Von Frausein, Scham und Wut – Hannah Gadsby: „Nanette“

Was ist das für ein Kabarettprogramm, wo einem das Lachen nach der Hälfte im Halse steckenbleibt? Wo einem am Ende zum Weinen zumute ist? Wo Comedy nicht mehr Comedy ist? Gebannt lauscht man den Worten der 40-jährigen Australierin Hannah Gadsby und fragt sich, wohin das führen soll. Manche sprechen davon, dass nach ihrem Programm „Nanette“ kein Stein mehr auf dem anderen bleiben kann, da sie die Form zertrümmert habe, sie selbst, dass sie aufhören müsse.

Ich kenne nicht viele Komikerinnen, die über Outing und Diskriminierungen als Lesbe so offenherzig erzählen können, dass sie gleich das Opernhaus von Sydney füllen könnten. Eigentlich keine. Am Anfang ist man nicht nur von ihrem Aussehen, sondern auch von ihrem Auftreten verstört. Pummelig, mit zu enger Hose, Kurzhaarschnitt, schwarzer, das Gesicht dominierender Brille. Die Bewegungen linkisch und schwerfällig, die Stimme zu hoch, jedem Satz ein verlegenes Lächeln nachschickend. Was hat Netflix, das für seine Comedy-Specials beliebt ist und weltweit empfangen werden kann, da ins Programm aufgenommen? Hannah Gadsby berichtet von ihrer Kindheit in Tasmanien, von ihrem Outing als Lesbe, welches sie aufs Festland fliehen lässt, von ihrem Kunststudium, von Picasso und Van Gogh, von den Erfolgreichen und den Gescheiterten, von Selbsthass, Scham und der Gewalt, die ihr in einer homophoben Gesellschaft entgegenschlagen. Über vieles kann man herzlich lachen, hat es doch auch mit dem Frausein zu tun, das einem selbst in Europa nicht unbekannt ist. Dann aber will sie keine Witze mehr erzählen, denn sie würden nicht helfen. Witze hätten eine Einleitung und eine Pointe, das Ende würde nie erzählt. Und tatsächlich, darüber kann man dann wirklich nicht lachen, wenn sie wütend über den Machtmissbrauch von Picasso und weißen Männern herzieht. Und habe ich Sie in meinem Blog über Trevor Noah noch in der Illusion gewiegt, dass die Verletzungen der Vergangenheit durch das Lachen zu lindern seien, so zeigt uns Hannah Gadsby, dass das keine gute Medizin ist. Ihr habe es nicht geholfen, da sie sich selbst dadurch nur weiter entwertet habe. Um dann wieder auf Van Gogh zurückzukommen, der wahnsinnig geworden, die schönsten Sonnenblumen gemalt habe. Nicht deswegen, sondern weil sein Bruder ihn geliebt habe. Auch das wünsche sie sich, dass sie etwas bewirke mit „Nanette“. Das hat sie. Sehen Sie selbst, nichts wird mehr so sein, wie es einmal war.

Hannah Gadsby erzählt in einem Interview, dass Emma Thompson sie nach einer Vorstellung in London umarmte, sie hätten beide bitterlich geweint, sie über ihr Leben und Emma Thompson? Erst nach „Nanette“ werden sie verstehen worüber. Und Netflix dafür danken, dass Hannah Gadsby und „Nanette“ auch uns erreicht hat.

Werther!

Posthof: 15. 10. 2016

Nach Linz zum „Werther“ zu fahren, um Philipp Hochmair zu sehen? Gesagt, getan. Um fünf Uhr in Wien gestartet, mit der ÖBB mit 170 die Weststrecke entlang, in den Bus der 46 Linie umgestiegen, um halb acht den Posthof am einsamen Linzer Hafen erreicht. Nach zehnminütigem Gang den Ort versteckt in einer Nebenstraße gefunden. Zuerst in den falschen Saal verirrt, mich gewundert, dass nur junge Mädchen auf der Tanzfläche standen. Dann durch den Glasgang in die Welt des Linzer Bildungsbürgertums gekommen. Fast alle über fünfzig, jugendlich aussehend, schöne Frisuren, geschmackvoll gekleidet, am Weißweinglas nippend. Ich freute mich dabei sein zu können.

Pünktlich um acht stürmt Hochmair die Treppe herab und beginnt hinter einem Tisch sitzend aus dem Werther- Manuskript vorzulesen. OH WEH! Nach einigen Briefen wird er selbst ungeduldig und zerreißt die Blätter. Er rückt sich die Kamera zurecht, die von nun an die Natur (ein Blumenstrauß), Lotte (ein Styroporkopf) und Bilder des verzückten Werther (mit goldenem Efeukranz) im Laufe des Abends auf die Großleinwand projizieren. Er trägt nicht Werthertracht, sondern ein T-Shirt mit Linzaufdruck, eine Militärhose und einen Cowboyhut. Und er hält wenig von seinem Text, den er sprechen soll. Nein, der unglückliche Werther ist er nicht, er rast und wütet eineinviertel Stunden auf der Bühne, zerhackt Salate, wälzt sich am Boden, stürmt die Treppe rauf und runter, „Wählt Hofer!“ schreiend, verschwindet für längere Zeit, kehrt mit langer roter Nase wieder, erzählt obszöne Witze, um sich am Ende nicht einmal zu erschießen. Nach zehn Minuten reicht es der älteren Frau in der 1. Reihe, von nun an gibt sie lautstark Gegenkommentare ab. „Wählt Van da Bellen!“ ruft sie ihm erregt nach. Ich bin mir nicht sicher, ob sie zur Inszenierung gehört oder nur den guten alten Goethetext gegen Hochmair / Stemann verteidigt.

Der Abend ist voller Action und Nonsense, keine Spur von Langeweile kommt je auf. Hochmair zeigt nicht nur seinen schönen Oberkörper, sondern auch, dass Werther von sich besessen ist und auch Lotte ihn nicht zur Vernunft bringen wird. Als letzten Willkürakt knallt Hochmair sich das Mikrophon auf den Kopf, sodass das Publikum im Dunklen aufschreit.

Niemals habe ich Philipp Hochmair schöner lächeln sehen als beim Schlussapplaus. Eine einzige Frau gab ihm Standing Ovations, er hat ihr zugewunken. Ich neidete es ihr.
Philipp Hochmair als Werther

Der Herr Karl als Puppentheater

Der Herr Karl (Regie: Simon Meusburger)

Burgtheater: 24. 6. 2016

Was ich an Wien liebe: Ich gehe ins Theater, anschließend ins Kaffeehaus, um dort den gerade gefeierten Star ein kleines Eis löffeln zu sehen. Gerade hat Nikolaus Habjan als Herr Karl das Publikum nebenan zum Kreischen gebracht, bei Störungen uns freche Kommentare von der Bühne entgegengeschleudert, und nun wundere ich mich, wie unscheinbar er mit Short, weißem T-Shirt und zerzauster Frisur vor mir sitzt.

Dabei muss man ehrlich sein: Ein Qualtinger ist er nicht, aber seine drei  Klappmaulpuppen kann er zum Leben erwecken, dass man den Spieler dahinter ganz vergisst. Jede Geste sitzt, jeder Satz wird so gesprochen, dass die Welt des Herrn Karl aufersteht und einem beim Zuschauen das Gruseln kommt.

Wie kann ein Mensch so niederträchtig, gemein und selbstzufrieden sein? Auch wenn der Charakter des Herrn Karl stark überzeichnet ist und seiner Zeit entspringt, glaubt man ihm und fürchtet sich vor ihm. Die Personifikation des widerlichen Mitläufers zeigt sich durch die Aufteilung auf drei Puppen besonders gut. Wir erleben seinen Opportunismus, wenn er für jeweils 5 Schilling für die gerade angesagte Partei demonstriert. Wir verachten seinen Umgang mit Frauen, die er bezirzt, um sie auszunutzen und zu verraten. Und natürlich ist und bleibt er immer das Opfer und weiß es sich bestens in den politisch bewegten Zeiten zu richten. Der Herr Karl führt uns vor Augen, wohin einfache Antworten und Dummheit leiten: zu Selbstüberschätzung und Barbarei.

Dem Puppenspieler Habjan sei Dank, kein anderer hätte diesen Klassiker besser in unsere Zeit übersetzen können. Die Fratzengesichter könnte kein Schauspieler mimen, zu authentisch sprechen und handeln sie. Nikolaus Habjan bewegt sich ruhig von Puppe zu Puppe, haucht ihnen Leben ein, lässt sie rauchen, trinken und schimpfen, um sie nach ihrem Part wieder an den Haken zu hängen und stimmlich zu strangulieren. Besser kann man den Herrn Karl und seine Botschaft an das heutige Österreich nicht auf die Bühne bringen.

Und im Landmann lässt man dann den lauen Sommerabend mit einem Spritzer ausklingen, am Nebentisch ein schüchtern wirkender sehr junger Mann. Wie dankbar ist man, dass alles nur ein böses Spiel war.

© a.achilles 2016

Der eingebildete Kranke (Regie: Herbert Fritsch)

Burgtheater, 4. 6. 2016

Man ist ja einiges gewöhnt, wenn man in Wien Theatergeherin ist. Meist bekommt man aber Inszenierungen geboten, denen man folgen kann, die so schlüssig sind, dass Zusammenhänge und Beweggründe erfasst werden können. Leider hatte ich das Pech, hintereinander zwei Theatervorstellungen zu sehen, deren Regiekonzept sich mir nicht erschloss.

Die erste Theatervorstellung war „Der Auftrag“ von Heiner Müller, der im Rahmen der Wiener Festwochen im Mai im Theater an der Wien gespielt wurde. Großartige Schauspieler, ein Bühnenbild und Kostüme, die zum Staunen verführen, dazu ein Publikum, das sich auf den Abend freut. Und dann ereignet sich Theater als schlechte Vorleseübung aus dem Off, die Schauspieler, die sich immerhin bewegen dürfen, zu Mundbewegungen verdammt. Die Stimme sollte wohl dem Autor gehören, soweit reicht die Vorstellung. Die Verstörung darüber wuchs mehr und mehr zum Ärgernis an, zur Wut, dass eine so wundervolle Schauspielerin wie Corinna Harfouch dies mitmachen muss. Der verhaltene Schlussapplaus galt nur ihr.

Das zweite Stück sah ich gestern Abend an der Burg: „Der eingebildete Kranke“ von Moliere. Wiederum viel Vorfreude, extravangante Farben und Kostüme, noch dazu von meinen Lieblingsschauspielern getragen: Joachim Meyerhoff als Argan, Markus Meyer als sein Dienstmädchen und Dorothee Hartinger als Angelique. Kopfschütteln und Unverständnis von Anfang an: Warum dieses Herumgezapple, auf den Boden werfen, Brücke und Spagat machen, wildes Tanzen, Stimme verstellen, schnell Reden bis zur Pause hin? Obwohl ich mir den teuersten Sitzplatz gegönnt hatte, ging viel Text in der Sport- und Stimmakrobatik unter. Sollte man nichts verstehen? Wollte man zeigen, dass Burgschauspieler besonders konditionsstark und gedehnt sind? Wenn ja, warum? Nach der Pause waren sie verständlicherweise so erschöpft, dass sie nur mehr spielen konnten. Und das können Meyerhoff und Meyer wirklich, blitzschnell sausen jetzt die Wörter hin und her, man kann sich entspannen, lachen und an der hohen Schauspielkunst teilhaben. Dann passt es auch, wenn Meyer zwischendurch Flamenco tanzt und Meyerhoff die meiste Zeit seinen Hintern dem Klistier entgegenstreckt, Hauptsache man versteht.

© a.achilles 2016

Frühlingserwachen (Inzenierung: Claudia Bühlmann)

Wer freut sich schon auf eine Theatervorstellung mit hunderten Jugendlichen, noch dazu zu einem Stück, das noch im 19. Jahrhundert entstanden ist?

Aufklärung, ungewollte Schwangerschaften, Sterben bei einem illegalen Schwangerschaftsabbruch sind heutzutage nicht mehr drängende Probleme, mit denen sich Jugendliche herumschlagen müssen. Ich erwartete nichts außer strenge Blicke meinerseits. Es sollte anders kommen.

Lange schon bevor das Stück beginnt, probt eine Sängerin mit ihrem Schlagzeuger. Ist man schon im Stück? Dann läuft ein junger Mann auf die Bühne und rückt sich ein Sofa herbei. Nach und nach kommen die anderen Mitspieler dazu, fragen das Publikum nach ihrem Alter. Wer ist der Älteste von uns? Die Beantwortung wird später im Pulikumsgespräch eingefordert. Mit einem Kleiderwechsel schlüpfen die Schauspieler in ihre Rollen. Und was jetzt beginnt, lässt einem den Atem stocken. Buntes Treiben, eine Party, erste Annäherung zwischen den Geschlechtern, exzessives Ausprobieren. Wie ist es, wenn man sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlt? Wenn man davon träumt, geschlagen zu werden und das dann zu einem Gewaltexzess ausartet? Wo beginnt es unangenehm zu werden, wenn Moritz sich auszieht, und Wendla nur im BH bekleidet mit springenden Brüsten über die Bühne tobt? Wenn die Kamera so nahe kommt, dass man Lidstrich und Pickel sieht? Und über Skype immer wieder besorgte oder sorglose Mütter und Väter zugeschaltet werden? Plötzlich befinden wir uns mitten drin im prallen Leben und den Sehnsüchten, die uns von Jugend an begleiten. Liebe, Sexualität, Gewalt, Abgrenzung, Selbstbestimmung. Wofür entscheide ich mich, wenn ich ungewollt schwanger werde? Wenn ich in der Schule scheitere? Wie wird mein weiteres Leben beeinflusst, wenn ich als Kind misshandelt werde?

Immer wieder treten die Schauspieler aus ihren Rollen heraus, reflektieren das Original von Wedekind und wollen es nicht weiterspielen. Sie nehmen sich die Freiheit, neue Entwürfe auszuprobieren, ihr Leben so zu  gestalten, wie es besser für sie ist. Sie müssen nicht mehr Selbstmord begehen und ihr Kind abtreiben. Die Gesellschaft hat sich verändert, nichts ist mehr determiniert, die Autoritäten sind brüchig geworden. Wie sehr zeigt sich in der großartigen Parodie der Lehrerszene.

Das junge Publikum verfolgt gebannt das Spiel und stellt intelligente Fragen im anschließenden Gespräch. Das Spiel hat berührt und uns allen einen anregenden Mittwochvormittag gebracht.

Der Regisseurin und den Schauspielern einen lautstarker Applaus….

©a.achilles 2016