Man hört sie auch in Österreich: die vielen Kritiker an der ersten Frau, die in Deutschland 16 Jahre lang Kanzlerin war. Im Nachhinein haben es alle besser gewusst. „Mutti“, wie sie von manchen abschätzig genannt wurde, zeige wenig Selbstkritik in Bezug auf ihre Zeit als Regierungschefin: beim überstürzten Atomausstieg, bei ihrem Nein eines schnellen NATO-Beitritts der Ukraine und Georgiens, bei ihrer Russland- und Flüchtlingspolitik, vom Versagen für den Klimaschutz und in der Pandemie ganz zu schweigen. Wer fundierte Einblicke in die Person und Politik von Angela Merkel gewinnen möchte, sollte ihr Buch „Freiheit“ lesen, das sie mit ihrer langjährigen Beraterin Beate Bauman verfasst hat: über 700 Seiten lang, in dem sie sich u.a. mit diesen Themen auseinandersetzt und ihre Entscheidungen ausführlich erklärt.
„Ich wurde nicht als Kanzlerin geboren“
Wer Angela Merkels Kraft und Resilienz verstehen will, erfährt im ersten Drittel des Buches anschaulich über ihre Kindheit, Jugend und die ersten Jahre als Physikerin in der DDR. Und in der Tat, ist dieser Abschnitt von Erfahrungen und Erlebnissen geprägt, die ihrer steilen Karriere im wiedervereinten Deutschland geholfen haben. Als Pfarrerstocher im Waldhof in Templin glücklich aufgewachsen, musste sie einige Benachteiligungen in Kauf nehmen. Sie darf in der Schule nicht am gemeinsamen Mittagessen teilnehmen, nicht auf Freizeiten mitfahren etc. Sie ist fleißig und ehrgeizig, gewinnt Wettbewerbe in Russisch, studiert Physik, promoviert, arbeitet an der Akademie der Wissenschaften, weiß aber, dass sie als kirchlich Gebundene niemals eine Lehrtätigkeit an einer Universität bekommen werde. Um im autoritären System der DDR zu überleben, arrangiert sie sich mit der Macht, ohne ihre Unbekümmertheit zu verlieren. Auch sie wird vom Staatssicherheitsdienst angeworben, sie könne aber nichts für sich behalten, haben ihr ihre Eltern früh eingebläut und sie ist Hausbesetzerin am Prenzlauer Berg nach ihrer Scheidung.
„Die Erste: Ich“
Als Angela Merkel 35 Jahre alt ist, kommt der Mauerfall, sie ist jung, tatendurstig und engagiert sich in der Politik, zunächst im Demokratischen Aufbruch und innerhalb eines Jahrzehnts erfolgt ihr steiler Aufstieg in der CDU. Sie ist eine der drei Frauen, die 1991 nach der Wiedervereinigung einen Ministerposten bekommt, zunächst für Frauen und Jugend, 1994 wird sie Umweltministerin, 2000 CDU-Vorsitzende und 2005 Kanzlerkandidatin. Niemand hatte ihr, „Kohls Mädchen“, zugetraut, so viel Macht in einer von Männern dominierten Partei zu erringen. Mit klugen Schachzügen gelingt es ihr, die männlichen Mitbewerber („Andenpakt“) auszuschalten, die sie unterschätzt hatten. Diesen Teil ihrer Erinnerungen zu lesen, ist besonders spannend und gibt Einblicke, wie strategisch und kompromisslos sich Angela Merkel den Weg zu Macht geebnet hatte. Und als sie 2005 die Wahl gewinnt und Bundeskanzlerin wird, hatte der Wahlverlierer nur Verachtung für sie über. Sie erträgt diese mit stoischer Gelassenheit, auch später wird sie den Provokationen mächtiger Männer, seien es Trump, Putin oder andere Alphamänner, nur ein verschmitztes Achselzucken entgegensetzen. Sie hat bei diesen gelernt und setzt ihr Machtstreben auf ihre Art um. Nun selbst Kanzlerin wird sie ein gewichtiges Wort in der Weltpolitik mitreden.
„Deutschland dienen“
Und es sind viele Krisen, die ihre lange Regierungszeit begleiten und unsere Zeit prägen: Afghanistan, Atomkraft, Banken, Euro, Flüchtlinge, Klima, Putin, Trump, Ukraine, um nur einige wenige herauszugreifen. Dieser Abschnitt berichtet von Gipfeln, Staatsbesuchen und von der Zäsur 2015, wie sie es selbst benennt. Ihr Tagesablauf ist streng getaktet, meist hat sie Termine in einem Viertelstundenrhythmus und ist immer sehr gut vorbereitet. Nächtelange Verhandlungen, wenig Schlaf, weitreichendende Entscheidungen treffen, Druck von allen Seiten. Immer ist sie darum bemüht, durch Verhandlungen und Kompromisse ein Ergebnis zu finden. Das Ringen darüber ist nüchtern und ins Detail gehend erzählt und gibt Einblicke in die Hinterzimmer der Mächtigen, auch wenn nicht alles gelingt, wie sie bekennt. Dieser Teil ihrer Erinnerungen kommt nicht an die Brillanz von Obamas Autobiographie heran (siehe meinen Beitrag „A promised Land“).
Wenn dann nach langen Verhandlungsnächten die Nacht in den Tag übergeht und etwas ausverhandelt werden konnte, so wird berichtet, habe sie sich eine Decke gegen die Kälte übergezogen und mit Verbündeten ein Glas Rotwein getrunken, Witze erzählt und andere Politiker gekonnt parodiert. Und als der ukrainische Präsident Zelenskyi 2019 ihr seinen Antrittsbesuch abstattet, wird sie von ihrem ersten Zitteranfall geschüttelt, ein unheilvolles Vorzeichen auf die kommenden Ereignisse in seinem Land.
Auf die oft gestellte Frage, ob Merkel eine Feministin sei, antwortete Alice Schwarzer so: „Ihre ganze Existenz ist Feminismus pur“.
Für die erste Bundeskanzlerin von Deutschland soll es nun rote Rosen regnen.