Feeling Good

Wenn das Homeoffice geschlossen, die Jogging- und Walkingrunden gedreht, die Telefonate und Nachrichten beendet, könnten Gefühle auftauchen, die ängstigen und möglicherweise auch Panik verursachen. Diesen nicht ganz abwegigen Befindlichkeiten sollte man entschlüpfen, indem man sich Zerstreuung sucht. Man kann Kätzchen und Hunde liebhaben, seinen Balkon oder Garten hübsch machen, schmucke Mundmasken anfertigen und vieles mehr. Wenn man aber weder über Tiere, Garten, noch über Nähkünste verfügt, gibt es andere Möglichkeiten, sich gut zu fühlen. Hier einige Vorschläge:

Wer die letzte Staffel von DSDS verfolgt hat, wurde schon aufgrund der schrillen Persönlichkeiten gut unterhalten. Jetzt, nachdem der Sieger feststeht, kann man sich auf Youtube noch einmal anschauen, welches große Schlagertalent ins deutschsprachige Scheinwerferlicht getreten ist. Ramon Roselly, ein sympathischer Gebäudereiniger aus Leipzig, durchtrainiert, ein junger Brad Pitt, singt so, als ob er mit seinen Liedern schon jetzt die Welt erobert hätte. Jeder seiner Auftritte verzaubert nicht nur das Fernsehpublikum, sondern auch die meist nicht zimperliche Jury, die voller Gänsehaut dem Strahlemann Anerkennung und Bewunderung schenkt. Ihn in seiner Professionalität und Leichtigkeit zum Sieg eilen zu sehen, ist etwas so Besonderes, dass man dem Konzept der Castingshow bewundernd seinen Tribut zollen muss.

https://www.YouTube.com/watch?v=J7uqESAdEWM&t=180s

Überhaupt ist Youtube, wie wir alle wissen, eine Fundgrube: Wer sich vor den derzeit so angesagten Videokonferenzen fürchtet, weil in diesen auch die großen Entertainer plötzlich ziemlich heruntergekommen ausschauen, bleich, unfrisiert, in Freizeitkleidung, ziemlich gestresst und überfordert, gar nicht mehr so locker und souverän wie in ihren Shows, der kann in vielen Tutorials lernen, wie man frisch und professionell seinen Beitrag mittels Video übermittelt. Das Licht, die Höhe, der Hintergrund, die Kleidung und viele, viele andere Faktoren müssen dabei bedacht werden, um sich voller Selbstvertrauen vor seinem Publikum in ein günstiges Licht zu rücken.

Nicht nur die Außen- auch die Innenwelt muss derzeit gepflegt werden. Meditationen sind sowieso in großer Zahl immer und überall verfügbar, morgens und abends und zu allen möglichen Themen, aber unsere Zeit braucht eine aktuelle Antwort. Diese liefert uns Deepak Chopra mit seinen täglichen Lektionen aus dem fernen Kalifornien. Jeden Tag begrüßt er die Dürstenden dieser Welt, die im Ausnahmezustand ausharren, und erklärt ihnen in sanftem indischen Dialekt, was man tun kann, um sich selbst und die aus den Fugen geratene Welt zu heilen. Auch wenn man nicht alles versteht, weil man kein Insider ist, seine täglichen Ansprachen können Aufmunterung  und Trost spenden.

Mein nächster Beitrag handelt von einem Online-Seminar, das Ihr Leben nach Corona neu designen wird, von einer Autorin, die uns von den 50er und 60er Jahren in New York erzählt und von einer jungen Jüdin, die sich von dort nach Berlin aufmacht, um glücklich zu werden. Seien Sie gespannt und lassen Sie mich wissen, was Ihr Leben derzeit bereichert.

Zum erstenmal bei den SEERN auf der Zloam

Als ich am Freitagnachmittag zum Ödensee komme, wundere ich mich über die vielen Menschen und Heurigenbänke, die um die Kohlröslerhütte aufgestellt sind. Auf einem Tisch entdecke ich das Schild:


Der Tisch bleibt leer, denn die Musiker/innen haben sich schon in den VIP Bereich im oberen Stock zurückgezogen, eine ausgelassene Stimmung zurücklassend. Einem braungebrannten Hochzeitspärchen, lese ich am nächsten Tag in der Zeitung, wurde nach der Fanwanderung um den See ein Ständchen gesungen.
Also auf zum Open Air am Samstag nach Grundlsee, das einem, von Mitterndorf kommend, zuerst zu einem weit entfernten Parkplatz und von dort mit anderen den Weg hinaufführt, viele in Lederhosen und speziellen SEER-Hüten. Die Atmosphäre ist bereits um halb sechs aufgeheizt von Alkohol und Vorfreude. Im Open Air Gelände angekommen, beeindrucken die gewaltige Bühne und die drei Tribünen, die Tausende von Menschen fassen. Am Hang, noch in warmem Abendlicht, sammeln die Stehplatzgäste ihre Kräfte für einen langen Abend. Die Vorgruppen bieten exzellente Musik, die Gruppe High South aus Nashville sendet Countrymusic zum Grundlsee hinab und Backenstein hinauf und Hot Chocolate heizt mit funkigem Rock den eintrudelnden Massen mächtig ein. Langsam füllen sich die Stehplätze aus den Sonnenrängen auf. Um Punkt neun betreten DIE SEER die Bühne und ihre ausverkaufte Show „Nur das Beste“ kann beginnen. Da ist es schon dunkel und alle freuen sich darauf. Zweieinhalb Stunden werden sie singen von „Hoamatgfühl“, „Sehnsucht nach Grundlsee“, „Hätt di gern bei mir“, „Voglfonga“, „Eiskristall“, von Liebe, Natur und Gemeinschaft, ganz unverkrampft und frei von jeglichen Vereinnahmungen. All dies kann man in Zeiten wie diesen gut gebrauchen und die Menschen spüren, dass etwas Tieferes verborgen ist in den Liedern mit den Titeln „Wilds Wossa“ und „Junischnee“. Und wenn man von der Tribüne aus über die Masse von wogenden Händen, tanzenden, sich umarmenden und küssenden Menschen sieht, versteht man, warum DIE SEER in den letzten 22 Jahren Jung und Alt, Klein- und Großgewachsenen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum begeistern konnten. Mehrmals weisen sie darauf hin, dass sie an diesem Ort auf einem Traktor vor 200 Menschen begonnen haben und nicht im Traum daran zu denken war, dass so ein Großereignis einmal möglich sein werde. Und bei diesen Worten hat der Gründer der Band, Alfred Jaklitsch Tränen in den Augen und eine brüchige Stimme. Und sie sind ihm nicht zu verdenken, wenn man die vielen glücklichen Menschen um ihn herum sieht. Nicht wenig hat dazu die Landschaft und Menschen, aus denen er seine Inspirationen nimmt, beigetragen. Und natürlich nicht zu vergessen, die beiden Sängerinnen, Astrid Wirtenberger und Sabine Holzinger, deren Stimmen zusammenklingen, als wäre ABBA wiedervereinigt. Und gerade Sassy, wie sie immer angesprochen wird, hat eine so gewaltige Stimme, die Tausende so in ihren Bann ziehen kann, dass es plötzlich mucksmäuschenstill wird. Mit „Kim guat hoam“ werden wir verabschiedet, bevor Hunderte Raketen aufsteigen und ein imposantes Klangfeuerwerk den Himmel verzaubert.
Dann ist es Zeit zu gehen, es geht gegen Mitternacht zu, eine beeindruckende Masse von Menschen und Autos wälzt sich friedlich den Weg hinunter, wir verirren uns im Wald, werden aber gleich von großen Lichtkugeln und Ordnern auf den richtigen Weg zum Parkplatz gelotst. Ein berührender Abend ist zu Ende gegangen.
Danke, SEER, danke, Grundlsee!

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Christine and the Queens: Tilted

Wer kennt sie nicht die Schmerzen, wenn man verlassen wird und gescheitert ist. Man kann monatelang ins Bett liegen und verzweifeln, trinken und kotzen, bis zum Umfallen arbeiten oder auch nach London gehen und sich dort neu erfinden. Das tat die Musikerin Héloȉse Lettissier 2010, als sie in Paris privat und beruflich völlig daniederlag. Nachdem sie in einem Sohoer Nachtclub von der Ausstrahlung und Fürsorge dreier Drag Queens aufgepäppelt worden ist, nennt sie ihre Bühnenpersönlichkeit von nun an „Christine and the Queens“: „Christine as a stage character is just a way for me to be more daring, to be more out of the box, to be stronger and to use everything that could weigh me down like a fuel, like an energy”, bekennt sie in einem Interview und erobert seither die Musikwelt.

Sie wird als neuer Stern am französischen Pop-Himmel gefeiert, auch Madonna zählt zu ihren Fans. In ihrer Musik vermischt sich Pop mit Electro, Chanson und Rhythm und Blues. „Ich wollte einen Sound schaffen, der keine eindeutige Identität hat und offen für verschiedenene Musikrichtungen ist“.
Ihre starke Bühnenpräsensenz verdankt sie nicht nur ihrer einschmeichelnden Stimme, sondern auch ihrem Schauspielstudium und ihrer langjährigen Ausbildung als Tänzerin. Michel Jackson und Pina Bausch gelten als ihre Vorbilder.
Im ersten Lied („iT“) des vielgerühmten Albums „Saint Claude“ (2014) singt sie „Cause I´ve got i t/ I´m the man now“ und trägt von nun an stets Anzug und flache Schuhe auf der Bühne.
“Tilted“ ist nach Times einer der besten Songs des Jahres 2015, mit dem sie dazu auffordert, all die Gefühle, die schwach und unsicher machen, als Energie zu nutzen. Dazu tanzt sie Bewegungen, die fröhlich, ausgelassen, ganz eins mit der Musik sind. Auch wenn man niedergeschlagen und unsicher ist, kann man sich vom leichten Rhythmus der Musik bewegen lassen und wieder auf seine Beine kommen.
„I`m doing my face with the magic marker / I`m in my right place, don`t be a downer.“ Man kann sich auch schon mögen als der, der man ist und vielleicht einmal sein wird, dies ist ihre befreiende Botschaft an alle Perfektionist(inn)en unter uns.
Sieht man ihrer Bewunderin Madonna auf der Bühne zu, Christine war ihr Gast bei der letzten Welttournee, erkennt man, wie peinlich diese im letzten Jahrhundert steckengeblieben ist. Die Gegenwart sieht anders aus: sie gehört Christine and the Queens.

Viva verdi

Schloss Hof: 1. Juli 2016

Jeder braucht Rituale. Seit einigen Jahren besuche ich zu Schulschluss Schloss Hof, in dem alljährlich die Philharmonie Marchfeld unter der Dirigentin Bettina Schmitt gastiert. Diesmal freute ich mich besonders, da Verdi gespielt wurde und schönes Wetter angesagt war.

Allein das Ambiete ist die Reise wert. Ein barockes Schlossgebäude, die Außenflächen ausladend und blitzsauber. Voller Ehrfurcht tritt man ein und fühlt unmittelbar das barocke Lebensgefühl, die Lust am Leben und Genießen. Bevor die Soirée beginnt, kann man im Garten wandeln und nach Bratislawa hinüberschauen. Gemäß der Schlossfarbe sind dieses Jahr die Blumen in strahlendes Gelb getaucht. Dann bewegt sich das festlich in Tracht gekleidete Landpublikum in den Arkadenhof hinein, wo die Sonne noch die Dächer berührt. Die Orchestermitglieder treten aus den Arkaden heraus und die Dirigentin eilt auf die Bühne und erhebt den Stab. Es ist ein schönes Programm, das sie zusammengestellt hat: Beginnend mit der Ouverture zu „La forza del destino“ über das Vorspiel zum 1. Akt aus „La Traviata“ bis hin zum krönenden Triumphmarsch aus „Aida“.  Das Orchester harmoniert, jeder Ton sitzt. Luisa Albrechtova erfüllt mit ihrem Sopran den ganzen Hof und Thomas Juha zeichnet sich durch einen schönen Tenor aus, wenn es ihm auch noch etwas an Bühnensicherheit fehlt.

Da den meisten Zuhörern wie mir ein profundes Opernwissen fehlt, begleitet uns Thomas Dänemark durch den Abend und klärt uns mit geschliffenenen Worten über die Zusammenhänge auf.

Der Abend bleibt warm, die Melodien gehen ins Herz und das schon ältere Pärchen vor mir lässt sich von der Musik so bezaubern, dass es während des Spiels immer wieder Küsschen austauscht und sanft mit den Melodien mitschwingt, ihr Kopf an seine Schulter geschmiegt. Die Beobachterin ist etwas befremdet, so sehr sitzen ihr die Wiener Musikvereinsbesucher im Nacken.

Es gibt starken Applaus, mehrere Zugaben und ein rundum glückliches Publikum.

Die nächste Möglichkeit, Bettina Schmitt und die Marchfelder Philharmonie auf Schloss Hof erleben zu können, ist am 11. September, dann lautet das Motto „In Vino Veritas“, Weinverkostung inkludiert. Mein Ritual zum Schulanfang. Ich freue mich darauf.

©a.achilles 2016