„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (Simon Verhoeven, 2026)

Der Titel stammt aus Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“, den Generationen von Jugendlichen als Sinnbild von Sehnsucht, Leidenschaft und Scheitern lesen mussten, einen tragischen Bestseller aus dem 18. Jahrhundert. Auch Joachim Meyerhoff, einer der ganz großen Schauspieler des deutschen Theaters, hat mit seinen sechs autobiographischen Romanen Bestseller geschrieben. Wer diese Bücher gelesen hat, weiß, wie unterhaltsam, witzig und todtraurig sie sind, da sie das pralle Leben in alle seinen Höhen und Tiefen zeigen.

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist das dritte aus der Reihe. „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“ (2011) handelt von seiner bewegten Jugend und dem Austauschjahr in Amerika. In „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ (2013) begleiten wir den jungen Joachim durch seine Kindheit, die er auf dem Areal einer psychiatrischen Anstalt verbringt, wo sein Vater als Arzt arbeitet. Und „Ach, diese Lücke“ (2015) beschreibt die Zeit, als er als Schauspielschüler bei seinen Großeltern in München lebt.

Joachim, die Großeltern und die Schauspielschule

Joachim Meyerhoff beschließt nach dem Unfalltod seines geliebten Bruders überraschend Schauspieler zu werden. Er möchte an die berühmte Falckenbergschule in München gehen. Das Aufnahmeverfahren ist gnadenlos, der Ansturm riesengroß, nur ganz wenig Auserwählte werden aufgenommen. Aber er schafft es mit nur einem Text, „Dantons Tod“, denn seine Großmutter hatte ihm abends Kaffee gegeben, um beim Vorsprechen richtig fertig zu sein. Sie war ja selbst eine berühmte Schauspielerin und auch Lehrerin an dieser Schule und wisse einige Tricks. Kaffee spielt ansonsten in der Villa der Großeltern keine große Rolle, Alkohol fließt in rauen Mengen von früh bis spät, Trink-Rituale prägen den Alltag der Großeltern. Am Morgen wird synchron mit Schnaps gegurgelt, der gleich hinuntergeschluckt wird, zum Frühstück gibt es Champagner, um 5 Uhr folgt ein doppelter Whiskey und am Abend Rotwein mit klassischer Musik. Dazwischen wird im Freien geturnt, gelesen, geschrieben und im nahen Schlosspark spazieren gegangen. Die liebvollen Großeltern, „mein Lieberling“ nennt ihn die Großmutter zärtlich, geben dem Enkel Halt und Sicherheit in einer stürmischen Zeit.

Denn Joachim kann sich zunächst in der Schauspielschule nicht entfalten, er ist gehemmt und kann mit vielen „befreienden“ Übungen („Brustwarzenlächeln“) nichts anfangen. Er schämt sich und fühlt sich dem großen Druck und der Konkurrenz nicht gewachsen. Nicht nur einmal droht ihm der Hinauswurf. Aber seine Großeltern stehen fest hinter ihm, relativieren und schließlich kann ihm die Großmutter sogar eine erste Filmrolle verschaffen. Dadurch steigt sein Ansehen an der Schule und am Ende der vierjährigen Ausbildung bekommt er sein erstes Engagement in Kassel. Jahre später werde ich Joachim Meyerhoff am Burgtheater in verschieden Rollen bewundern, die alle in lebendiger Erinnerung geblieben sind.

Warum „Ach, diese Lücke“ ein großartiger deutscher Film ist

Simon Verhoeven hat das Buch mit seiner Mutter Senta Berger in der Figur der exzentrische Diven-Großmutter und Michael Wittenborn als schrulligen Philosophen-Großvater verfilmt. Der jugendlich-unverbrauchte Bruno Alexander spielt Joachim Meyerhoff mit all seinen Blockaden so überzeugend, dass es eine Freude ist, ihm dabei zuzuschauen. Wer ausgezeichnete Schauspielkunst bewundert, wird mehr als auf seine Kosten kommen, ist der Film doch eine Würdigung an diese Zunft. Simon Verhoeven hat seiner Mutter, die sich die Rolle zuerst gar nicht zugetraut hatte, einen Liebesdienst erwiesen („geniale Altersrolle“). Das übrige Ensemble ist ebenso treffend gewählt: Karoline Herfurth, Tom Schilling, Victoria Trauttmansdorff, Friedrich von Thun, David Striesow, Laura Tonke, alle diese großen Namen werden ihrem Ruf gerecht und zeigen, was sie an Schauspielkunst in sich haben. 

Die Verfilmung schafft es von Beginn an, einen jungen Mann in einer Lebenskrise aus liebevoller Distanz zu begleiten. Unser Held stirbt nicht an seinen hohen Erwartungen und einer bornierten Gesellschaft, sondern findet durch viel Unterstützung seine Bestimmung als Künstler. Leichtigkeit löst die Schwere ab, die ihn belastet und vom Leben zurückgehalten hat. Er kann nun seine Trauer und Verlorenheit für sein Spiel produktiv verwerten. Die Zeiten haben sich gottseidank geändert.

Regie, Soundtrack und Kamera untermalen das Geschehen subtil, alles zusammen ergibt einen unterhaltsamen und tiefgründigen deutschen Film, den Sie unbedingt sehen sollten. Mit aller seiner Leichtigkeit und Tragik, die man sich von einem echten Meyerhoff eben erwartet.

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