Benedict Wells: Die Geschichten in uns. Vom Schreiben und vom Leben
Wer ein Benedict Wells Fan ist – und ich bin einer, siehe Rezension zu „Hard Land“ – , wartete gespannt auf dieses Buch, das Anfang September in Österreich erschienen ist. Und ich wurde nicht enttäuscht. Und auch Sie werden dieses Buch immer wieder lesen wollen.
Im ersten Teil („Der Weg zum Schreiben“) setzt sich Wells damit auseinander, wie seine Biografie Einfluss auf seinen Weg als Schriftsteller genommen hat. Im zweiten („Über das Schreiben“) beschäftigt er sich mit der Theorie, dieser ist gleichsam eine Anleitung zum Schreiben für junge AutorInnen. Und der dritte Teil („Aus der Werkstatt)“ zeigt konkret anhand von „Hard Land“ und „Vom Ende der Einsamkeit“ verschiedene Überarbeitungen.
„Warum man anfängt“
Einiges aus Wells chaotischer Kindheit ist bekannt – die Mutter bipolar, immer wieder Psychiatrieaufenthalte, der Vater bankrott und überfordert – und so wird er nach der Trennung der Eltern mit 6 Jahren in staatliche Heime verabschiedet. Für ihn ein Segen und doch ein tiefer Schmerz, aus dem sich sein Schreiben nährt. („Ich habe Geschichten erfunden, weil ich meine eigene nicht erzählen konnte“). So berichtet er, dass er sich schon im Alter von sieben Jahren um seine Wäsche kümmern musste. Weder Vater noch Mutter sind in der Lage, für das Kind zu sorgen. Aber er erzählt auch, dass es immer wieder gute Momente innerhalb der Familie gab, Momente der Liebe, Zärtlichkeit und Freude.
Als Kind flüchtet er sich in die Welt der Fantasie und liest viel – „Lesen kann einen retten“. Wells beschreibt sich auch als vorlaut und nicht immer gut in der Schule. Eine literarische Begabung attestiert ihm sein Deutschlehrer nicht, trotzdem beschließt er nach dem Abitur nach Berlin zu gehen, um ein armer Schriftsteller zu werden. Er schreibt die ganze Nacht, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bekommt in dieser Zeit über 400 Absagen von Verlagen. Auch in dunklen Zeiten hält er durch, schickt seine Entwürfe an Freunde und Bekannte, die ihm hartes Feedback geben. Und er ist nicht zimperlich, er erkennt die Schwächen seiner Romanentwürfe und überarbeitet sie unermüdlich. Diese Anstrengung zeigt Früchte und als er 2007 in seinem Lieblingsverlag Diogenes unter Vertrag kommt, ist er erst 23. „Becks letzter Sommer“, 2008 erschienen, wird ein großer Erfolg, „Spinner“ ein Jahr später, diesen Roman hatte Wells mit 19 geschrieben, ein Reinfall. 2016 erscheint „Vom Ende der Einsamkeit“, der Roman wird in 38 Sprachen übersetzt und steht monatelang auf der Beststellerliste. Wells hatte nach eigenen Angaben 7 Jahre daran geschrieben. 2021 kommt „Hard Land“ in die Buchhandlungen, ein Coming- of- Age-Roman, der ihn auch bei SchülerInnen und LehrerInnen bekannt macht. Insgesamt hat der Autor über 2 Millionen Bücher verkauft und gehört zu den Stars unter den jungen deutschsprachigen Literaturschaffenden.
„Show up to Work“
Im 2. Teil „Über das Schreiben“ zeigt er anhand der Entstehungsgeschichte von „Hard Land“ die vier Phasen seines Schreibprozesses: Vom „Funken“, der auf einer Amerikareise 2008 in einem kleinen Dorf in Missouri entzündet wurde, es folgt „Das Davor“, das eineinhalb Jahre dauert. Er schaut Filme, hört Musik, um in die Atmosphäre der achtziger Jahre einzutauchen, hier kommen seine Figuren zu ihm. Die dritte Phase „Das Aufschreiben“ bedeutet 14 Stunden Schreiben, nach Wells meistens eine Qual, noch kein Lesen und Bewerten, denn „Erste Fassungen sind oft grauenhaft“. Der Schluss „Das Überarbeiten“, ist der längste und wichtigste Teil für ihn, fünf Jahre habe er für „Hard Land“ gebraucht.
„Kill your Darlings“
Und in der Tat: Im dritten Teil „Aus der Werkstatt“ sehen wir anhand verschiedener Überarbeitungsphasen, wie sehr die Geschichten immer mehr an Dichte und Schönheit gewinnen.
Das Buch „Die Geschichten in uns“ zeigt auch die Herangehensweise berühmter AutorInnen ans Schreiben, allen voran Stephen Kings „On Writing“, der über eine Milliarde Bücher verkauft hat. Wie findet man seine Geschichte, wie entwickeln sich Charaktere und Dialoge, was bedeutet guter Stil? Was ist eine gute Story? Hier gibt der Autor viele Beispiele, wie man sein Schreiben verbessern könne, vor allem ist ihm wichtig zu zeigen, wie schwer es selbst für ihn ist, eine wirklich gute, stimmige Geschichte zu schreiben, die funktioniert und glaubwürdig ist.
Sollte man je geglaubt haben, dass Schreiben leicht ist, wird klar, dass es für Wells eine harte, oft frustrierende Arbeit ist. Und auch der erste Satz von „Hard Land“, der mich sofort in das Buch hineinzog, kam ihm erst nach einigen Jahren des Überarbeitens in den Sinn.
Und wie stellt der Autor sein Buch vor?