
Karl-Markus Gauß ist ein österreichischer Schriftsteller und Essayist, der mich vor Jahren mit seinem Buch „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“ (2019) in den Bann gezogen hatte. Bei der Diagonale 2025 wurde nun ein 80-minütiger Dokumentarfilm über ihn präsentiert, in Anwesenheit des Autors, des Regisseurs und fast aller, die am Film mitgewirkt hatten. Auch Johannes Holzhausen sah ihn zum ersten Mal vor großem Publikum. Karl-Markus Gauß, über den bisher nur kurze Porträts fürs Fernsehen gedreht wurden, war von dem Großformat des Films peinlich berührt und bekannte, dass dies sein letzter gewesen sei. Was hatte der Film über ihn zu erzählen?
Die Kamera begleitet ihn und seine Frau Maresi von seinem Wohnort, einer idyllischen Salzburger Villa auf der Rückseite des Mönchsberges, zu den Ursprüngen seiner donauschwäbischen Familie in die Batschka. Seine Eltern mussten 1944 aus dem Gebiet der heutigen serbischen Wojwodina vor den Partisanen flüchten und siedelten sich in Salzburg an, wo Gauß 1954 als jüngster von vier Kindern geboren wurde.
Vom Geburtsort seiner Mutter in Futog ausgehend begegnet er ihm bekannte SchriftstellerInnen in Sarajewo, Mostar, Novi Sad und Ungarn (Noemi Kiss), spricht mit ihnen über Krieg, Flucht, Rückkehr und die Donau. Im Publikumsgespräch nach der Vorführung erzählte Gauß von einer Begegnung mit einem wunderschönen jungen Mann in Sarajewo, der zufälligerweise gerade am Drehort eine rote Rose für einen Friedensaktivisten, der bei der Belagerung von einem Scharfschützen ermordet wurde, ablegen wollte. Diese Szene wurde jedoch nicht in den Film aufgenommen, da, wie Gauß ausführte, sie niemand glauben und sie als konstruiert ansehen würde.
Nach Österreich zurückgekehrt möchte er das ihm unbekannte Unken kennenlernen, er besucht den Friedhof von Bramberg in Pinzgau, erfährt von Zeitzeugen über Deserteure, die zeitlebens mit der Schuld leben mussten, dass einige Mitglieder ihrer Familie an ihrer Stelle ins KZ Ravensbrück gebracht wurden und dort umgekommen sind. Und er hat ein Gespräch mit Adolf Schwaiger, der den „Russenfriedhof“ in St. Johann im Pongau seit Jahrzehnten ehrenamtlich betreut. Die Wunden eines Krieges sind auch in seinem Heimatland allgegenwärtig und belasten Menschen und Gemeinden.
Im letzten Teil des Filmes zeigt Karl-Markus Gauß seine Methode des Arbeitens, beginnend dem dem Aussortieren, dann folgen Notizen mit der Füllfeder bis hin zum Schreiben. Es werden Artikel gesammelt, diese in Ordner zu bestimmten Themen über viele Jahre hinweg gesammelt, manche Projekte verwirklicht, denn bisher wurden 26 Bücher von ihm veröffentlicht. Geschrieben werden sie immer auf einem Computer zuhause, an einem der Wand zugewandten Sekretär, ein Polster im Rücken des harten Stuhls. Mindestens genauso viele Bücher seien jedoch nicht geschrieben worden, weil das Thema zu komplex war oder werden nicht mehr geschrieben werden, weil die Zeit wohl nicht mehr reichen werde. Nach einem Herzinfarkt, der ihm sein Sterben bewusst gemacht hat, ist seine Zeit kostbar geworden.

„Schlendern ist mein Metier“ von Johannes Holzhausen bringt uns den Schriftsteller und Menschen Karl-Markus Gauß näher, erzählt von seinen Vorfahren, seiner Arbeitsweise und den Themen seiner Bücher, die gegen das Vergessen gerichtet sind. Einige neue Texte liest der Autor, der auch als der „Chronist eines verschwindenden Europas“ bezeichnet wird, selbst vor.
Nach so vielen belastenden Erinnerungen und Orten der Gewalt und des Todes wurde man von Gauß mit den Worten in ein regnerisches Graz entlassen: „Man darf es sich nicht leisten, keine Hoffnung zu haben“.
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