Warum wir „The Expanse“ gerade jetzt brauchen

Mein Interesse an Weltraumabenteuern war bis vor einem Monat recht begrenzt. Zwar wurden alle „Star-Wars“-Filme und Hollywood-Blockbuster mit dieser Thematik konsumiert, waren aber schnell wieder aus dem Gedächtnis verschwunden. In den Bann ziehen konnte mich keine dieser außerirdischen Geschichten. Nun aber erreichte mich „The Expanse“, die wohl beste Science-Fiction-Serie seit ewigen Zeiten.

Die Serie gibt es schon seit 2015: Zuerst als Fernsehserie von „Syfy“ produziert, aber wegen Publikumsschwund nach der dritten Staffel abgesetzt. Erst eine Unterschriftenaktion der Fans und ein Flugzeug mit „Save-the-Expanse“-Banner, das einen Tag über dem Hauptquartier von Amazon in Los Angeles kreiste, rettete den Fortbestand der Serie. Es heißt, dass Jeff Bezos selbst ein großer Liebhaber von „The Expanse“ sein soll. Was macht die Serie so besonders?

Ist es der komplexe Stoff, sind es die Schauspieler oder das Gesamtkonzept? Verweist es auf etwas, das uns in naher Zukunft eine Möglichkeit sein wird, nachdem zum ersten Mal Windgeräusche vom Mars zu hören waren? Denn im 24. Jahrhundert ist dieser tatsächlich von Menschen, nicht Marsmännchen besiedelt. Der Mars ist eine ehemalige Kolonie der Erde, der seine Unabhängigkeit erklärt hat und nun als eine starke Militärmacht selbstbewusst auftritt. Tief im Sonnensystem leben auch die sog. Belter, Minenarbeiter, die nach Luft, Wasser und anderen Rohstoffen graben, unterdrückt und ausgebeutet von den beiden Großmächten. Die Erde ist zwar noch immer eine Supermacht, aber übervölkert, korrupt, verkommen, mit einer UN-Zentralregierung und einem Außenposten auf dem Mond. Erde und Mars liegen am Beginn der ersten Staffel nach einem blutigen Kampf in einem Zustand der Kalten Krieges. Soviel zu den politischen Gegebenheiten, das Gleichgewicht der Mächte wird sich mehr und mehr verschieben.

Die Crew der „Rocinante“

Die Handlung von „The Expanse“ dreht sich in erster Linie um die multinationale Besatzung der „Rocinante“, einem gestohlenen Mars-Kriegsschiff. Neben Captain James Holden sind der Pilot Alex Kamal, der Mechaniker Amos Burton und die Technikerin Naomi Nagata mit an Bord. Das Leben im Weltall ist für alle hart, es gibt ein ständiges Ringen um die lebensnotwendigen Ressourcen, Wasser und Luft und die Bedrohung steckt hinter jedem Felsen. Nun sind auch Spuren außerirdischen Lebens aufgetaucht: Das Protomolekül nistet sich in menschlichen Körpern ein und bildet einen riesigen Organismus, der als ein selbststeuerndes Geschoss die Erde bedroht. Die aufstrebenden Mächte des Alls wollen einen Teil des Protomoleküls, denn es bringt Herrschaft und Macht. In diese Auflösung gerät die Mannschaft der „Rocinate“, die sich aus Bewohnern des Sonnensystems zusammensetzt. James Holden und Amos stammen von der Erde. Naomi kommt aus dem Belt und unterstützt die dortige Befreiungsorganisation, und Alex, der Pilot des Raumschiffes, ist Marsianer. In den ersten beiden Staffeln deckt diese Crew zusammen mit Detektiv Miller eine Verschwörung auf. Und in den weiteren Staffeln wächst im Hintergrund eine tödliche Gefahr heran, denn ein riesiger Stein, von bösen Mächten losgelassen, rast auf die Erde zu und droht diese zu zerstören.

Die Geschichte ist möglicherweise ein wenig komplex und es braucht vielleicht etwas Mühe und Anstrengung mitzukommen. Aber überwindet man diese anfängliche Hürde, begibt man sich in ein Universum, das vielleicht bald nicht mehr Zukunftsmusik sein wird. Denn die Menschen, die dort freiwillig oder gezwungen leben, haben viele Sehnsüchte und Wünsche. Ihr größter ist, auch so wie die Terraner leben zu können und sie tun alles dafür. Ein Meer, einen Himmel, Luft, Pflanzen und Tiere zu haben, einen Platz, wo man ungestört leben und lieben kann. Nicht bedroht vom sogenannten „Spacen“, den Sturz ins All ohne Schutzanzug, der mit einem schnellen Kälte-und Erstickungstod endet.

Menschlich geht es zu im Weltraum, es gibt Wut, Freude, Enttäuschung und einige seltene Glückmomente. Und vor allem viele starke Frauenfiguren, heißen sie jetzt Avrasavala, Naomi, Drummer oder Bobby.

Wenn man „The Expanse“ sieht und das Abenteuer sucht, dann wäre das Weltall schon das Richtige. Die Raumschiffe spielen alle Stücke, es gibt keinen Unterschied der Geschlechter und man kann sich als Krieger/in und Eroberer/in ununterbrochen bewähren. Faszinierend an der Serie sind die technischen Neuerungen und der Pioniergeist in den Kolonien. Mit der „Rocinante“ ist man fünf Staffeln unterwegs im Sonnensystem, weit weg und doch ganz nah am Leben. Auch so lässt sich in der gedämpften Coronazeit ein aufregendes Leben führen.

A Promised Land

Barack Obama: A Promised Land

Nicht, dass das Buch eine kurze Freizeitbeschäftigung wäre, denn die deutsche Ausgabe mit dem vielversprechenden Titel „Ein verheißenes Land“ umfasst 1024 Seiten und die Kindle-Version in Originalsprache zeigt stolze 64 Stunden an, auch für eine ambitionierte Leserin wie mich ein wochenlanges Unterfangen. Was bekommt man dafür?

Einen guten Einblick in die politische Karriere von Barack Obama, beginnend mit dem Wahlkampf 2008 und den ersten vier Jahre seiner Präsidentschaft bis 2011. Man kann teilhaben an wichtigen Entscheidungen, von der Finanzkrise 2008/2009, die mit hoher Arbeitslosigkeit und dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes einherging, bis zur Ermordung des Erzfeindes Osama bin Laden. Er lässt uns miterleben, was im Weißen Haus passierte in dieser Zeit, die man selbst nur durch österreichische Medien vermittelt bekam. Man ist hautnah dabei, blickt hinter die Kulissen von historischen Ereignissen, viele sind heute schon fast in Vergessenheit geraten, und ist dann doch sehr überrascht, wie schwierig und komplex die Ereignisse von Washington aus zu bewältigen waren, immer im Hinterkopf, dass es keine perfekten Entscheidungen gibt. Man begleitet einen Präsidenten, der sich nicht nur innenpolitisch, sondern auch außenpolitisch permanent in einem Krisenmodus befand, Entscheidungen treffend bzw. veranlassend, die mehr oder weniger das Leben vieler auf der ganzen Welt berührten.

Beginnen wir mit seinem Wahlkampf: Kaum jemand hätte es ihm zugetraut, als Politneuling innerhalb von wenigen Jahren an die Spitze der Macht zu kommen und die Hürden waren enorm. Nicht nur seine Frau Michelle leistete erbitterten Widerstand, sondern auch viele in der Demokratischen Partei und nicht zu vergessen, die gegnerische Partei, die bis ans Ende seiner achtjährigen Amtszeit ihm jedes nur mögliche Hindernis in den Weg legte. Mit großer Spannung verfolgt man diesen Wahlkampfkrimi und bewundert nicht nur den hohen Kraftverschleiß der tausenden von Wahlkampfauftritten, sondern vor allem die vielen höchst engagierten und begabten Menschen um ihn herum, die ihm mit Rat und Tat Tag und Nacht zur Seite standen. Und immer wieder reflektiert Obama über dieses Geschehen, über seine Siege und Niederlagen, über falsche Entscheidungen und Verletzungen, die er erlitten oder anderen zugefügt hat. Eines wird aber von Anfang an klar: Hier ist ein Sieger unterwegs, dem es auf fast magische Weise gelingt, andere und vor allem viele junge Menschen für sich und seine Vision von Amerika als ein verheißenes Land zu begeistern. Was viele nicht für möglich gehalten haben: Obama wird mit einem großen Vorsprung zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Der Jubel und die Freude bei seinem Auftritt mit seiner Familie in Chicago sind überwältigend. Fast hat es dein Eindruck, die Beatles wären auferstanden. Mit dem Umzug ins Weiße Haus nimmt der Zug eine Geschwindigkeit auf, die atemberaubend ist. Die wichtigsten Posten müssen mit fähigen Leuten besetzt werden, loyale Mitarbeiter gefunden und viele von ihnen sind in Obamas Alter mit noch kleinen Kindern zuhause. Stellt man seine ganze Zeit und Energie in den Dienst des Präsidenten oder schenkt man sie Frau und Kindern? Denn die Herausforderungen an sein Team sind enorm: die Finanzkrise hatte Millionen Jobs gekostet und vielen Menschen Hab und Gut genommen, eine Krankenversicherung für alle Amerikaner musste unter vielen Widerständen verhandelt und durchgesetzt werden. Über falsche Entscheidungen, die getroffen wurden, die Hilfspakete, die geschnürt wurden, dass er und sein Team zu Wallstreet nah gehandelt hätten, über Einwände und Zweifel in Bezug auf seine Politik lässt er den Leser / die Leserin nicht im Unklaren. Er ist zur Selbstkritik fähig und zeigt, dass das Weltgeschehen von Menschen bestimmt wird, die zwar möglicherweise aus bestem Wissen und Gewissen handeln, aber nicht frei von falschen Entscheidungen und Handlungszwängen sind. Nach der Finanzkrise hält die „Deepwater Horizon“ die ganze Nation in Atem, über 800 Millionen Öl strömten über Monate hinweg in den Ozean und führten zur schwersten Umweltkatastrophe in der Geschichte. Darauf folgte die Griechenlandkrise, die die ganze Weltwirtschaft abermals schwer in Mitleidenschaft zog, die allgegenwärtige Klimakrise, der Arabische Frühling, und immer in der vordersten Front die Kriege in Irak und Afghanistan und sein im Wahlkampf gegebenes Versprechen, den Krieg dort zu beenden, dazu die Probleme, Guantánamo zu schließen und auch Donald Trump bekommt mehr und mehr politisches Gehör mit seiner kruden Theorie, dass Obama nicht im Land geboren sei. Vieles lässt sich nicht so rasch lösen wie erhofft, auch dem mächtigsten Mann der Welt sind Grenzen der Macht gesetzt. Und am Schluss berichtet er von dem intensiven Geheimdienstbemühen auf die Spur von Osama bin Laden zu kommen und ihn zur Verantwortung für die Opfer von 9/11 zu ziehen. Dass dies nach jahrelangem Bemühen gelingt, bezeichnet er als großen Sieg seiner Präsidentschaft und damit endet auch der erste Teil seiner Autobiografie.

Es ist eine fesselnde Lektüre, die einen gefangen nimmt und mitreißt. Schon immer eine große Bewunderin von Obamas Redetalent, kommt nun dazu, dass er auch kluge Biografien schreiben kann. Die Mischung aus Privatem und Politischen, Ernst und Humor, Stärke und Schwäche macht das Buch besonders lesenswert.

Als er von seiner Frau erfährt, dass er den Friedensnobelpreis bekommen habe, fragt er lakonisch: „For What?“

Was bleibt von 2020?

Um es gleich vorwegzunehmen: Hier folgt kein Ranking der besten Filme, Serien, Theaterstücke, Bücher von 2020, auch die großen Reisen, die man geplant und versprochen hatte, sind dem Virus zum Opfer gefallen. In der kurzen Zeitspanne, die man für Kultur und Gemeinschaft zur Verfügung hatte, war entweder das Wetter zu schön und man suchte sein Vergnügen auf ausgedehnten Wanderungen in den heimischen Bergen oder man traf sich zu zweit, weil die Angst viele anzustecken einem schon in Mark und Bein gefahren war. Und als dann der Regen und die Finsternis wieder über uns hereinbrachen, die Karten bestellt waren, war man erneut zum Abstandhalten ins Haus verbannt.

Die Handvoll Bücher, die gelesen wurden, lassen sich an zehn Fingern abzählen und nur wenige erschienen einer näheren Auseinandersetzung in Zeiten wie diesen wert zu sein. Die Filme und Serien auf Amazon und Netflix – der letzte Kinobesuch ist gar nicht mehr in Erinnerung – sind verschwommen und haben keinen allzu großen Eindruck hinterlassen. Einzig „Bernadette“ von Richard Linklater, ein Film aus dem Jahr 2019, mit der wundervollen Cate Blanchett als gescheiterte Architektin in der Hauptrolle ist wegen schauspielerischem Können, einem klugen Drehbuch und überzeugender Regie nicht verblasst. Auch die Serie „Wolf Hall“ („Die Wölfe“) über den listigen Thomas Cromwell ist wegen düsterer Bilder über Macht und Intrige geblieben, aber diese Serie stammt aus dem Jahr 2016, als Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde.

Immerhin wurden aber zwei Theateraufführungen besucht, und obwohl ich seit einiger Zeit wegen exzessiver Theaterbesuche über Jahrzehnte hinweg mich quasi in eine Theatervergiftung hineinmanövriert hatte, haben diese zwei Produktionen mir doch wieder einen Weg zurück ins Theater gewiesen. Die erste ist „Romeo und Julia“ bei den Sommerfestspielen in Perchtoldsdorf, das mich nicht so sehr wegen der Schauspieler, sondern vor allem wegen der Kostüme, Musik und Kulisse beeindruckt hat, zudem schien jeden Moment ein Gewitter über die Burgruine hereinzubrechen. Die mit Vorhang, Regen und Sturm kämpfenden Schauspieler gaben schon einen Vorgeschmack auf den unwirtlichen Herbst. Das nächste Highlight dieses Jahres war die Produktion „Stolz und Vorurteil *(*oder so)“ mit Studierenden des Max Reinhardt Seminars im Kasino. Trotz Masken und strikter Abstandsregeln erlebte ich einen Abend, der mich keine Angst mehr haben ließ, dass das Theater nach diesem Ausnahmejahr kraftvoller denn je auferstehen wird.

Auch die Museumsbesuche in Wien waren ein echter Genuss: Anstatt sich mit Tausenden anderen Bildungshungrigen aus aller Herren Länder durch die Ausstellungen treiben zu lassen, war man nun per Timeslot auf eine fast familiäre Gemeinschaft zusammengeschrumpft. Es herrschte eine andächtige Stille, jeder nahm Rücksicht und hielt Abstand. Und ließ man sich von der Gruppe zurückfallen, so konnte es passieren, dass man für lange Zeit voller Staunen alleine vor einem Kunstwerk verweilen konnte.

Der Zeit entsprechend wurde 2020 also nicht mit Kultur verbracht, sondern mit Zeitungen, Nachrichtensendungen und Podcasts. Den sich auch in Österreich verbreitenden Verschwörungswahn konnte man durch das Hören von Coroana-Update auf NDR, das bereits in seine 69 Folge gekommen war, Einhalt gebieten, wenn man selbst bei Verstand und Vernunft bleiben wollte.

Mit Christian Drosten oder Sandra Cisek im Ohr war die Welt wieder durchschaubar und man konnte beruhigt auf den Tag hoffen, an dem auch in Österreich die Impfung beginnt. In diesem Sinne an alle meine Leser und Leserinnen in aller Welt, in den USA, China, Finnland, Deutschland und natürlich Österreich, liebe Weihnachtgrüße aus dem Salzkammergut, wo über Weihnachten einsame Pisten zum Skifahren einladen.

Sommerfrische 2

Welchen Assoziationen folgt man, wenn man diesen Titel liest? Ihn wörtlich nehmen? Er bezieht sich auf das englische Sprichwort: Who cries over spilled milk? Was passiert ist, ist passiert. Es lohnt sich nicht, eine Träne darüber zu vergießen.

Das Hotel, auf das sich der Titel bezieht und in dem die Protagonistin des Romans bis zu ihrem 14. Lebensjahr wohnt, kauft ein englischer Adeliger, und da die Renovierung zu aufwändig ist, wird es Ende der fünfziger Jahre abgerissen. Barbara Frischmuth hat in ihrem Roman „Verschüttete Milch“ ihrem Geburtshaus, „diesem Biotop der absoluten Gegensätze“ ein literarisches Denkmal gesetzt.

Die Erinnerung an die frühe Kindheit erschließt sich die erwachsene Juliane über alte Fotos, die ihr in mehreren Schachteln von ihrer Mutter übergeben worden sind. Langsam tauchen durch diese Landschaften, Personen und Tiere aus ihrem Gedächtnis auf. Aber immer wieder zweifelt die Erzählerin an der Zuverlässigkeit des Erinnerns, vieles kann sie auch erst durch Recherche und Nachforschungen in Verbindung bringen. Sie nähert sich einem aufgeweckten, abenteuerlustigen Kind, das in großer Freiheit aufwächst, denn die Mutter hat im Hotel viel zu tun, zunächst von einem liebevollen Hausbesorgerpaar beaufsichtigt, später durch eine Anzahl von Kindermädchen, von denen es wohl in den vierziger und fünfziger Jahren eine große Auswahl gegeben hat. Fast jede Familie im Dorf hat ihr eigenes Kindermädchen, jedes von ihnen übernimmt mit ihrer Anstellung gleichsam auch den sozialen Status innerhalb der Kindermädchenriege. Es ist eine Hoteliersfamilie, in der die Kleine aufwächst. Ihr Vater ist kurz nach ihrer Geburt in Russland gefallen, die Mutter muss mehr recht als schlecht das Hotel weiterführen, streng beäugt vom Besitzer des Stammhauses, dem Opapa der Kleinen, wie er im ersten Teil des Buches genannt wird. Es ist eine schöne Kindheit, die sie hat, die Familie ist groß und kommt gerne zusammen. Einzige Gefahr für sie ist der nahe See und er ist eine tödliche. Nicht nur einmal wäre Juli beinahe ertrunken, hätten sie nicht aufmerksame Tiere bzw. zufällig vorbeikommende Menschen gerettet. Mit den Bildern tauchen auch Menschen aus der Vergangenheit auf, die vom Lauf der Geschichte in die Gegend gespült werden. Tante Hanna ist mit ihren Kindern aus Wien angereist, sie ist im Widerstand gewesen und soll durch ihre Untergrundtätigkeit so manches Leben gerettet haben. Auch nach Kriegsende hilft sie zum Überleben tatkräftig mit, weil sie in der amerikanischen Zone einkaufen kann. Die Mutter, die wenig von der Kriegszeit später erzählen wird, berichtet in einem Interview mit Simon Wiesenthal, dass der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann mit dem gestohlenen Trachtenanzug ihres gefallenen Mannes in die Berge geflohen sei. Viele hochrangige Vertreter des Naziregimes hatten sich im Ort „Urlaub vom Töten“ genommen und in den arisierten Villen auch ihre Familien und Geliebten evakuiert, bevor sie entweder ins Ausland geflohen bzw. hingerichtet worden sind. Und ihr späterer Stiefvater, „Paps“, soll mit Freunden die Amerikaner zu jener Alm geführt haben, auf der sich die Naziverbrecher versteckt hatten. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches kommen die ungarischen und rumänischen Faschisten, danach die amerikanischen Besatzer, die im Hotel Alkoholexzesse feiern. Von diesen Menschen hat Juliane viel zu erzählen, interessante Anekdoten, die, wenn sie nicht Leib und Leben bedrohten, zum Schmunzeln einladen. Danach finden die Intellektuellen aus dem Wiener Großbürgertum ihren Weg zurück in „das Dorf im Gebirge“, auch ein gewisser Dr. Abendroth bekommt sein Schloss zurückerstattet, aber erst, nachdem man ihn entmündigt hat. Die Volksschulzeit und die ersten vier Jahre in der Klosterschule sind begleitet vom Niedergang des Hotels, weil das Geld für dringend nötige Reparaturen aufgrund von schlechten Sommersaisonen nicht mehr aufgebracht werden kann. Der Fremdenverkehr ist flügge geworden, die Menschen fahren bei Schlechtwetter nicht mehr ins Salzkammergut, sondern in den sonnigen Süden.

Der Roman zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass er die Kriegs- und Nachkriegswelt genau beschreibt und auch viele dialektale Ausdrücke samt Übersetzungen in die Erinnerung einwebt: „Und des gfreit die dena ubarsch!“ (Und das freut dich wohl ungemein! S. 207) Er zeigt aber vor allem auf, dass dieser Ort, an dem Juliane aufwächst, ein Ort war, an dem „Heil und Unheil Tisch an Tisch zu Sommerfrische saßen (und wohl noch immer sitzen“ S. 8).

Sommerfrische 2020: Literarischer Spaziergang durch Altaussee

Derzeit ist das Ausseerland mit seinen prachtvollen kalten Seen wieder einmal hoch im Kurs. Menschen- und Autokolonnen durchziehen das Land, noch niemals sah man so viele Familien und Paare die Wanderwege entlangmarschieren und die Badeseen bevölkern, die Einheimischen können zufrieden sein, denn der Rubel rollt wieder. Gab es früher ein reichhaltiges Kulturprogramm im Sommer, musste dieses aufgrund der gefährlichen Zeitumstände abgesagt werden. Was bleibt sind Yoga- und Pilateskurse, Rücken – und Faszientraining, Yonga und Kort.X-Gehirntraining, Platzkonzerte, Themenwanderungen, Vollmondfahrten und Führungen im Freien.

An einer nahm ich teil: einem Spaziergang durch das Literaturdorf Altaussee. Der Andrang war nicht allzu groß, wir waren zu zweit. So sahen wir schon von unserem Ausgangspunkt das Haus der Familie Brandauer, eigentlich das der früh verstorbenen Regisseurin Karin Brandauer („Abschied von Sidonie“)  – der weltberühmte Schauspieler Klaus Maria hatte den Namen seiner Frau angenommen –  noch immer ein Friseurladen. Dann links abgebogen an der verschlafenen Sommeresidenz ehemaliger Adeliger vorbei, die Straße hinunter zum See, wo uns der Maler Horst K. Jandl in sein Haus hineinbittet. Hier soll Friedrich Torberg gerne Gast gewesen sein und seinen „Schüler Gerber“ geschrieben haben. Der stolze Hausherr zeigte uns bereitwillig seine Kunstkammer, sogar ein echter Binzer war im Stiegenhaus zu bewundern.

Weiter ging es zur Grenadieranlage, in der uns die Geschichte des Bergbaus und seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg vermittelt wurde. Gegenüber erstreckt sich das imposante Vivamayr, das wie immer ziemlich leer wirkte, aber der Schein könnte trügen, denn hier sollen nicht wenige Berühmtheiten Auszeit nehmen und zu neuer Gesundheit und Schönheit finden.

Gerade an diesem Ort passierte Folgendes: Meine Mitstreiterin aus Kapfenberg, Bettina, erkundigte sich, ob hier das Hotel der Frischmuths gestanden habe, der zentrale Mittelpunkt von „Verschüttete Milch“, das sie gelesen hatte. Ja, hier sei die Dependance des Hotels am See gewesen, bestätigte unsere Führerin. Man selbst kann sich noch gut an eine ziemlich verwilderte Villa in Ausseer Stil erinnern, die in den letzten Jahren durch Luxusappartements ersetzt worden ist. Diese konnte aber nicht das Geburtshaus der Dichterin gewesen sein, wie ich später im Roman erfahren werde, da das Hotel in den fünfziger Jahren abgerissen worden war. Auf der Seepromenade kommen uns zwei arg zitternde Mädchen in Badeanzügen entgegen, an der Schiffsanlegestelle liegt noch verlassen Österreichs erstes Solarschiff und wartet auf Gäste.

Österreichs erstes  Solarschiff
Österreichs erstes Solarschiff

Von hier aus werden uns am gegenüberliegenden Hang stilvolle Häuser und Sommerresidenzen gezeigt, samt der Namen ihrer Besitzer, bevor wir schnellen Schrittes weiter zum eigentlichen Hotel am See kommen, dessen abwechslungsreiche Geschichte in Frischmuths Roman nicht zu kurz kommt. Wir erfahren Wichtiges über die renovierte Pfarrkirche, bevor wir den Friedhof betreten, in dem Horst K. Jandl eine moderne Mosaiktür (Leichenhalle) gestaltet hat. Neben der Eingangstür ist folgende Gedenktafel angebracht.

Bemerkenswert ist, dass am Altausseer Friedhof auch jüdische Gräber zu besichtigen sind. Jakob Wassermann, der gleich daneben seine Villa hatte mit einem separaten Küchenhaus, da er Küchengerüche partout nicht ausstehen konnte, ist hier begraben. Das Grab des Begründers des Freikletterns, Paul Preuss, dem vor einigen Jahren ein Denkmal in Altaussee in Anwesenheit von Reinhold Messner gesetzt wurde, grenzt daran. An der Friedhofmauer erinnern Inschriften an jüdische Gäste, die in Konzentrationslagern ermordert worden waren und gerne in Altaussee auf Sommerfrische waren.

Unser Spaziergang endet wieder an unserem Ausgangspunkt, dem Literaturmuseum. Das Haus von Barbara Frischmuth, vor allem dessen Garten, dem ich seit Jahren auf der Spur bin, wurde uns nicht gezeigt. Stattdessen erwarb ich im Literaturmuseum ihr neuestes Buch „Verschüttete Milch“, natürlich mit Signatur. Von diesem Buch, das von der Kindheit der Autorin in den vierziger und fünfziger Jahren in Altaussee erzählt, handelt mein nächster Beitrag.

Das letzte rote Jahr

Die Zeit vergeht rasend schnell, schon sind wir im Jahr 2020 angekommen mit all seinen Herausforderungen, die zu bewältigen sind. Und wenn man dann in einer ruhigen Phase „Das letzte rote Jahr“ von Susanne Gregor liest, wird man in das Jahr 1989 zurückversetzt und muss sich unweigerlich fragen, was hat man selbst damals erlebt, als die Teilung der Welt, in Ost und West, ganz unvermittelt zu Ende gegangen ist. So plötzlich, dass es einem mit großer Wucht traf, als wäre man aus einem schrecklichen Alptraum erwacht, den man nicht zu entkommen glaubte. Und als es dann den Eisernen Vorhang nicht mehr gab, musste man sich fragen, wie konnte es dazu kommen, dass man dessen Ende gar nicht zu denken wagte?

„Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf ist das Lieblingsbuch von Miša, aus deren Sicht die Ereignisse im Jahr 1989 in der ehemaligen CSSR geschildert werden. Sie wohnt mit ihrer Familie in der Stadt Žilina, ist vierzehn Jahre alt und ihr Vater verlangt, dass sie Deutsch lernt, erklärt ihr das Wort geteilt, das sowohl zerteilen als auch miteinander teilen bedeutet. Das fasziniert Miša und von nun an fällt es ihr viel leichter, Deutsch zu üben, weil es ihr Wunsch ist, das Buch in seiner Originalsprache zu lesen. Denn vieles ist schon in Aufruhr in ihrem Heimatland. Das kommunistische Regime wackelt schon gehörig, nicht wenige aus dem Bekanntenkreis erwägen Fluchtmöglichkeiten, ihr Bruder Alan lehnt sich ganz offen gegen die väterliche Autorität auf und tut, was ihm beliebt. Ihre beste Freundin Rita geht ihren eigenen Weg, sie ist fanatische sozialistische Pinonierin und schwänzt die Schule. Ihre andere Freundin Slavka, deren Vater schon in Schweden wohnt, ist ehrgeizige Schülerin und Sportlerin, verletzt sich jedoch bei einer Schulaufführung schwer und sieht ihre Sportlerkarriere zuende gehen. Sie ist in einen Geschichtslehrer verliebt, der es wagt, auch brisante Themen anzusprechen und zum Widerspruch herausfordert. Alle drei Freundinnen müssen erkennen, dass die Welt der Kindheit vorbei ist und dass sie sich den Fragen über Sinn und Ziel ihres Lebens stellen müssen, zumal die Erwachsenen noch zu sehr im kommunistischen Regime verhaftet sind und ihnen keine Richtung vorgeben können.

Susanne Gregor gelingt es, diese sich auflösende Gesellschaft der ehemaligen Tschechoslowakei anhand der Familiengeschichten dieser drei Freundinnen zu erzählen. Die Eltern sind Nutznießer bzw. Verlierer des Systems und  und erwägen einen möglichen Ausweg, ohne die Kinder einzuweihen. Die Jungen hingegen, die durch die Satellitenschüsseln MTV und andere westliche Freiheiten kennen gelernt haben, allen voran Mišas Bruder, planen geradlinig ihre Flucht in den Westen und lassen sich von niemandem aufhalten. Die Ich-Erzählerin, die die meiste Zeit durch Lesen verbringt, wird anfangen Geschichten zu schreiben, angeregt durch eine Lehrerin, die ihr Talent entdeckt.

Letztendlich beginnt durch den Zusammenbruch des Regimes ein neues Leben für alle. Die Brüchigkeit der Freundschaft der drei Freundinnen wird von Fernsehnachrichten begleitetet, die die Ereignisse in der deutschen Botschaft in Prag, an der Grenze Ungarns und in Berlin berichten. Sie sind Nachrichten aus einer anderen Welt, die in das Leben der Familien im Plattenbau eindringen, sodass am Silvesterabend nicht bemerkt wird, dass die Uhr stehengeblieben ist. Die großen Umwälzungen haben keine Zeit dafür gelassen.

Susanne Gregor sagt in einem Interview, dass das Ziel ihres Schreibens sei, die Menschen ein bisschen zu berühren, „Das letzte rote Jahr“ ist mehr als das.

Der Gesang der Flusskrebse

Ich bekenne, es ist ein Frauenbuch, denn es geht um Liebe und Natur und passt so genau in unsere Zeit. Ist es doch die Nähe, die uns gegenwärtig am meisten bedroht und das Verweilen in der Natur am wenigsten. Denn nie zuvor sah man so viele, die die engen Wohnungen verlassen und sich dorthin aufmachen, wo die Wiesen üppig und die Bäume so dicht sind, dass der Himmel grün erscheint. Der Gesang der Vögel, das Rauschen der Wälder war nie lauter, eingehüllt in diese gerät man nicht nur mehr und mehr in die Geschichte von Kya Clark hinein, der Heldin von „Der Gesang der Flußkrebse“, sondern auch inmitten eines spannenden Kriminalfalls, der das Tempo des Lesens vorgibt.

Kya lebt ein abgeschiedenes Leben in Einklang mit der Natur und wird schon als Siebenjährige nach und nach von ihrer Familie verlassen, zunächst gehen ihre älteren  Geschwister, dann die Mutter und schließlich kehrt auch der Vater nicht mehr in die verfallenene Hütte zurück. Von nun an ist sie ganz auf sich allein gestellt und wird es für lange Zeit auch bleiben. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die sie unterstützen, eine schwarze Familie und ein Junge, der ihr seine Liebe durch wertvolle Federn erklärt. Der Roman erzählt die Geschichte dieses Mädchens, das von der Gemeinschaft ausgestoßen zu einer schönen, wilden jungen Frau heranwächst, die von vielen als Trophäe begehrt wird. Aber einer ihrer Liebhaber wird gleich am Beginn der Geschichte tot am Fuße des Leuchtturms aufgefunden und sie gerät schnell in das Visier der beiden ermittelnden Beamten. Kann sie einen Mord begangen haben, hatte sie ein Motiv? Während die Ermittlungen aufgenommen werden, gibt es Rückblenden, die das Heranwachsen von Kya beleuchten: Wie sie sich allein durchschlägt, wie es ihr gelingt, Geld zu verdienen, um zu überleben, wie sie Lesen und Schreiben lernt und immer wieder enttäuscht wird. Und sich mehr und mehr an der Tierwelt ein Beispiel nimmt. Durch ihre Beobachtungen in der Marsch wird sie später Bücher illustrieren und so ein Auskommen finden. Wenn da nicht die Mordanklage wäre.

Was macht das Buch so spannend und zum Bestseller? Sicherlich ist die Geschichte dieses Marschmädchens, das ganz allein in der Wildnis ums Überleben kämpft, packend und gut erzählt. Naturbeschreibungen nehmen einen großen Platz ein und beim Lesen könnte man vielleicht die Sehnsucht entwickeln, so unberührt von der Zivilisation mit Meer und Tier verbunden zu sein. Aber der Preis ist ein hoher, den Kya dafür zahlt. Einsamkeit und Misstrauen gegen sich und andere  begleiten sie. Aber auch der Wunsch, stark zu sein, sich nicht ängstigen und einschüchtern zu lassen. Wenn die Zeit, in der die Geschichte spielt, auch die fünfziger und sechziger Jahre sind, so weist die Heldin weit in die Zukunft voraus, da sie als höchstes Gut Freiheit und Unabhängigkeit für sich beansprucht. Und wenn die Sprache nicht ausreicht, ihrer Gefühle zu beschreiben, übernehmen Gedichte diese Funktion. Zum Beispiel eines von Emily Dickson:

„Das Herz auffegen / Die Liebe wegräumen / Die wir nicht wieder brauchen wollen / Bis in die Ewigkeit.“

Die Spannung steigt nach einem langsamen Beginn, der in das bitterarme Leben einführt, es geht in rasantem Tempo auf den Höhepunkt zu, je mehr sie in Berührung mit den Menschen kommt. Wird sie es überleben?

Der Gesang der Flusskrebse

Feeling Good

Wenn das Homeoffice geschlossen, die Jogging- und Walkingrunden gedreht, die Telefonate und Nachrichten beendet, könnten Gefühle auftauchen, die ängstigen und möglicherweise auch Panik verursachen. Diesen nicht ganz abwegigen Befindlichkeiten sollte man entschlüpfen, indem man sich Zerstreuung sucht. Man kann Kätzchen und Hunde liebhaben, seinen Balkon oder Garten hübsch machen, schmucke Mundmasken anfertigen und vieles mehr. Wenn man aber weder über Tiere, Garten, noch über Nähkünste verfügt, gibt es andere Möglichkeiten, sich gut zu fühlen. Hier einige Vorschläge:

Wer die letzte Staffel von DSDS verfolgt hat, wurde schon aufgrund der schrillen Persönlichkeiten gut unterhalten. Jetzt, nachdem der Sieger feststeht, kann man sich auf Youtube noch einmal anschauen, welches große Schlagertalent ins deutschsprachige Scheinwerferlicht getreten ist. Ramon Roselly, ein sympathischer Gebäudereiniger aus Leipzig, durchtrainiert, ein junger Brad Pitt, singt so, als ob er mit seinen Liedern schon jetzt die Welt erobert hätte. Jeder seiner Auftritte verzaubert nicht nur das Fernsehpublikum, sondern auch die meist nicht zimperliche Jury, die voller Gänsehaut dem Strahlemann Anerkennung und Bewunderung schenkt. Ihn in seiner Professionalität und Leichtigkeit zum Sieg eilen zu sehen, ist etwas so Besonderes, dass man dem Konzept der Castingshow bewundernd seinen Tribut zollen muss.

https://www.YouTube.com/watch?v=J7uqESAdEWM&t=180s

Überhaupt ist Youtube, wie wir alle wissen, eine Fundgrube: Wer sich vor den derzeit so angesagten Videokonferenzen fürchtet, weil in diesen auch die großen Entertainer plötzlich ziemlich heruntergekommen ausschauen, bleich, unfrisiert, in Freizeitkleidung, ziemlich gestresst und überfordert, gar nicht mehr so locker und souverän wie in ihren Shows, der kann in vielen Tutorials lernen, wie man frisch und professionell seinen Beitrag mittels Video übermittelt. Das Licht, die Höhe, der Hintergrund, die Kleidung und viele, viele andere Faktoren müssen dabei bedacht werden, um sich voller Selbstvertrauen vor seinem Publikum in ein günstiges Licht zu rücken.

Nicht nur die Außen- auch die Innenwelt muss derzeit gepflegt werden. Meditationen sind sowieso in großer Zahl immer und überall verfügbar, morgens und abends und zu allen möglichen Themen, aber unsere Zeit braucht eine aktuelle Antwort. Diese liefert uns Deepak Chopra mit seinen täglichen Lektionen aus dem fernen Kalifornien. Jeden Tag begrüßt er die Dürstenden dieser Welt, die im Ausnahmezustand ausharren, und erklärt ihnen in sanftem indischen Dialekt, was man tun kann, um sich selbst und die aus den Fugen geratene Welt zu heilen. Auch wenn man nicht alles versteht, weil man kein Insider ist, seine täglichen Ansprachen können Aufmunterung  und Trost spenden.

Mein nächster Beitrag handelt von einem Online-Seminar, das Ihr Leben nach Corona neu designen wird, von einer Autorin, die uns von den 50er und 60er Jahren in New York erzählt und von einer jungen Jüdin, die sich von dort nach Berlin aufmacht, um glücklich zu werden. Seien Sie gespannt und lassen Sie mich wissen, was Ihr Leben derzeit bereichert.

Es kann schlimmer sein

Die Bagage

Wer schon etwas in die Jahre gekommen ist, noch die sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts erlebt hat, wird sich daran erinnern, dass Armut damals auch in Österreich noch überall sichtbar war. Es gab nicht wenige Familien, in denen die Kinder nur einmal in der Woche eine kleine Schokolade zum Teilen hatten, getragene Kleidung und alte Skier von Kind zu Kind weitergereicht wurden und man nur einen Holzofen in der Küche zum Wärmen hatte.  Die Not sah man den Leuten an, Luxus war einmal im Jahr ein Mittagessen in einem Gasthaus, es musste gespart werden, das Wort Urlaubsreise für viele noch nicht vorstellbar.

Und wenn man den Erzählungen der Großmutter zuhörte, sah man, wie gut es einem ging, denn es kann schlimmer sein. Wie schlimm, erzählt Monika Helfer anhand ihrer Familiengeschichte in ihrem autofiktionalen Roman  „Die Bagage“.

Es ist die Geschichte ihrer Großeltern, der schönen Maria Mossbrugger, die mit ihrem Mann Josef auf einem entlegenen Hof weit drinnen in der Einschicht lebt und sieben Kindern das Leben schenkt. Es ist die Geschichte von bitterer Armut und Außenseitertum, weil Schönheit und Kinderreichtum bei den Dorfbewohnern Neid, Bosheit und Verleumdung wecken. Die Bagage, wie die Dorfbewohner  abwertend sagen, hat nichts. Der Hof ernährt sie kärglich, und so ist die Familie, als Josef mit drei anderen Dorfbewohnern 1914 in den Krieg zieht, auf die Unterstützung des Bürgermeisters angewiesen. Er glaubt jetzt seine Stunde gekommen und nimmt Maria mit auf den Markt, dort lernt sie aber einen Deutschen kennen, der einige Male auf den Hof kommt. Diese Besuche haben zur Folge, dass  ihr nun auch die anderen Männer ungeniert nachstellen, allen voran der Bürgermeister. Er schreckt dabei auch vor Gewaltanwendung nicht zurück.  Erst dem Zweitjüngsten, Lorenz, gelingt es schließlich, den Bürgermeister aus dem Haus zu vertreiben. Und als die Familie überhaupt nichts mehr zum Essen hat, ist er es wieder, der einen fremden Keller ausräumt und so das Überleben sichert. Dass Maria untreu mit dem Deutschen gewesen sei, ereilt den heimkehrenden Josef schon weit vor seiner Ankunft als bösartiges Gerücht. Das Kind, Grete, das während des Krieges geboren wird, ist die Mutter der Autorin, mit der der  Vater nie ein Wort reden oder es jemals anschauen wird, so sehr hat sich das Misstrauen in ihm eingraben.

Monika Helfer schreibt in einfacher Sprache von Ereignissen, wie es damals gewesen hätte sein können. Vieles hat sie noch von ihrer Tante Kathi erfahren und auch ihr konnte sie es erst am Totenbett entreißen. Vieles bleibt im Unklaren, so auch wer der Vater von Grete ist. Und  immer wieder wird die Erzählung über die Großmutter unterbrochen und die Lebensgeschichten ihrer sieben Kinder werden weiterverfolgt. Soviel sei verraten: Die Beschädigungen, die sie durch die Armut und die dörfliche Gemeinschaft erfahren haben,  hat sie für ihr Leben gezeichnet. Sie hatten kein leichtes und geglücktes Leben.

„Die Bagage“ ist eine erbärmliche, tieftraurige Geschichte, die Monika Helfer uns von ihrer Herkunft erzählt, aber sie ist auch eine ermutigende Geschichte von der Liebe und Fürsorge zwischen Mutter und Kindern.

Mehr als ich manchmal verkraften kann …

Erinnert man sich an die achtziger und frühen neunziger Jahre in der Hauptstadt zurück, ist die Frauenbewegung omnipräsent. Gern und häufig wurden die Frauenbuchhandlung, – demonstrationen und -feste besucht und sogenannte Frauenliteratur in Unmengen verschlungen. Es gab ein starkes Solidaritätsgefühl unter Frauen. Und eine Frau schien der Motor dieses feministischen Aufbruchs in Österreich zu sein: Johanna Dohnal, über die in den Medien, in Stadt und Land im Guten, mehr noch im Bösen gesprochen wurde. Jetzt hat die Regisseurin Sabine Derflinger unter dem Titel „Die Dohnal“ eine Dokumentation über das Leben und Wirken dieser Ausnahmepolitikerin herausgebracht.

Für alle diejenigen, die Johanna Dohnal noch nicht kennen: Sie war eine SPÖ-Politikerin, ab 1979 Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen, ab 1990 erste österreichische Frauenministerin, bevor sie 1995 von Bundeskanzler Franz Vranitzky entlassen wurde, indem sie davon aus der Zeitung erfuhr. Die Dokumentation verfolgt ihren Aufstieg in der Partei von der Bezirksrätin bis ins Ministerium und lässt viele Mitstreiterinnen der damaligen Zeit und junge Feministinnen von heute zu Wort kommen. Es wird gezeigt, gegen welche Widerstände sie ankämpfen musste, aber vor allem welche weitreichende Umgestaltung der österreichischen Gesellschaft durch ihre Politik möglich war. Einige Reformen seien hier genannt:  das gesetzliche Verbot von sexueller Belästigung, das Betretungsverbot bei Gewalt in der Ehe, die Beseitigung der Amtsvormundschaft bei ledigen Mütter, Gleichbehandlungsgetze für den öffentlichen Dienst und die Frauenquote an Universitäten und in Ministerien, die Einführung von Frauenhäusern und Väterkarenz. Ihr Einsatz für Gleichberechtigung und die Verbesserung der Situation der Mädchen und Frauen war unermüdlich und aufreibend. Wir erleben sie im Club 2, in Interviews, aber auch im Gespräch mit Bäuerinnen und Arbeiterinnen. Immer ist sie authentisch, neugierig, schlagfertig und um Aufklärung bemüht. Interessant sind auch die Aussagen aus ihrem familiären Umfeld, ihrer Tochter, Enkelin, Lebensgefährtin, ihrer Mitarbeiterinnen, die uns den Menschen Johanna Dohnal hinter der politischen Bühne näherbringen. Sie lassen uns erfahren, dass der Druck auf sie enorm war, dass jeden Tag Unmengen Post von Rat suchenden Frauen im Ministerium einflatterten, die beantwortet werden mussten und  teilweise auch aus schierer Unmöglichkeit, von ihren Mitarbeiterinnen zum Verschwinden gebracht wurden. Ihre Enkelin beklagt, dass heute niemand mehr den Namen ihrer Großmutter kenne, ihre Lebensgefährtin berichtet von Kotzattacken nach schwierigen Sitzungen und  sie selbst antwortet in einem Interview auf die Frage, ob die „ewige Frauenfrage“  ihr ganzes politisches Leben ausfülle mit: „Mehr als ich manchmal verkraften kann“.

Weil Johanna Dohnal als Politikerin und Privatperson gezeigt wird, scheint es nicht verwunderlich, dass das Interesse an dem Film so groß ist. Und wenn man ein Interview mit einem österreichischen Politiker bzw. einer Politikerin derzeit mitverfolgt, kann man sich nur wundern, was in der Zwischenzeit passiert ist. In den Aussagen von Johanna Dohnal werden drängende gesellschaftspolitische Fragen benannt, wodurch den Angreifern Tür und Tor geöffnet wird. Schon das allein zu erleben, wie ehrlich und verletzbar sie agierte,  tut wohl. Johanna Dohnal war eine „Politikerin mit Haltung und Herz“, mit Ecken und Kanten, stolz und verzweifelt, klug und voll unbändiger Energie, aufgebrochen, dem Patriarchat in Österreich den Garaus zu machen.

Die Dohnal