Sterben

Karl Ove Knausgård

Karl Ove Knausgård

„Sterben“ ist der erste Teil von Knausgards Autobiographie. Sie handelt von seiner Kindheit und Jugend, einer Zeit, in der sein Vater im Mittelpunkt steht. Der zweite Teil ist dem Tod seines Vaters gewidmet, vor allem den Aufräumarbeiten im Haus, in dem er gestorben ist.
Es beginnt idyllisch: Der Vater ist Lehrer an einer Gesamtschule, die Mutter lange Zeit zu Hause, bis sie eines Tages zum Studieren weggeht. Da ist Ove bereits in der Pubertät, sein Bruder schon längst ausgezogen und er und sein Vater haben sich nicht mehr viel zu sagen. Jeder lebt sein Leben. Ove geht zur Schule, trainiert viel Fußball, hat seine ersten Alkoholerfahrungen, verliebt sich. Sein Vater ist nicht besonders freundlich und aufmerksam, meist abwesend. Ove mag ihn eigentlich nicht mehr, er fühlt sich ihm fremd. Beide wollen nicht mehr viel miteinander zu tun haben. Hin und wieder trifft man sich der Höflichkeit halber. Dann trennt sich die Mutter, der Vater zieht weg, heiratet wieder, wird wieder Vater und verfällt immer mehr dem Alkohol. Karl Ove schämt sich für ihn, hasst ihn immer mehr, man trifft sich zwar hin und wieder zum Essen, das letzte Mal eineinhalb Jahre vor seinem Tod. Als dem Sohn der Anruf erreicht, dass sein Vater gestorben ist, macht er sich mit seinem Bruder auf den Weg, um das Begräbnis vorzubereiten. Sie kehren in das Haus der Großmutter zurück, der Vater hatte in den letzten Jahren mit seiner Mutter hier gelebt und das Haus völlig verschmutzt. Seine beiden Söhne sind erschüttert und beginnen, es von oben bis unten zu reinigen. Je mehr sie den Dreck beseitigen, desto größer wird der Schmerz und die Trauer des Sohnes. Ihm wird bewusst, wie sehr er seinen Vater vermisst. In einer der letzten Begegnungen fragt ihn der Vater, woran er arbeite: „An einem Roman“, erwidert der Sohn. Darauf der Vater „Es freut mich, dass es bei dir so gut läuft, Karl Ove“. Diesem wird klar, wie sehr er sich nach diesen Worten gesehnt hatte. Jetzt kann er Frieden schließen.

Juli Zeh: Unter Leuten

„Alles ist Wille“

Irgendwo am Land, in der ehemaligen DDR, 70 Kilometer von Berlin entfernt, befindet sich das kleine Dorf Unter Leuten. Der Name ist Programm: Alle Menschen und Ereignisse sind verwoben, man befindet sich in einem Biotop von gegenseitigen Abhängigkeiten und Altlasten: Menschen, die noch aus dem Kommunismus Rechnungen offen haben, deren Kinder, die sich nur durch Wegzug retten können und Neuankömmlinge, die sich rasch im Dorfnetz verspinnen.
Dabei geht es nur um 10 Windräder, die auf der Plausnitzer Höhe errichtet werden sollen, um vordergründig die Energiebilanz auszugleichen und dem Dorf Einkünfte zu garantieren, dass es überleben kann.
Wie auch immer die Bewohner heißen mögen, Kron, Fließ, Franzen, Meiler, Schaller und der allmächtige Rudolf Gombrowski, der die Geschicke des Ortes seit Jahrzehnten bestimmt. Sie alle haben die unterschiedlichsten Interessen an diesem Bau, wollen daran verdienen oder ihn mit allen Mitteln verhindern.
„Alles ist Wille“ (Manfred Gortz) geht als Motto dem Buch voran. Linda, eine Hinzugezogene und Pferdezüchterin, richtet ihr Leben nach Gortz Sprüchen aus und agiert ebenso perfide und hinterhältig wie die machtbewussten Männer um sie herum. Wenn sich auch die älteren Frauen noch ganz den alten Rollenerwartungen beugen, so kann man an den jungen schon die Zeichen der neuen Zeit entdecken. Gut ausgebildet und selbstbewusst verlieren sie sich nicht in der Fürsorge für ihre Männer und Kinder, sondern loten aus, wieweit sie gehen wollen und setzen Befreiungsschritte, wenn die Bilanz nicht mehr stimmt. Keine von ihnen könnte als Vorbild für ein geglücktes Leben hergenommen werden, aber sie sind in Bewegung und reflektieren ihre Situation. Im Gegensatz dazu sind die Männer des Dorfes noch ganz alten Klischees verhaftet, egal ob jung oder alt. Sie sind entweder Weichlinge und brauchen eine starke Frau an ihrer Seite (die jungen) oder so sehr in alte Machtkämpfe miteinander verstrickt, dass der einzige Weg in eine Gewaltspirale mündet (die alten).
Juli Zeh zeichnet keine Idylle vom Landleben, aber das wissen wir längst seit Wolfsgruber und Innerhofer.
„Der große Gesellschaftsroman über die wichtigsten Themen unserer Zeit“ (Luchterhand) ist es nicht. Dazu sind die Handelnden zu plakativ, zu eindimensional, zu sehr auf ihre Rolle festgelegt und zu wenig entwicklungsfähig.
Was „Unter Leuten“ von der österreichischen Provinzliteratur der siebziger und achtziger Jahre unterscheidet: Irgendwie glaubt man diesem Dorfleben in der deutschen Provinz nicht, vielleicht auch deshalb nicht, weil es den Figuren an Größe und Liebe fehlt.
Amüsant sind die eingestreuten Zitate aus „Dein Erfolg“ von Manfred Gortz, an denen sich die Karrierefrau Linda orientiert. „Macht heißt zu bewegen“. Nichts leichter als das.

©a.achilles

Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex

Lesung Rabenhof, 29.3.2016

„Der Kameramörder“ hat es bereits zur Schullektüre gebracht, „Die Arbeit der Nacht“ braucht eine gute Seelenlage, will man in der Welt-Einsamkeit des Helden überleben. Beide Bücher zeigen Glavinics großes erzählerisches Können und seine Sensibiltiät für unsere Zeit. Sie beschäftigen sich mit Themen, die unsere Gesellschaft bedrohen: Angst, Liebe und Einsamkeit. Sie sind wortstark und bilderreich und bleiben noch lange im Gedächtnis haften.

Glavinic neuester Roman „Der Jonas-Komplex“ wird von der deutschsprachigen Literaturkritik hochgelobt und aus diesem Roman wurde gestern im Rabenhoftheater vorgelesen. Ein blonder Junge liest das Kind Jonas, das fasziniert von Büchern und Schach, sexuell bedrängt  von seiner Erziehungsberechtigten in 80er Jahren in der Weststeiermark aufwächst. Man ist erstaunt, dass von der großen russischen bis hin zu den amerikanischen Klassikern alles gelesen und fast verstanden wird. Glavinic selbst gibt einen Auszug aus der freiwilligen Entführung des Helden Jonas preis, der sich von seinem japanischen Anwalt immer wieder auf eine Abenteuerreise schicken lässt. Den größten Teil der Lesung ist dem nun schon in die Jahre gekommenen Ich-Erzähler gewidmet, der in Wien lebt und dort ganz mit dem Verlangen nach Kokain, Alkohol und Sex beschäftigt ist. Einzig die Zeit mit seinem Sohn scheint ihn noch glücklich zu machen.

Obwohl ständig auf Koks und Alkohol, gelingt es ihm erstaunlich oft, alle möglichen Frauen (von der Tierärztin bis hin zur Schriftstellerkollegin Olga) ins Bett zu bekommen, Sex dominiert auch ihr Leben. Christian Dolezal, der diesen Part liest, begeistert mit einem breiten Wiener Dialekt und ausladenden Gesten das weibliche Publikum, lautes, befreiendes Lachen geht immer wieder durch den ausverkauften Saal. Der anonyme Schriftsteller scheitert auf allen Ebenen, sogar die Kokainentwöhnung will nicht klappen und er kehrt von der Suchtberatung in der Vorstadt gierig zu seinem Dealer am Stephansplatz zurück. „Der Jonas-Komplex“, die Angst vor der eigenen Größe, begleitet ihn überallhin.

Ja, das Buch hat Humor, das durchmischte Publikum ist aufgekratzt und glücklich. Aber das Lachen entspringt Klischees von einem Künstlerleben, das sich in Sucht entleert und den Helden im Delirium am Naschmarkt zurücklässt. Die Geschichte des 13-jährigen Jungen hingegen berührt sehr. Die Reiseabenteuer des reichen Jonas wollen jedoch nicht so recht in den Roman passen. Glavinic betont im erfrischenden Interview mit Angelika Hager, dass er beim Schreiben abstinent und diszipliniert lebe. Den frenetischen Schlussapplaus gibt er an Christian Dolezal weiter und verlässt raschen Schrittes etwas gebückt die Bühne.

©a.achilles 2016