„Noch lange keine Lipizzaner“ (Olga Kosanović, 2025)

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem sperrigen Titel und der Aussage einiger autochthoner Österreicher*innen, dass einem die österreichische Staatsbürgerschaft nachgeschmissen wird? Die junge Filmemacherin Olga Kosanović geht dieser Frage nach. In Wien war die Vorstellung von jungem Publikum ausverkauft, und auch im Grazer Rechbauerkino wurde mir an der Kassa erzählt, dass der Film sehr gut ginge. Warum ist gerade ein Dokumentarfilm über die österreichische Staatsbürgerschaft derzeit so beliebt?

Der Anlass des Films ist ein persönlicher: Kosanović, eine Wienerin mit serbischem Pass, entschließt sich, Nägel mit Köpfen zu machen. Sie möchte österreichische Staatsbürgerin werden. Einfach gedacht, schwer getan. Ihr wird ihr Nichtwissen über das Staatsbürgerschaftsgesetz zum Verhängnis. Denn sie hatte in Hamburg Film studiert und somit in den letzten Jahren zu wenig Zeit in Österreich verbracht. Mehr und mehr muss sie erkennen, dass die Voraussetzungen für den Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft strikt sind: ein zehnjähriger rechtmäßiger Aufenthalt in Österreich, Deutschkenntnisse auf B1-Niveau, Unbescholtenheit, ein gesicherter Lebensunterhalt, eine positive Einstellung zur Republik Österreich… Und was der Filmemacherin schließlich doch zu schaffen macht, die Rückgabe der serbischen Staatbürgerschaft.

In Form einer „Volksbefragung“ und Interviews mit Experten, nachgespielten Szenen, Schautafeln und Zeichentrick-Sequenzen wird gezeigt, welche Hintergründe das strenge Staatsbürgerschaftsgesetz und welche Auswirkungen es auf Betroffene hat, die gerne Österreicher*innen werden wollen. Experten (Politikwissenschaftler, Anwälte, Politiker und eine Migrationsforscherin) erklären, welche geschichtlichen und soziale Hintergründe das österreichische Staatsbürgerschaftgesetz hat. Dadurch wird die Ebene der persönlichen Betroffenheit erweitert zu Fragen der Nationsbildung- und Identitätsbildung. Der ehemalige Nationalratspräsident Andreas Kohl drückt es so aus: „Österreich war ein Staat, den niemand wollte“. Da die österreichische Identität lange nicht gesichert war, sei die starke Abgrenzung wichtig für die Nationsbildung gewesen.

Abstammung vor Geburtsrecht

Anders als etwa in Amerika, wo jedes Neugeborene automatisch die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält, ist es in Österreich so, dass ein Elternteil Österreicher*in sein muss. Wenn beide Elternteile eine andere Staatsbürgerschaft besitzen, bekommt das Kind die Staatsbürgerschaft der Eltern. Einzig türkischen Staatsbürger*innen wird eine Doppelstaatsbürgerschaft zugestanden. In der Dokumentation kommen ältere Österreicher*innen und junge nicht österreichische Staatsbürger*innen zu Wort. Erste haben verständlicherweise wenig darüber nachgedacht, Letztere fühlten sich nicht zugehörig, obwohl sie meist ihre ganze Kindheit und Jugend in Österreich verbracht haben. Das mache ihre Integration schwerer, obwohl sie hier in die Schule gegangen sind und perfekt Deutsch sprechen. Immer wieder betonen sie, dass es für sie ein großer Unterschied wäre, wenn sie österreichische Staatsbürger*innen wären und wählen gehen könnten.

Was ist Österreichisch?

Ein Internet-User hatte mit dem Kommentar „Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner“ den Titel anregt.

Die Filmemacherin machte sie auf Suche, um typisch Österreichisches aufzuspüren. Sind es die Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule, die vor allem von Touristen besucht werden? Sind es die Berge und Seen? Es werden viele Klischees angeführt, die sich dann als brüchig und widersprüchlich herausstellen. Kommen die Lipizzaner nicht aus Slowenien? Und war Österreich nicht immer ein Vielvölkerstaat? Sind wir Österreicher*innen nicht alle Nachfahren von Fremden? Und betonen wir im Ausland nicht immer, dass wir Österreicher und keine Deutschen sind?

Alles ist kompliziert und widersprüchlich, sowohl die Sehnsucht der einen als auch die Angst der anderen. „Noch lange keine Lipizzaner“ ist unterhaltsam, kurzweilig und soll zum Nachdenken anregen.

Eines sei aber gewiss:

Die österreichische Staatsbürgerschaft wird einem nicht nachgeschmissen. Fragen Sie bei der MA 35 nach.

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