„Ich will alles. Hildegard Knef“ (Luzia Schmid, 2025)

Wer kennt noch Hildegard Knef? Wohl nur die älteren Semester und nur sie waren in dem kleinen Kunstkino in Graz vertreten. Viele von ihnen hatten vor Jahrzehnten ihre Filme gesehen, ihre Lieder gehört oder ihre autobiographischen Bücher gelesen. Sie war der erste Star des deutschen Nachkriegskinos, sehr, sehr schön und ehrgeizig. Auch Angela Merkel hatte sich ein Lied von ihr zu ihrer Abschiedszeremonie gewünscht (siehe meinen Beitrag „Freiheit. Erinnerungen 1954 – 2021). Die Dokumentation „Ich will alles. Hildegard Knef“ von Luzia Schmid gibt anhand von Interviews, Archivaufnahmen und autobiographischen Texten Auskunft über Leben und Leiden der Hildegard Knef.

„Trümmerstar“

Hildegard Knef kam schon in sehr jungen Jahren zu großem schauspielerischen Ruhm, angefangen von „Unter den Brücken“ (1946), über die „Die Mörder sind unter uns“ (1956) bis hin zu „Die Sünderin“ (1951). Hier ist sie für 6 Sekunden nackt zu sehen, der Film handelt von Prostitution und Selbstmord und verursachte im biederen Nachkriegsdeutschland Empörung und Boykottaufrufe. Dem schnellen frühen Erfolg in Deutschland („Trümmerstar“) folgte ein ebenso rasanter Abstieg in Hollywood. Dort bekam sie keine Rollen, lernte nichts, außer Englisch, dafür hätte sie aber nicht drei Jahre in Amerika sein müssen, wie sie ernüchtert in einem Interview feststellt. Sie wird schließlich von Willi Forst nach Deutschland zurückgeholt, kann aber mit den folgenden Filmen nicht an ihre großen Erfolge anschließen („Ich habe mit bedeutenden Regisseuren leider nicht sehr bedeutende Filme gemacht“).

Broadwaystar

Cole Porter ist fasziniert von ihrer Stimme, er engagiert sie für sein Musical „Silk Stockings“, und sie wird in 675 Vorstellungen am Broadway gefeiert. So beginnt ihre zweite Karriere als Chansonsängerin. Sie schreibt die meisten Texte ihrer Lieder selbst und leidet jedes Mal vor einem Bühnenauftritt Höllenqualen („Ich frage mich jeden Abend, was soll das eigentlich, warum leidest du so? Aber wenn ich dann wieder draußen bin, dann ist wieder gut“). Ihre Chansons handeln von Hoffnung und Verzweiflung, vom Aufbruch und Scheitern und sind nicht ohne Selbstironie. Sie hat eine starke Bühnenpräsenz, verzaubert das Publikum mit ihrer rauchigen Stimme (und diesen Wimpern!), bringt zum Ausdruck, wie es vielen Frauen nach dem Krieg geht. Die tiefen Verletzungen wirken in die Aufbruchstimmung hinein und fordern ihren Tribut an Körper und Seele. Sie ist meist in Weiß gekleidet und gibt alles. Ein Interview folgt dem nächsten, immer rauchend und unbezahlt, wie sie erzählt, ihre Antworten entwaffnend ehrlich, intelligent und selbstbewusst.

Schriftstellerin

Als alle glaubten, Hildegard Knefs Karriere sei endgültig vorbei, landet sie mit ihrer Autobiographie „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“ (1970) einen Weltbestseller. Wieder hat sie sich mit ihrem blonden Schopf aus dem Abgrund gezogen. Nachdem sie sich von ihrem Mann und Manager David Cameron, dem Vater ihrer einzigen Tochter Christina getrennt hat, heiratet sie den 16 Jahre jüngeren Paul von Schell, der sie bis zu ihrem Tod begleitet. 37 Operationen, ständig mit Schlagzeilen in der Boulevardpresse, kämpft sie mehr oder weniger um ihr Leben. Sie steht offen zu ihren Schönheitsoperationen („In unserem Beruf wird Zeitlosigkeit verlangt – was bei Männern nicht verlangt wird“). Da ist sie aber schon gezeichnet von ihren schweren Krankheiten und ihrer Tablettensucht. Als sie 1986 in Hamburg ihr letztes Konzert gibt, erzählen ihre Tränen, wie schwer der Abschied von der Bühne ist. Hildegard Knef stirbt 2002, sie wäre dieses Jahr 100 Jahre alt geworden.

Die Dokumentation zeigt die vielseitige Künstlerin mit all ihrer Höhen und Tiefen. Nichts wird schöngeredet, weder von ihrem letzten (dritten) Ehemann noch von ihrer Tochter, die als Bäckerin in Amerika arbeitet und das Erbe ausgeschlagen hat. Diese über ihre Mutter sprechen zu hören, mit aller Ehrlichkeit, aber auch sanften Kritik, ist von großem Wert. So wird „Ich will alles. Hildegard Knef“ zu einem Porträt einer Ikone, deren Sehnsucht nach künstlerischer Perfektion und medialer Beachtung immer einhergeht mit kaum zu bewältigender Belastung.

Nach dem Film möchte man unbedingt noch tiefer in den Kosmos Hildegard Knef eintauchen, sie als Schauspielerin erleben, ihre Lieder hören und Bücher lesen. Was will man mehr?

„Altweibersommer“ (Pia Hierzegger, 2025)

Die mythologische Erklärung für das Wort Altweibersommer ist folgende: „Die feinen grau glänzenden Spinnfäden erinnern an die Haare alter Frauen“. In früheren Zeiten glaubten die Menschen Lebensfäden zu sehen, die von alten weißhaarigen Schicksalsgöttinnen gesponnen wurden. Im meteorologischen Sinne wird der Begriff auch als Phase des warmen Ausklingens des Sommers im September und Oktober bezeichnet, im übertragenen Sinne als kurzzeitige zweite Jugend von Frauen. Vielleicht fühlten sich deshalb vor allem ältere Frauen vom Titel angesprochen und zeigten sich nach dem Verlassen eines Kinos im Ennstal ernüchtert. „Was hat der Film mit unserer Lebensrealität zu tun?“, fragte eine enttäuscht in die Runde und erhielt viel Zustimmung.

Der Film handelt von einer Frauenfreundschaft, die einer Wohngemeinschaft entstammt und nicht mehr dem Lebensgefühl der achtziger Jahre entspricht. Elli, kahlköpfig, aber immer mit schickem Kopftuch, hat gerade eine Chemotherapie hinter sich, weshalb ihr kaum ein Lächeln entkommt. Die Beziehung zu ihrer Tochter ist angespannt, die Tochter will nicht mehr mit ihr sprechen. Dabei steht ein Umzug ins Haus und die Mutter würde ihre Hilfe beim Kistenschleppen dringend brauchen. Ihre beiden Freundinnen, Astrid und Isabella, laden sie auf den jährlichen Campingurlaub ein, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Aber der verlassene Campingplatz und der alte Wohnwagen lassen keine Erholung zu und das Wandern in den Bergen fällt Regen und Kälte zum Opfer. Und da gibt es noch einen Nachbarn in einem Airstreamer, der seinen scharfen Schäferhund gerne auf Ausländer hetzen würde. Hier ist für die drei keine Kraft zu tanken.

Durch einen glücklichen Zufall kommen sie nicht ganz legal zu Geld, beschließen dem kalten Österreich den Rücken zu kehren und an den sonnigen Lido di Venezia zu fahren. In einem alten Mazda machen sie sich gut gelaunt auf in den Süden. Italien! Sonne! Aperol Sprizz! entgegen. Sie mieten sich in das Luxushotel „Excelsior“ ein und genießen die Größe und Annehmlichkeit, die sich unverhofft eröffnet hat. Alles könnte sich zum Glück wenden, wenn da nicht die Probleme wären, die sie für kurze Zeit hinter sich lassen wollten. Astrid (Ursula Strauß) ist gut organisiert, lebt in einem plastikfreien Haushalt, ist aber mit einem „gescheiterten Genie“ belastet, der den Alltag nicht schafft und sie ständig mit Anrufen quält. Isabella (Diana Amft), sinnlich und lebensfroh, muss als Kellnerin arbeiten, obwohl sie Schauspielerin ist. Frustrierende Beziehungen mit verheirateten Männern gehen ihr an den Kragen. Und Elli (Pia Hierzegger) leidet an ihrer verwüsteten Brust, den fehlenden Haaren und erfährt, dass ihre Tochter schwanger ist. So kann wenig Leichtigkeit und Freude am Lido aufkommen und wie die drei Freundinnen mit all diesen Widrigkeiten mehr oder weniger humorvoll umgehen, zeigt der Rest des Filmes.

Wahrscheinlich hatte sich die Frauenrunde im Kino eine leichte Komödie erwartet, flotte Dialoge, die einen aus dem Alltag herausreißen. Diese Erwartungen werden nicht ganz erfüllt. Die Tragik ist allgegenwärtig, alles ist verstrickt und verwoben, schwierig und zäh, auch bei den Männern, die im Film nur Nebenrollen (Gastauftritt von Josef Hader als Campingwart) spielen. Kurz tauchen Momente der Leichtigkeit und Lebensfreude auf, meist unter dem Einfluss von Alkohol und beim Hören von Musik im Auto. Der zwischen New-Wave-Punk und Italo Pop angesiedelte Soundtrack verspricht Lebensfreude und Freiheit, die den Freundinnen um die 50 abhandengekommen sind. Dennoch, als die drei Bella Italia verlassen, sehen sie neue Perspektiven und Lebensmöglichkeiten. Und sie kommen einander wieder näher und werden vielleicht auch in Zukunft zusammen Urlaub machen.


Übrigens, man würde den drei sympathischen Filmfrauen, die überzeugend und herzerwärmend von Ursula Strauß, Pia Hierzegger und Diana Amft verkörpert werden, eine lange zweite Jugend wünschen. Aber das ist ein anderer Film, der erst geschrieben werden müsste entlang des Refrains von „Rocky Road“ von Lene Lovich.