitisch, sondern auch außenpolitisch permanent in einem Krisenmodus befand, Entscheidungen treffend bzw. veranlassend, die mehr oder weniger das Leben vieler auf der ganzen Welt berührten.

Beginnen wir mit seinem Wahlkampf: Kaum jemand hätte es ihm zugetraut, als Politneuling innerhalb von wenigen Jahren an die Spitze der Macht zu kommen und die Hürden waren enorm. Nicht nur seine Frau Michelle leistete erbitterten Widerstand, sondern auch viele in der Demokratischen Partei und nicht zu vergessen, die gegnerische Partei, die bis ans Ende seiner achtjährigen Amtszeit ihm jedes nur mögliche Hindernis in den Weg legte. Mit großer Spannung verfolgt man diesen Wahlkampfkrimi und bewundert nicht nur den hohen Kraftverschleiß der tausenden von Wahlkampfauftritten, sondern vor allem die vielen höchst engagierten und begabten Menschen um ihn herum, die ihm mit Rat und Tat Tag und Nacht zur Seite standen. Und immer wieder reflektiert Obama über dieses Geschehen, über seine Siege und Niederlagen, über falsche Entscheidungen und Verletzungen, die er erlitten oder anderen zugefügt hat. Eines wird aber von Anfang an klar: Hier ist ein Sieger unterwegs, dem es auf fast magische Weise gelingt, andere und vor allem viele junge Menschen für sich und seine Vision von Amerika als ein verheißenes Land zu begeistern. Was viele nicht für möglich gehalten haben: Obama wird mit einem großen Vorsprung zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Der Jubel und die Freude bei seinem Auftritt mit seiner Familie in Chicago sind überwältigend. Fast hat es dein Eindruck, die Beatles wären auferstanden. Mit dem Umzug ins Weiße Haus nimmt der Zug eine Geschwindigkeit auf, die atemberaubend ist. Die wichtigsten Posten müssen mit fähigen Leuten besetzt werden, loyale Mitarbeiter gefunden und viele von ihnen sind in Obamas Alter mit noch kleinen Kindern zuhause. Stellt man seine ganze Zeit und Energie in den Dienst des Präsidenten oder schenkt man sie Frau und Kindern? Denn die Herausforderungen an sein Team sind enorm: die Finanzkrise hatte Millionen Jobs gekostet und vielen Menschen Hab und Gut genommen, eine Krankenversicherung für alle Amerikaner musste unter vielen Widerständen verhandelt und durchgesetzt werden. Über falsche Entscheidungen, die getroffen wurden, die Hilfspakete, die geschnürt wurden, dass er und sein Team zu Wallstreet nah gehandelt hätten, über Einwände und Zweifel in Bezug auf seine Politik lässt er den Leser / die Leserin nicht im Unklaren. Er ist zur Selbstkritik fähig und zeigt, dass das Weltgeschehen von Menschen bestimmt wird, die zwar möglicherweise aus bestem Wissen und Gewissen handeln, aber nicht frei von falschen Entscheidungen und Handlungszwängen sind. Nach der Finanzkrise hält die „Deepwater Horizon“ die ganze Nation in Atem, über 800 Millionen Öl strömten über Monate hinweg in den Ozean und führten zur schwersten Umweltkatastrophe in der Geschichte. Darauf folgte die Griechenlandkrise, die die ganze Weltwirtschaft abermals schwer in Mitleidenschaft zog, die allgegenwärtige Klimakrise, der Arabische Frühling, und immer in der vordersten Front die Kriege in Irak und Afghanistan und sein im Wahlkampf gegebenes Versprechen, den Krieg dort zu beenden, dazu die Probleme, Guantánamo zu schließen und auch Donald Trump bekommt mehr und mehr politisches Gehör mit seiner kruden Theorie, dass Obama nicht im Land geboren sei. Vieles lässt sich nicht so rasch lösen wie erhofft, auch dem mächtigsten Mann der Welt sind Grenzen der Macht gesetzt. Und am Schluss berichtet er von dem intensiven Geheimdienstbemühen auf die Spur von Osama bin Laden zu kommen und ihn zur Verantwortung für die Opfer von 9/11 zu ziehen. Dass dies nach jahrelangem Bemühen gelingt, bezeichnet er als großen Sieg seiner Präsidentschaft und damit endet auch der erste Teil seiner Autobiografie.

Es ist eine fesselnde Lektüre, die einen gefangen nimmt und mitreißt. Schon immer eine große Bewunderin von Obamas Redetalent, kommt nun dazu, dass er auch kluge Biografien schreiben kann. Die Mischung aus Privatem und Politischen, Ernst und Humor, Stärke und Schwäche macht das Buch besonders lesenswert.

Als er von seiner Frau erfährt, dass er den Friedensnobelpreis bekommen habe, fragt er lakonisch: „For What?“

Trevor Noah Superstar

Kennen Sie Trevor Noah? Wenn nicht, dann ist es Zeit, ihn kennenzulernen. Seit einigen Jahren ist er Gastgeber der „Daily Show“ und überzeugt täglich durch messerscharfen Witz und Intellekt. Er tingelt als Stand-up-Comedian durch die ganze Welt, füllt riesige Hallen und nichts scheint leichter zu sein, als Witze zu erzählen. Er plaudert vor einem riesigen Publikum und alles stimmt: Die Körpersprache, die Geschichten, die so wirken, als fielen sie ihm spontan ein, immer wirkt er authentisch und ist zudem ein begnadeter Stimmenimitator. Er ist mit Barack Obama zu vergleichen, der von Anfang an voller Leidenschaft ins Rampenlicht trat und so die Massen mitreißen konnte. Nun also der junge Südafrikaner Trevor Noah: Was hat ihn so erfolgreich werden lassen? Eine gute Schule, eine einzigartige Begabung? Von Obama wissen wir, dass seine Mutter mit großem Einsatz seine Ausbildung vorantrieb. Klein Obama wurde um vier Uhr geweckt und musste bis sieben mit seiner Mutter lernen, die in weiser Voraussicht, dass nur so aus dem fernen Indonesien ein Stipendium in Amerika möglich sei, kein Nachsehen mit seinem Jammern hatte. Mit zehn schafft er es, ein Stipendium an einer renommierten Schule in Hawaii zu bekommen. In seiner Autobiographie „Dreams from My Father“ beschreibt Obama Kindheit und Jugend, den großen Einfluss seiner Mutter auf den Weg, der ihn schließlich nach Kenia führt auf der Suche nach seinem afrikanischen Vater. Nicht weit davon entfernt, in Südafrika, leben zur gleichen Zeit Trevors Mutter, die schwarz ist und sein zukünftiger Vater, ein Schweizer Geschäftsmann, nebeneinander in einem Wohnblock. Sie will ein Kind von einem Weißen, gerade deswegen, weil dies während der Apartheit strengstens verboten war. Trevor wird geboren, er darf sich mit seinem Vater nicht öffentlich zeigen, seine Mutter muss einige Schritte hinter ihm gehen, um als Kindermädchen durchzugehen. In Soweto darf er nicht aus dem Haus, weil seine Großmutter befürchtet, dass er gestohlen werde. In der Schule wird er das Problem haben, nicht zu wissen, wohin er gehört, zu den Weißen, den Farbigen oder den Schwarzen. Und da die Mutter bitterarm ist, gesellt er sich immer zu letzterer Gruppe. In seiner Autobiographie „Born a Crime“ beschreibt er, wie es war, in einem Südafrika aufzuwachsen, das kurz davor ist, von Nelson Mandela befreit zu werden, aber noch lange an der blutigen Vergangenheit zu leiden hat. Wie schwer es für ihn war, als Jugendlicher in einer Umgebung aufzuwachsen, wo Armut und Gewalt allgegenwärtig waren. Wegen seiner Armut kann er nicht Fuß fassen in der Welt der Weißen und wählt Freunde, die mit illegalen Geschäften (Raubkopien, Handel mit Diebesgut) ums Überleben kämpfen. „Born a Crime“ bezieht sich nicht nur auf seine illegale Geburt, sondern auch auf die Zeit in den Townships, in denen die Trennung zwischen Gut und Böse verschwommen war. Ständig besteht die Gefahr erschossen zu werden, einmal wirft die Mutter ihren Sohn aus dem fahrenden Auto, weil sie sich in Todesgefahr befinden. Auch die Mutter verprügelt ihn immer wieder „aus Liebe“ und sie heiratet schließlich einen gewalttätigen Mechaniker, der ihr und Trevor nach dem Leben trachtet. Damit endet das Buch. Aber Trevor hat bereits erste Erfolge und verdient genug Geld, um sich aus dem Sumpf von Verbrechen und Gewalt zu winden. Er hat eine einzigartige Begabung, die ihm eine Alternative bietet.

Sieht man ihm bei seiner Abendshow zu, ist man fasziniert, wie leicht und unbeschwert er wirkt. Mandela, den er immer wieder parodiert, hätte sicherlich seine Freude an diesem jungen Mann aus der Heimat. Sein „langer Weg zur Freiheit“ führt hin zu Trevor Noah, der die Schmerzen der Apartheit in Comedy verwandeln kann.

Apropos: Einmal ist Trevor Noah hinter der Bühne zufällig in Barack Obama gerannt. Er soll zu ihm gesagt haben: „You are looking cute, Mr. President!“

„Born a Crime“ ist auch als Hörbuch ein Bestseller und Trevor Noahs Auftritte können in großer Anzahl im Netz gefunden werden.