„Altweibersommer“ (Pia Hierzegger, 2025)

Die mythologische Erklärung für das Wort Altweibersommer ist folgende: „Die feinen grau glänzenden Spinnfäden erinnern an die Haare alter Frauen“. In früheren Zeiten glaubten die Menschen Lebensfäden zu sehen, die von alten weißhaarigen Schicksalsgöttinnen gesponnen wurden. Im meteorologischen Sinne wird der Begriff auch als Phase des warmen Ausklingens des Sommers im September und Oktober bezeichnet, im übertragenen Sinne als kurzzeitige zweite Jugend von Frauen. Vielleicht fühlten sich deshalb vor allem ältere Frauen vom Titel angesprochen und zeigten sich nach dem Verlassen eines Kinos im Ennstal ernüchtert. „Was hat der Film mit unserer Lebensrealität zu tun?“, fragte eine enttäuscht in die Runde und erhielt viel Zustimmung.

Der Film handelt von einer Frauenfreundschaft, die einer Wohngemeinschaft entstammt und nicht mehr dem Lebensgefühl der achtziger Jahre entspricht. Elli, kahlköpfig, aber immer mit schickem Kopftuch, hat gerade eine Chemotherapie hinter sich, weshalb ihr kaum ein Lächeln entkommt. Die Beziehung zu ihrer Tochter ist angespannt, die Tochter will nicht mehr mit ihr sprechen. Dabei steht ein Umzug ins Haus und die Mutter würde ihre Hilfe beim Kistenschleppen dringend brauchen. Ihre beiden Freundinnen, Astrid und Isabella, laden sie auf den jährlichen Campingurlaub ein, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Aber der verlassene Campingplatz und der alte Wohnwagen lassen keine Erholung zu und das Wandern in den Bergen fällt Regen und Kälte zum Opfer. Und da gibt es noch einen Nachbarn in einem Airstreamer, der seinen scharfen Schäferhund gerne auf Ausländer hetzen würde. Hier ist für die drei keine Kraft zu tanken.

Durch einen glücklichen Zufall kommen sie nicht ganz legal zu Geld, beschließen dem kalten Österreich den Rücken zu kehren und an den sonnigen Lido di Venezia zu fahren. In einem alten Mazda machen sie sich gut gelaunt auf in den Süden. Italien! Sonne! Aperol Sprizz! entgegen. Sie mieten sich in das Luxushotel „Excelsior“ ein und genießen die Größe und Annehmlichkeit, die sich unverhofft eröffnet hat. Alles könnte sich zum Glück wenden, wenn da nicht die Probleme wären, die sie für kurze Zeit hinter sich lassen wollten. Astrid (Ursula Strauß) ist gut organisiert, lebt in einem plastikfreien Haushalt, ist aber mit einem „gescheiterten Genie“ belastet, der den Alltag nicht schafft und sie ständig mit Anrufen quält. Isabella (Diana Amft), sinnlich und lebensfroh, muss als Kellnerin arbeiten, obwohl sie Schauspielerin ist. Frustrierende Beziehungen mit verheirateten Männern gehen ihr an den Kragen. Und Elli (Pia Hierzegger) leidet an ihrer verwüsteten Brust, den fehlenden Haaren und erfährt, dass ihre Tochter schwanger ist. So kann wenig Leichtigkeit und Freude am Lido aufkommen und wie die drei Freundinnen mit all diesen Widrigkeiten mehr oder weniger humorvoll umgehen, zeigt der Rest des Filmes.

Wahrscheinlich hatte sich die Frauenrunde im Kino eine leichte Komödie erwartet, flotte Dialoge, die einen aus dem Alltag herausreißen. Diese Erwartungen werden nicht ganz erfüllt. Die Tragik ist allgegenwärtig, alles ist verstrickt und verwoben, schwierig und zäh, auch bei den Männern, die im Film nur Nebenrollen (Gastauftritt von Josef Hader als Campingwart) spielen. Kurz tauchen Momente der Leichtigkeit und Lebensfreude auf, meist unter dem Einfluss von Alkohol und beim Hören von Musik im Auto. Der zwischen New-Wave-Punk und Italo Pop angesiedelte Soundtrack verspricht Lebensfreude und Freiheit, die den Freundinnen um die 50 abhandengekommen sind. Dennoch, als die drei Bella Italia verlassen, sehen sie neue Perspektiven und Lebensmöglichkeiten. Und sie kommen einander wieder näher und werden vielleicht auch in Zukunft zusammen Urlaub machen.


Übrigens, man würde den drei sympathischen Filmfrauen, die überzeugend und herzerwärmend von Ursula Strauß, Pia Hierzegger und Diana Amft verkörpert werden, eine lange zweite Jugend wünschen. Aber das ist ein anderer Film, der erst geschrieben werden müsste entlang des Refrains von „Rocky Road“ von Lene Lovich.

„Schlendern ist mein Metier“ (Johannes Holzhausen, 2025)

Karl-Markus Gauß ist ein österreichischer Schriftsteller und Essayist, der mich vor Jahren mit seinem Buch „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“ (2019) in den Bann gezogen hatte. Bei der Diagonale 2025 wurde nun ein 80-minütiger Dokumentarfilm über ihn präsentiert, in Anwesenheit des Autors, des Regisseurs und fast aller, die am Film mitgewirkt hatten. Auch Johannes Holzhausen sah ihn zum ersten Mal vor großem Publikum. Karl-Markus Gauß, über den bisher nur kurze Porträts fürs Fernsehen gedreht wurden, war von dem Großformat des Films peinlich berührt und bekannte, dass dies sein letzter gewesen sei. Was hatte der Film über ihn zu erzählen?

Die Kamera begleitet ihn und seine Frau Maresi von seinem Wohnort, einer idyllischen Salzburger Villa auf der Rückseite des Mönchsberges, zu den Ursprüngen seiner donauschwäbischen Familie in die Batschka. Seine Eltern mussten 1944 aus dem Gebiet der heutigen serbischen Wojwodina vor den Partisanen flüchten und siedelten sich in Salzburg an, wo Gauß 1954 als jüngster von vier Kindern geboren wurde.

Vom Geburtsort seiner Mutter in Futog ausgehend begegnet er ihm bekannte SchriftstellerInnen in Sarajewo, Mostar, Novi Sad und Ungarn (Noemi Kiss), spricht mit ihnen über Krieg, Flucht, Rückkehr und die Donau. Im Publikumsgespräch nach der Vorführung erzählte Gauß von einer Begegnung mit einem wunderschönen jungen Mann in Sarajewo, der zufälligerweise gerade am Drehort eine rote Rose für einen Friedensaktivisten, der bei der Belagerung von einem Scharfschützen ermordet wurde, ablegen wollte. Diese Szene wurde jedoch nicht in den Film aufgenommen, da, wie Gauß ausführte, sie niemand glauben und sie als konstruiert ansehen würde.

Nach Österreich zurückgekehrt möchte er das ihm unbekannte Unken kennenlernen, er besucht den Friedhof von Bramberg in Pinzgau, erfährt von Zeitzeugen über Deserteure, die zeitlebens mit der Schuld leben mussten, dass einige Mitglieder ihrer Familie an ihrer Stelle ins KZ Ravensbrück gebracht wurden und dort umgekommen sind. Und er hat ein Gespräch mit Adolf Schwaiger, der den „Russenfriedhof“ in St. Johann im Pongau seit Jahrzehnten ehrenamtlich betreut. Die Wunden eines Krieges sind auch in seinem Heimatland allgegenwärtig und belasten Menschen und Gemeinden.

Im letzten Teil des Filmes zeigt Karl-Markus Gauß seine Methode des Arbeitens, beginnend dem dem Aussortieren, dann folgen Notizen mit der Füllfeder bis hin zum Schreiben. Es werden Artikel gesammelt, diese in Ordner zu bestimmten Themen über viele Jahre hinweg gesammelt, manche Projekte verwirklicht, denn bisher wurden 26 Bücher von ihm veröffentlicht. Geschrieben werden sie immer auf einem Computer zuhause, an einem der Wand zugewandten Sekretär, ein Polster im Rücken des harten Stuhls. Mindestens genauso viele Bücher seien jedoch nicht geschrieben worden, weil das Thema zu komplex war oder werden nicht mehr geschrieben werden, weil die Zeit wohl nicht mehr reichen werde. Nach einem Herzinfarkt, der ihm sein Sterben bewusst gemacht hat, ist seine Zeit kostbar geworden.

Schlendern ist mein Metier“ von Johannes Holzhausen bringt uns den Schriftsteller und Menschen Karl-Markus Gauß näher, erzählt von seinen Vorfahren, seiner Arbeitsweise und den Themen seiner Bücher, die gegen das Vergessen gerichtet sind. Einige neue Texte liest der Autor, der auch als der „Chronist eines verschwindenden Europas“ bezeichnet wird, selbst vor.

Nach so vielen belastenden Erinnerungen und Orten der Gewalt und des Todes wurde man von Gauß mit den Worten in ein regnerisches Graz entlassen: „Man darf es sich nicht leisten, keine Hoffnung zu haben“.