Selbstausbeutung beenden: Strategien für ein erfülltes Leben

Stellen Sie sich vor, Sie hätten für Ihr Geburtstagfest 200 Euro zur Verfügung. Wo würde es stattfinden? In welcher Form? Wer würde daran teilnehmen? Schreiben Sie Ihre Gedanken dazu auf. Was das mit Real Self-Care zu tun hat, enthülle ich am Ende meines Beitrages.
Wenn man an die Verhältnisse in Amerika denkt, so sind Frauen in Österreich mehr als privilegiert: sie sind sozialversichert, es gibt Mutterschaftsurlaub und Väterkarenz, Krippen und Kindergärten, ein weitgehend kostenloses Bildungssystem, ein staatliches Pensionssystem und vieles mehr. Und trotzdem leiden viele Frauen an Überforderung, wenn sie Familie und Beruf zusammenbringen wollen und können oft nur durch massive Selbstausbeutung den stressigen Alltag bewältigen. Woran liegt das? Und was müsste geändert werden, um die Situation für Frauen auch hier in Österreich zu verbessern?


Die Psychiaterin Pooja Lakshmin bietet in ihrem Buch „Real Self-Care: A Transformative Program für Redefining Wellness” einige Vorschläge. Dabei geht es nicht um gängige Angebote wie Yoga, Meditation, Ayurveda, Reinigungskuren und Schaumbäder, die die Autorin als „False Self-Care“ bezeichnet, weil sie nur kurzfristig Erleichterung verschaffen, da sie von außen kommen. Eine Verbesserung der Situation könne nur erfolgen, wenn sie im Inneren stattfindet. Erst dann werde es zu fundamentalen Veränderungen kommen können. Leichter gesagt als getan, wenn man die täglichen To-do-Listen der Mühen des Alltags abarbeiten muss.
In ihrem Buch zeigt sie vier Prinzipien und viele Übungen, die zu einem guten, erfüllten Leben führen.

  1. Grenzen setzen und Schuldgefühle aushalten
    “Our entire system is built on the premise that women`s time doesn´t belong to them”
    Indem man Grenzen setzt (den Mitarbeitern, dem Chef, der Familie und allen Anforderungen, die an Frauen herangetragen werden), holt man sich Zeit und Energie zurück. Dabei gilt es, Schuldgefühle hintanzustellen und sich nicht verantwortlich zu fühlen für die Emotionen der anderen. Schuldgefühle sollten keine Entscheidungen bestimmen, denn sie dienten dazu, sich klein und abhängig zu fühlen. Um mit diesem Gefühl umgehen zu lernen, empfiehlt sie u. a. die Übung „Sushi Train“. Man steht als Köchin in der Mitte und sieht auf dem Laufband Sushis (Gedanken und Gefühle) vorbeiziehen. Betrachten Sie sie aus der Distanz und frage Sie sich, welche Funktion sie in Ihrem Leben haben und wohin sie Sie führen sollen.
  2. „Your are good enough“
    Sich mit Selbstmitgefühl begegnen, bedeutet, darauf zu achten, was man braucht und will. Wichtig ist, freundlich zu sich selbst zu sein, toxische Situationen und Menschen zu vermeiden oder zumindest einzuschränken. Die innere Kritikerin müsse eingedämmt („Ouch“), Perfektionismus aufgegeben und auf die Bedürfnisse des Körpers geachtet werden (sich eine Pause gönnen) und, was Frauen besonders schwerfalle, sie dürfen um Hilfe bitten.
  3. Seine Werte identifizieren und danach handeln
    Sein authentisches Selbst könne dadurch entwickelt werden, indem man sich seine Grundwerte bewusst macht und ihnen gemäß handelt. Dafür müssten Prioritäten gesetzt und Entscheidungen getroffen werden, wie man seine Zeit sinnvoll verbringt, indem man sich bei wichtigen Entscheidungen die Frage stellt: Was will ich wie und warum machen?
  4. Sich selbst Macht verleihen: Ich existiere und ich bin wichtig.
    Wenn man sich selbst mit Mitgefühl begegnet und das Steuer in die Hand nimmt, gewinnt man Macht über sein Leben und seine Entscheidungen zurück. Diese Macht gilt es zu nutzen, auch wenn sie relativ ist. Auch andere würden davon profitieren: „Giving back when you have power generates more power for everyone else”.
    Mit einfachen Worten zusammengefasst: Sein Leben danach auszurichten, was am wichtigsten ist, seine Zeit und Energie dorthin zu investieren, dass sie mit den eigenen Werten übereinstimmen, sich selbst ermächtigen, vor Entscheidungen eine Pause einzulegen („Yes“, „No“, „Negotiation“), so könne nach Lakshmin das ungerechte System, das Frauen die Hauptbürde der Care-Arbeit aufbürdet, sich zum Besseren wenden.
    Das alles werde nicht friktionslos ablaufen und es würden sich Widerstände auftun. Deshalb sei es wichtig, mutig voranzuschreiten und auch in Kauf zu nehmen, dass nicht alles perfekt ablaufen werde bzw. könne.
    Das Buch bietet eine Sicht auf die gesellschaftlichen Ursachen der Überforderung und welche Voraussetzungen es braucht, damit dies geändert werden könne. Es bietet viele Übungen, wie man sich selbst ermächtigen kann, zeigt, was man ändern kann und sollte. Es enthält eine Handlungsanleitung für Frauen, die sich aus gesellschaftlichen Zwängen und Anforderungen befreien wollen, um erfüllt und gesund leben zu können.
    Zurück zum Geburtstagsfest: Wenn Sie die Übung gemacht haben, werden Sie feststellen, welche Werte für Sie wichtig sind und sollten ab nun ihre Handlungen danach ausrichten.


					

Haruki Murakami: Die Stadt und ihre ungewisse Mauer

Schon der Titel ist sperrig: Man erwartet doch eher das Wort „unsichtbar“? Was es mit der ungewissen Mauer auf sich hat, erfährt man möglicherweise in dem Roman gar nicht. Denn Realität und Fiktion vermischen sich ineinander, die Übergänge verschwimmen wie die Figuren in einem Nebel von Ungewissheiten.

Die Handlung ist rasch zusammengefasst. Ein Siebzehnjähriger ist unsterblich in eine Sechzehnjährige verliebt, die ihm von einer fiktiven Stadt erzählt, in der ihr wahres Ich lebt. Nach einigen Spaziergängen am Fluss einen Sommer lang ist sie plötzlich verschwunden. Der namenlose Erzähler wird diese erste große, unschuldige Liebe niemals vergessen und sich zeitlebens nach ihr sehnen. Er studiert und ist viele Jahre im Buchhandel in Tokyo erfolgreich tätig, hat Liebschaften, bleibt aber ein Einsamer, da er für sich keine Frau findet, die dem jungen Mädchen gleicht.

Eines Tages findet er sich in der Stadt der ungewissen Mauern wieder, wie er dorthin gelangt ist, ist ungewiss, der Torwächter empfängt ihn und verätzt seine Augen, da er nun als Traumleser tätig sein wird. Dort trifft er das junge Mädchen wieder, aber sie erkennt ihn nicht mehr, da er gealtert, sie aber jung geblieben ist. Sie bereitet ihm  täglich einen Tee für seine schmerzenden Augen zu, er darf sie abends nach Hause begleiten, that’s it. Er ist eine raue und trostlose Stadt, die Menschen sind arm, essen nur einmal am Tag und tragen zerschlissene Kleidung, es gibt keine Bücher und kein Zeitempfinden. Die Einzigen, die die Stadt verlassen können, sind die Einhörner, aber die meisten verenden auf schreckliche Weise, wenn es Winter ist. Man muss beim Betreten der Stadt seinen Schatten abgeben, der ab nun von dem Torwächter bewacht wird und langsam stirbt. Dieser bittet den Erzähler flehentlich, die Stadt wieder zu verlassen und in seine alte Welt zurückzukehren, was ihm auf gefährliche Weise auch gelingt. Dort findet er sich aber nicht mehr zurecht, er kündigt seinen Job und bewirbt sich für eine Stelle als Bibliotheksleiter in der kleinen Stadt Z. in der Präfektur Fukushima.

Realität und Fiktion werden hier wieder verwoben, es taucht ein freundlicher Geist auf und ein Junge mit einem gelben Pullover, der eines Tag spurlos verschwindet und den er in der Stadt mit den ungewissen Mauern wiederfindet.

Auch wenn man als Leserin zeitweise den Überblick verlieren und sich fragen könnte, was nun wirklich ist und was nicht, folgt man den Erzählsträngen der beiden Welten und der meditativen Sprache des Romans gerne. Alles fließt letztlich ineinander, ergibt (k)einen Sinn und ist kunstvoll gestaltet.

Man wird sich fragen müssen, wofür dieser Sehnsuchtsort „Die Stadt und ihre ungewissen Mauern“ steht, dem die Figuren im Roman verfallen, der sich dann doch aber als unwirtlicher Ort entpuppt und nicht als Paradies.

Was auffällt ist, dass die männlichen Figuren unter der Kälte und Einsamkeit der Gesellschaft leiden. Sie sind anders und können sich nicht einfinden in dem ständigen Druck, der ihnen von außen auferlegt wird, sie sehnen sich nach Liebe, Erlösung und Zugehörigkeit. Fast alle sind begeisterte Leser und haben von Berufs wegen mit Literatur zu tun. Weibliche Figuren spielen hingegen nur eine Nebenrolle, sie werden begehrt, sie verschwinden, begehen aufgrund widriger Umstände Selbstmord oder haben sich ganz in sich verschlossen.

Murakami schreibt in einem Nachwort, dass der Stoff dieses Romanes eine gleichnamige Kurzgeschichte ist, die er 1980 veröffentlicht hatte. Vierzig Jahre lang sei er damit unzufrieden gewesen, denn er habe als junger Mann noch nicht die schriftstellerischen Fähigkeiten besessen, den Stoff auf künstlerische Weise zu bewältigen. Erst in der Zeit der Pandemie, als er drei Jahre lang fast gänzlich zurückgezogen in seinem Haus lebte, konnte er die Geschichte in eine für ihn passende Form bringen. Dass Realität und Fiktion so sehr ineinandergreifen, könnte ein Hinweis darauf sein, wie sehr die Welt damals aus den Fugen geraten ist und die Grenzen zwischen innen und außen verschwommen sind. Die Einsamkeit der Menschen ist nie so sehr ins Auge gerückt, wie damals, eine ungewisse Mauer, als man glaubte in einem Traum zu leben, der aber erschreckende Realität war.

Wie Murakami es ausdrückt: „Die Wahrheit liegt nicht im unveränderlichen Stillstand, sondern im steten Wandel. Das ist das Wesen des Erzählens, wie ich es sehe.“

Feeling Good

Wenn das Homeoffice geschlossen, die Jogging- und Walkingrunden gedreht, die Telefonate und Nachrichten beendet, könnten Gefühle auftauchen, die ängstigen und möglicherweise auch Panik verursachen. Diesen nicht ganz abwegigen Befindlichkeiten sollte man entschlüpfen, indem man sich Zerstreuung sucht. Man kann Kätzchen und Hunde liebhaben, seinen Balkon oder Garten hübsch machen, schmucke Mundmasken anfertigen und vieles mehr. Wenn man aber weder über Tiere, Garten, noch über Nähkünste verfügt, gibt es andere Möglichkeiten, sich gut zu fühlen. Hier einige Vorschläge:

Wer die letzte Staffel von DSDS verfolgt hat, wurde schon aufgrund der schrillen Persönlichkeiten gut unterhalten. Jetzt, nachdem der Sieger feststeht, kann man sich auf Youtube noch einmal anschauen, welches große Schlagertalent ins deutschsprachige Scheinwerferlicht getreten ist. Ramon Roselly, ein sympathischer Gebäudereiniger aus Leipzig, durchtrainiert, ein junger Brad Pitt, singt so, als ob er mit seinen Liedern schon jetzt die Welt erobert hätte. Jeder seiner Auftritte verzaubert nicht nur das Fernsehpublikum, sondern auch die meist nicht zimperliche Jury, die voller Gänsehaut dem Strahlemann Anerkennung und Bewunderung schenkt. Ihn in seiner Professionalität und Leichtigkeit zum Sieg eilen zu sehen, ist etwas so Besonderes, dass man dem Konzept der Castingshow bewundernd seinen Tribut zollen muss.

https://www.YouTube.com/watch?v=J7uqESAdEWM&t=180s

Überhaupt ist Youtube, wie wir alle wissen, eine Fundgrube: Wer sich vor den derzeit so angesagten Videokonferenzen fürchtet, weil in diesen auch die großen Entertainer plötzlich ziemlich heruntergekommen ausschauen, bleich, unfrisiert, in Freizeitkleidung, ziemlich gestresst und überfordert, gar nicht mehr so locker und souverän wie in ihren Shows, der kann in vielen Tutorials lernen, wie man frisch und professionell seinen Beitrag mittels Video übermittelt. Das Licht, die Höhe, der Hintergrund, die Kleidung und viele, viele andere Faktoren müssen dabei bedacht werden, um sich voller Selbstvertrauen vor seinem Publikum in ein günstiges Licht zu rücken.

Nicht nur die Außen- auch die Innenwelt muss derzeit gepflegt werden. Meditationen sind sowieso in großer Zahl immer und überall verfügbar, morgens und abends und zu allen möglichen Themen, aber unsere Zeit braucht eine aktuelle Antwort. Diese liefert uns Deepak Chopra mit seinen täglichen Lektionen aus dem fernen Kalifornien. Jeden Tag begrüßt er die Dürstenden dieser Welt, die im Ausnahmezustand ausharren, und erklärt ihnen in sanftem indischen Dialekt, was man tun kann, um sich selbst und die aus den Fugen geratene Welt zu heilen. Auch wenn man nicht alles versteht, weil man kein Insider ist, seine täglichen Ansprachen können Aufmunterung  und Trost spenden.

Mein nächster Beitrag handelt von einem Online-Seminar, das Ihr Leben nach Corona neu designen wird, von einer Autorin, die uns von den 50er und 60er Jahren in New York erzählt und von einer jungen Jüdin, die sich von dort nach Berlin aufmacht, um glücklich zu werden. Seien Sie gespannt und lassen Sie mich wissen, was Ihr Leben derzeit bereichert.

Wie man Bekanntschaften schließt

Seit das Klima in aller Munde ist und immer mehr Leute auf die Bahn wechseln, ergeben sich für Alleinreisende mehr und mehr Möglichkeiten, unterwegs Bekanntschaften zu schließen und Neues zu erfahren. War früher genügend Platz, dass der Sitzplatz neben einem leer blieb, ist es heutzutage damit vorbei. Jeder Sitzplatz wird gebraucht. Konnte man früher durch unfreundliches Schauen mögliche Nachbarn erfolgreich abwehren, wird man jetzt durch beharrliches Danebenstehen und freundliches Bitten aufgefordert, Platz zu machen. Meistens ist es einem wirklich nicht recht und da man nun mehrere Stunden miteinander eingezwängt sitzt, habe ich es aufgegeben, Widerstand zu leisten. Ich fange ein Gespräch an und bin immer wieder bass darüber erstaunt, was ich dadurch alles erfahre.

Oft sind es nach Hallstatt an- oder abreisende Asiaten, die mir alles über sich erzählen. So habe ich schon Adressen in Hongkong, Taiwan, Korea und Australien einsammeln können, ich konnte mein Englisch trainieren und habe viel über das Leben dort erfahren. Wer hat schon die Möglichkeit, in einem österreichischen Zug mit einer Australierin über die dort gängigen Behandlungsmöglichkeiten von Autisten zu sprechen? Ich bekam auch gleich Videomaterial vorgespielt. Bis wir in Hallstatt ankamen, wusste ich zudem alles über Kinder und Enkelkinder samt Fotos und erfreute mich an der witzigen Konversation des australischen Ehepaares. Uns gegenüber saß ein älteres Paar aus New York, das auch sehr interessant aussah und womöglich sehr viel zu erzählen gehabt hätte. Aber ich wollte mich an diesem Tag auf das winterliche Australien beschränken. Oder Hongkong: Wie und mit welchen Zielen schaffen es Touristen von dort in 12 Tagen (14 Tage Urlaub ist das Höchste, davon ein An- und ein Abreisetag) ganz Europa zu erkunden? Und warum kostet ein Hotelzimmer in Hallstatt zur Zeit des Narzissenfestes das Doppelte (stolze 380 Euro pro Nacht)? Ich könnte noch und noch erzählen, möchte mich aber hiermit auf eine Begegnung beschränken, die mich letzten Sonntag zwischen Attnang Puchheim und meinem Zielort zwei Stunden später beschäftigte.

Eine sehr braungebrannte Fünfzehnjährige war auf dem Weg nach Liezen zum ersten Date. Sie trug eine sehr knappe Short und ein tief ausgeschnittenes T-Shirt. Schon in Gmunden kannte ich ihre Lebensgeschichte und ahnte nichts Gutes. Sie sei sehr aufgeregt, erzählte sie und habe wenig geschlafen, weil sie mit einer Freundin in der Nacht einen ganzen Kasten Bier ausgetrunken hatte. Ich glaubte ihr nicht, riechen konnte ich nichts, aber sie sprach etwas verschwommen, sodass ich immer wieder nachfragen musste. Sie war voller Hoffnungen, freute sich auf den Nachmittag mit ihrem „Freund“ aus dem Internet, kuscheln wolle sie, sie beide wären sehr kuschelbedürftig. In Ebensee erfuhr sie, dass er mit Freunden im Freibad sei, da spürte ich einen Hauch von Enttäuschung, da sie – ein Blick in den leeren Beutel vor sich – kein Badezeug mithatte. In Bad Ischl kam die Nachricht, dass er nicht in Liezen im Freibad war, sondern in Wald am Schoberpass. Es musste umdisponiert werden. Ein Zug nach Wald am Schoberpass wurde gesucht. Das ergab folgenden Plan: Zug nach St. Michael, zurück nach Wald am Schoberpass, Ankunftszeit vier Uhr. Wir hatten aber schon in Bad Aussee  vierzig Minuten Verspätung, also würde sie den Anschlusszug in Stainach Irdning sicherlich nicht schaffen. Sie sollte aber um acht Uhr wieder zurück in Attnang Puchheim sein, dann müsse sie noch eine Stunde zu Fuß nach Hause gehen. Mir ging es wahrlich nicht gut bei diesen Aussichten und ich wollte laut aufschreien. Kurz bevor ich den Zug verließ, fragte ich sie zögerlich: Weiß dein Freund, dass du kommst? Ja, antwortete sie, er habe ihr gerade getextet, dass er sich auf sie freue.

 

Wie man eine Krise bewältigt: Teil 2

Wie geht es Menschen in Zeiten wie diesen, die Anteil nehmen an der großen und der kleinen Welt? An Amerika, Großbritannien, Deutschland und auch daran, was in Österreich derzeit passiert? Was, wenn die politischen Zustände immer verworrener und unsicherer werden. Was, wenn immer mehr Schüler die Leistung verweigern und sich in die Welt des Rausches und des Freizeitvergnügens begeben? Was, wenn auch hierzulande immer mehr Frauen ermordet werden? Was, wenn der Novemberblues über einen hängt und die auswandernde Tochter traurige Träume zurücklässt?

Dann ist es Zeit, den Mühen der Ebene selbst zu entfliehen und die Welt der Bücher aufzusuchen. So geschehen letzten Mittwoch, ein Tag, der so voller Anstrengung ist, dass abends nur mehr Netflix Zufluchtsstätte sein kann. Mir war wie immer von einer meiner Freundinnen ein Buch empfohlen worden, das ich unbedingt lesen müsste. „Neujahr“, geschrieben von Juli Zeh, über deren „Unterleuten“ ich ja schon an früherer Stelle nicht ganz so enthusiastisch berichtet habe.

Auch in diesem Roman befindet sich der Protagonist in einer Krise. Kleine Kinder, die ihn unentwegt fordern, eine Frau, die fünfzig – fünfzig möchte, eine Schwester, die den Boden unter den Füßen nicht findet, Schwiegereltern, die mit dem eigenen Leben im schönen Rom beschäftigt sein wollen. Der Job drückt ihn nieder, weil eine halbe Stelle nicht gleich halbe Arbeit bedeutet und er als Lektor sich doch für ein gewisses Maß an Qualität verantwortlich fühlt. Das alles wächst ihm über den Kopf und die Überforderung schreit ihn in Form von Panikattacken schon ganz heftig an. Also beschließt er samt Familie zu Weihnachten nach Lanzarote zu fliegen, um dort in sommerlichen Gefilden dem kalttrüben Deutschland zu entkommen. Ja, es gefällt ihm dort, die Leute (Briten, Franzosen) sind nett, man feiert ausgelassen in einem Hotel, kann jedoch wegen der Kinder nicht allzu lange bleiben. Der einzige Wermutstropfen ist, dass seine hübsche Frau ein bisschen zu viel Zeit mit einem attraktiven Franzosen verbringt und noch dazu wild mit ihm tanzt.

Am Neujahrstag nimmt er sich vor eine Radtour zu unternehmen und keucht mit unheimlicher Kraft- und Willensanstrengung einen Berg hinauf. Je weniger Kraft er hat, verstärkt dadurch, dass er nichts zu essen und zu trinken hat, desto mehr öffnet sich ein Abgrund, der ihn zu seinen Ängsten und Beschädigungen führt.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt befindet man sich auf dem Sozius und begleitet ihn in ein Haus, wo die Geschichte ihren Anfang hat.

„Neujahr“ ist so spannend erzählt, dass man hineingezogen wird in einen Strudel von Bildern, die das Schöne und das Abgründige unserer Existenz zeigen. Und wenn man das erkannt und durchlebt hat, tut es wohl, in die Gegenwart zurückzukehren und das Gute zu sehen, das einem das Leben zugeteilt hat. Kinder, die man über alles liebt, Menschen, die es gut meinen und eine Natur, die einem den Atem rauben kann.

Auch unser Held kann sich befreien von der Schuld, die ihn sein Leben lang begleitet hat. Man ist nicht für jedermann und alles verantwortlich, das ist die versöhnliche Botschaft des Romans.

Wie man eine Krise bewältigt: Teil 1

Nach der Hundeattacke am Bisamberg

Wie Sie, lieber Leser, liebe Leserin, vielleicht schon erahnt haben, befinde ich mich derzeit in einer Schreibkrise, vielleicht gar einer leichten Lebenskrise. Nichts will mich an dem, was ich derzeit sehe, höre oder lese so begeistern, dass ich mich damit auseinandersetzen möchte. Um ganz ehrlich zu sein: Es fällt mir nichts ein. Mein Geist und meine Seele haben etwas anderes zu verarbeiten, nämlich das Ende meiner unmittelbaren und etwas zwanghaft betriebenen Mutterschaft. Denn ich habe es geschafft, diese Rolle für drei Jahrzehnte mit großer Leidenschaft und möglicherweise auch etwas Masochismus auszufüllen. Ich hatte das große Glück, ganze dreißig Jahre mit einer meiner Töchter zusammenleben zu dürfen. Und wir hatten es gut miteinander. Nun hat mir das Schicksal aber klargemacht. Ich muss auch sie, meine Jüngste (sie wird im Februar 27) aus der gemeinsamen Wohnung gehen lassen. Sie heiratet nach Amerika. Dort wartet ein lieber und guter Mann auf sie und ich weiß, dass sie es weiterhin schön haben wird.

Ich sorge jedenfalls schon vor mit Überlegungen: Soll ich mir eine Asiatin in das verwaiste Kinderzimmer nehmen? Sie sind lernwillig und anpassungsfähig und ich könnte möglicherweise jeden Abend wieder mit einem jungen Menschen über lustige amerikanische Serien lachen? Mehr fällt mir noch nicht dazu ein.

Um jedenfalls meine trüben Zukunftsaussichten etwas aufzuhellen, wandere ich seit einigen Wochen durch den herbstlich erleuchteten Wienerwald. Ich habe mir vorgenommen, noch heuer alle Stadtwanderwege unter Fach und Dach zu bringen. Auch das tut der Seele gut und pflegt zudem meine Freundschaften. In Anbetracht von Allerheiligen, das meine Wanderkameradinnen zu den Friedhöfen in ganz Österreich verstreute, ging ich gestern alleine den Stadtwanderweg 5. Mit dem 31 zuckelte ich aus Wien hinaus, durch mehrere Wiener Bezirke, Häuser und Menschen betrachtend. Je weiter ich kam, umso liebloser wurde die Architektur. Mir taten die Menschen leid.

Vom Stadtwanderweg will ich nicht viel berichten, außer dass er wirklich schön ist und die Menschen dort ausgesprochen lieb zu mir, der einsamen Wanderin, waren. Ich wurde nett gegrüßt, einige verwickelten mich in ein Gespräch über die schöne Natur und mir wurde sogar von einer Gruppe ein Platz auf ihrer Bank angeboten. Ich war guter Dinge und gehobener Stimmung. Bis ich zu der Abzweigung kam. Ich habe eine pathologische Angst vor Hunden. Aber seit es einige schreckliche Hundeunfälle in letzter Zeit in Wien gab, haben die meisten Hundebesitzer selbst Angst und führen ihre Lieblinge je nach Gesinnung an unterschiedlich langen Leinen. Nicht so die Frau, die sich mir auf einem anderen Weg mit einem riesigen braunen Hund näherte.  Plötzlich sprang das wunderschöne, aber gefährlich aussehende Tier über die Böschung und jagte auf mich zu. Kein Pfiff, kein Rufen von Seiten der Besitzerin. Was blieb mir übrig, als selbst wie am Spieß zu schreien, als das riesige Monster mich fast schon berührt hatte? Mein Schrei war so grässlich, dass der Hund zusammenzuckte und kehrtmachte. Ich war erleichtert. Als die Besitzerin dann mit dem Hund brav an ihrer Seite an mir vorbeiging, fauchte sie mich an, ich solle doch eine Angsttherapie machen. Ich antwortete selbstbewusst: „Sie könnten Ihren Hund auch wie alle anderen an der Leine führen“.

Beschwingt ging ich den Berg hinunter, glücklich darüber auch diese Krise gemeistert zu haben.