Selbstausbeutung beenden: Strategien für ein erfülltes Leben

Stellen Sie sich vor, Sie hätten für Ihr Geburtstagfest 200 Euro zur Verfügung. Wo würde es stattfinden? In welcher Form? Wer würde daran teilnehmen? Schreiben Sie Ihre Gedanken dazu auf. Was das mit Real Self-Care zu tun hat, enthülle ich am Ende meines Beitrages.
Wenn man an die Verhältnisse in Amerika denkt, so sind Frauen in Österreich mehr als privilegiert: sie sind sozialversichert, es gibt Mutterschaftsurlaub und Väterkarenz, Krippen und Kindergärten, ein weitgehend kostenloses Bildungssystem, ein staatliches Pensionssystem und vieles mehr. Und trotzdem leiden viele Frauen an Überforderung, wenn sie Familie und Beruf zusammenbringen wollen und können oft nur durch massive Selbstausbeutung den stressigen Alltag bewältigen. Woran liegt das? Und was müsste geändert werden, um die Situation für Frauen auch hier in Österreich zu verbessern?


Die Psychiaterin Pooja Lakshmin bietet in ihrem Buch „Real Self-Care: A Transformative Program für Redefining Wellness” einige Vorschläge. Dabei geht es nicht um gängige Angebote wie Yoga, Meditation, Ayurveda, Reinigungskuren und Schaumbäder, die die Autorin als „False Self-Care“ bezeichnet, weil sie nur kurzfristig Erleichterung verschaffen, da sie von außen kommen. Eine Verbesserung der Situation könne nur erfolgen, wenn sie im Inneren stattfindet. Erst dann werde es zu fundamentalen Veränderungen kommen können. Leichter gesagt als getan, wenn man die täglichen To-do-Listen der Mühen des Alltags abarbeiten muss.
In ihrem Buch zeigt sie vier Prinzipien und viele Übungen, die zu einem guten, erfüllten Leben führen.

  1. Grenzen setzen und Schuldgefühle aushalten
    “Our entire system is built on the premise that women`s time doesn´t belong to them”
    Indem man Grenzen setzt (den Mitarbeitern, dem Chef, der Familie und allen Anforderungen, die an Frauen herangetragen werden), holt man sich Zeit und Energie zurück. Dabei gilt es, Schuldgefühle hintanzustellen und sich nicht verantwortlich zu fühlen für die Emotionen der anderen. Schuldgefühle sollten keine Entscheidungen bestimmen, denn sie dienten dazu, sich klein und abhängig zu fühlen. Um mit diesem Gefühl umgehen zu lernen, empfiehlt sie u. a. die Übung „Sushi Train“. Man steht als Köchin in der Mitte und sieht auf dem Laufband Sushis (Gedanken und Gefühle) vorbeiziehen. Betrachten Sie sie aus der Distanz und frage Sie sich, welche Funktion sie in Ihrem Leben haben und wohin sie Sie führen sollen.
  2. „Your are good enough“
    Sich mit Selbstmitgefühl begegnen, bedeutet, darauf zu achten, was man braucht und will. Wichtig ist, freundlich zu sich selbst zu sein, toxische Situationen und Menschen zu vermeiden oder zumindest einzuschränken. Die innere Kritikerin müsse eingedämmt („Ouch“), Perfektionismus aufgegeben und auf die Bedürfnisse des Körpers geachtet werden (sich eine Pause gönnen) und, was Frauen besonders schwerfalle, sie dürfen um Hilfe bitten.
  3. Seine Werte identifizieren und danach handeln
    Sein authentisches Selbst könne dadurch entwickelt werden, indem man sich seine Grundwerte bewusst macht und ihnen gemäß handelt. Dafür müssten Prioritäten gesetzt und Entscheidungen getroffen werden, wie man seine Zeit sinnvoll verbringt, indem man sich bei wichtigen Entscheidungen die Frage stellt: Was will ich wie und warum machen?
  4. Sich selbst Macht verleihen: Ich existiere und ich bin wichtig.
    Wenn man sich selbst mit Mitgefühl begegnet und das Steuer in die Hand nimmt, gewinnt man Macht über sein Leben und seine Entscheidungen zurück. Diese Macht gilt es zu nutzen, auch wenn sie relativ ist. Auch andere würden davon profitieren: „Giving back when you have power generates more power for everyone else”.
    Mit einfachen Worten zusammengefasst: Sein Leben danach auszurichten, was am wichtigsten ist, seine Zeit und Energie dorthin zu investieren, dass sie mit den eigenen Werten übereinstimmen, sich selbst ermächtigen, vor Entscheidungen eine Pause einzulegen („Yes“, „No“, „Negotiation“), so könne nach Lakshmin das ungerechte System, das Frauen die Hauptbürde der Care-Arbeit aufbürdet, sich zum Besseren wenden.
    Das alles werde nicht friktionslos ablaufen und es würden sich Widerstände auftun. Deshalb sei es wichtig, mutig voranzuschreiten und auch in Kauf zu nehmen, dass nicht alles perfekt ablaufen werde bzw. könne.
    Das Buch bietet eine Sicht auf die gesellschaftlichen Ursachen der Überforderung und welche Voraussetzungen es braucht, damit dies geändert werden könne. Es bietet viele Übungen, wie man sich selbst ermächtigen kann, zeigt, was man ändern kann und sollte. Es enthält eine Handlungsanleitung für Frauen, die sich aus gesellschaftlichen Zwängen und Anforderungen befreien wollen, um erfüllt und gesund leben zu können.
    Zurück zum Geburtstagsfest: Wenn Sie die Übung gemacht haben, werden Sie feststellen, welche Werte für Sie wichtig sind und sollten ab nun ihre Handlungen danach ausrichten.


					

„Führer und Verführer“ (Joachim A. lang, 2024)

Wenn man sich gerade in Berlin aufhält, dann trifft man überall auf die Zeit der Naziherrschaft. Wie in Wien laden Stolpersteine zum Hinabschauen ein, wer in diesem Haus einmal gewohnt hatte und wann und wo ermordet wurde.  Auch die Ausstellung „Berlin Global“ im Humboldt-Forum, die sich interaktiv der Frage widmet „Was ging und geht von Berlin in die Welt?“ widmet dem 2. Weltkrieg und einzelnen jüdischen Schicksalen einen „unruhigen, grauen und aufgebrochenen“ Raum. In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zeigt eine Ausstellung „Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ und Peter Weiss` Theaterstück „Die Ermittlung“ aus dem Jahr 1965, das die Ausschwitz-Prozesse beschreibt, kam gerade als vierstündiger Ensemblefilm in die Kinos.

Hat man den Film „The Zone of Interest“ gesehen, der einem aufgrund des nicht gezeigten Grauens in Ausschwitz den Magen umdrehte, so glaubte man, dass es nicht mehr viele Möglichkeiten geben könnte, die „Banalität des Bösen“ filmisch darzustellen. So ging ich mit nicht allzu großen Erwartungen gestern am späteren Nachmittag in die Kulturbrauerei in den Film „Führer und Verführer“ von Joachim A. Lang. Ich muss einräumen, dass mich vor allem die österreichischen Schauspieler Robert Stadlober („Crazy“) als Joseph Goebbels und der viel beschäftigte Fritz Karl als Adolf Hitler motivierten, den Film zu sehen.  

Joseph Goebbels, Hitlers Propagandaminister und einer seiner engsten Vertrauten und seine Frau Magda (Franziska Weisz) mit ihren sechs Kindern genießen einen luxuriösen Lebensstil in Berlin, auch Magda hat eine freundschaftliche Beziehung zum Führer und ist immer wieder am Obersalzberg zum Essen eingeladen. Der Film zeigt die Jahre des Aufstiegs von Josef Goebbels im nationalistischem Terrorregime, die Beziehungsprobleme des Paares – Goebbels hatte immer außereheliche Liebschaften, die Magda nicht mehr akzeptieren wollte, eine Scheidung verhindert Hitler, weil er die Goebbels als Vorzeigefamilie für sein Volk braucht (nicht historisch verbürgt). Goebbels beherrscht sein manipulatives Handwerk perfekt und obwohl er anfangs nicht mit den Kriegszielen von Adolf Hitler übereinstimmt, hatte er das Volk ja auf Frieden eingestimmt, ist er loyal und befeuert seine Propagandamaschinerie, um Hitler uneingeschränkt an der Macht zu halten, bis zum bitteren Ende. Beide wissen, dass ihre Zeit vorüber ist und es kein Weiterleben für sie geben kann.

Was macht den Film so besonders? Einerseits ist es die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarsteller: Robert Stadlober, nun auch schon über Vierzig, spielt Joseph Goebbels mit einer Vielschichtigkeit, die fasziniert. Er weiß genau, welche Propaganda, d. h. Lügen er einsetzen muss, um die Deutschen auf Hitlers Kriegs- und Vernichtungspläne einzustimmen. Am Anfang des Films hört man eine männliche Stimme, die 1942 ruhig und besonnen über den Kriegsverlauf spricht. Es ist der einzige heimliche Mitschnitt von Hitlers Stimme in einem privaten Rahmen. Die Stimme unterscheidet sich diametral von den hysterischen Reden, die Goebbels inszeniert, um Hitler die Aura eines charismatischen Führers zu geben. Jeder seiner Auftritte ist von seinem Propagandaminister genauestens vorbereitet, sei es nur, dass ein kleines Mädchen dem vorbeifahrenden Führer Blumen überreicht. Aber Goebbels erkennt auch die größenwahnsinnigen Pläne Hitlers, setzt ihnen aber nichts entgegen, weil er zu sehr auf seine Macht und seinen Einfluss bedacht ist.

Alte Wochenschau-Bilder sind mit Spielfilmszenen verknüpft, sodass die Übergänge nur zu erkennen sind, dass sie in Schwarz-Weiß gedreht wurden. Interviews mit Holocaustüberlebenden und Aufnahmen von amerikanischen Soldaten geben wieder, welche Folgen diese menschenverachtende Politik für die Opfer hatte. Sie erzählen, wohin der Wille zum totalen Krieg, die Propaganda von unwertem Leben und der Erweiterung des deutschen Lebensraums geführt hatte: 60 Millionen Menschen wurden im Zweiten Weltkrieg getötet und das ganze jüdische Volk sollte „ausgerottet“ werden, wie Goebbels es in seiner Sportpalastrede bewusst als Versprecher ausspricht.

Nicht verwunderlich war, dass immer wieder Weinen im Publikum zu hören war und dass man anhand des Aufstiegs und der Propaganda von Goebbels erkennen konnte, dass diese historische Tragödie von Menschen gemacht wurde, denen es vor allem um Macht und Einfluss ging und denen alle Menschlichkeit abhandengekommen war.

Als wir bei der Führung „Berlin global“ gefragt wurden, wovor wir derzeit Angst hätten, antwortete eine Teilnehmerin: „Vor der AfD“.

Ein Satz von Promo Levi steht dem Film als Warnung voran: „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen“.

Führer und Verführer

Haruki Murakami: Die Stadt und ihre ungewisse Mauer

Schon der Titel ist sperrig: Man erwartet doch eher das Wort „unsichtbar“? Was es mit der ungewissen Mauer auf sich hat, erfährt man möglicherweise in dem Roman gar nicht. Denn Realität und Fiktion vermischen sich ineinander, die Übergänge verschwimmen wie die Figuren in einem Nebel von Ungewissheiten.

Die Handlung ist rasch zusammengefasst. Ein Siebzehnjähriger ist unsterblich in eine Sechzehnjährige verliebt, die ihm von einer fiktiven Stadt erzählt, in der ihr wahres Ich lebt. Nach einigen Spaziergängen am Fluss einen Sommer lang ist sie plötzlich verschwunden. Der namenlose Erzähler wird diese erste große, unschuldige Liebe niemals vergessen und sich zeitlebens nach ihr sehnen. Er studiert und ist viele Jahre im Buchhandel in Tokyo erfolgreich tätig, hat Liebschaften, bleibt aber ein Einsamer, da er für sich keine Frau findet, die dem jungen Mädchen gleicht.

Eines Tages findet er sich in der Stadt der ungewissen Mauern wieder, wie er dorthin gelangt ist, ist ungewiss, der Torwächter empfängt ihn und verätzt seine Augen, da er nun als Traumleser tätig sein wird. Dort trifft er das junge Mädchen wieder, aber sie erkennt ihn nicht mehr, da er gealtert, sie aber jung geblieben ist. Sie bereitet ihm  täglich einen Tee für seine schmerzenden Augen zu, er darf sie abends nach Hause begleiten, that’s it. Er ist eine raue und trostlose Stadt, die Menschen sind arm, essen nur einmal am Tag und tragen zerschlissene Kleidung, es gibt keine Bücher und kein Zeitempfinden. Die Einzigen, die die Stadt verlassen können, sind die Einhörner, aber die meisten verenden auf schreckliche Weise, wenn es Winter ist. Man muss beim Betreten der Stadt seinen Schatten abgeben, der ab nun von dem Torwächter bewacht wird und langsam stirbt. Dieser bittet den Erzähler flehentlich, die Stadt wieder zu verlassen und in seine alte Welt zurückzukehren, was ihm auf gefährliche Weise auch gelingt. Dort findet er sich aber nicht mehr zurecht, er kündigt seinen Job und bewirbt sich für eine Stelle als Bibliotheksleiter in der kleinen Stadt Z. in der Präfektur Fukushima.

Realität und Fiktion werden hier wieder verwoben, es taucht ein freundlicher Geist auf und ein Junge mit einem gelben Pullover, der eines Tag spurlos verschwindet und den er in der Stadt mit den ungewissen Mauern wiederfindet.

Auch wenn man als Leserin zeitweise den Überblick verlieren und sich fragen könnte, was nun wirklich ist und was nicht, folgt man den Erzählsträngen der beiden Welten und der meditativen Sprache des Romans gerne. Alles fließt letztlich ineinander, ergibt (k)einen Sinn und ist kunstvoll gestaltet.

Man wird sich fragen müssen, wofür dieser Sehnsuchtsort „Die Stadt und ihre ungewissen Mauern“ steht, dem die Figuren im Roman verfallen, der sich dann doch aber als unwirtlicher Ort entpuppt und nicht als Paradies.

Was auffällt ist, dass die männlichen Figuren unter der Kälte und Einsamkeit der Gesellschaft leiden. Sie sind anders und können sich nicht einfinden in dem ständigen Druck, der ihnen von außen auferlegt wird, sie sehnen sich nach Liebe, Erlösung und Zugehörigkeit. Fast alle sind begeisterte Leser und haben von Berufs wegen mit Literatur zu tun. Weibliche Figuren spielen hingegen nur eine Nebenrolle, sie werden begehrt, sie verschwinden, begehen aufgrund widriger Umstände Selbstmord oder haben sich ganz in sich verschlossen.

Murakami schreibt in einem Nachwort, dass der Stoff dieses Romanes eine gleichnamige Kurzgeschichte ist, die er 1980 veröffentlicht hatte. Vierzig Jahre lang sei er damit unzufrieden gewesen, denn er habe als junger Mann noch nicht die schriftstellerischen Fähigkeiten besessen, den Stoff auf künstlerische Weise zu bewältigen. Erst in der Zeit der Pandemie, als er drei Jahre lang fast gänzlich zurückgezogen in seinem Haus lebte, konnte er die Geschichte in eine für ihn passende Form bringen. Dass Realität und Fiktion so sehr ineinandergreifen, könnte ein Hinweis darauf sein, wie sehr die Welt damals aus den Fugen geraten ist und die Grenzen zwischen innen und außen verschwommen sind. Die Einsamkeit der Menschen ist nie so sehr ins Auge gerückt, wie damals, eine ungewisse Mauer, als man glaubte in einem Traum zu leben, der aber erschreckende Realität war.

Wie Murakami es ausdrückt: „Die Wahrheit liegt nicht im unveränderlichen Stillstand, sondern im steten Wandel. Das ist das Wesen des Erzählens, wie ich es sehe.“