Widerstand im Salzkammergut (Altaussee, 26. 10. 2024)

Natürlich hatte ich zum ersten Mal vom Widerstand im Salzkammergut während meiner Studienzeit in den achtziger Jahren gehört. Damals dachte ich, das Thema wäre sicherlich eine Diplomarbeit oder Dissertation wert. Diese schrieb der Bad Ausseer Historiker Helmut Kalss in den Nullerjahren an der Universität Graz.

Die Neuauflagen von „Widerstand im Salzkammergut“ von Helmut Kalss,Salzkammergut – Ausseerland. Widerstand und Partisanenbewegung 1943- 1945“ von Peter Kammerstätter, Ausschnitten aus der Dokumentation „Ich habe nur meine Pflicht getan“ (1988, Gestaltung Max Stelzhammer) wurden am Nationalfeiertag im Kur- und Amtshaus in Altaussee präsentiert. Günther Kaindlstorfer moderierte, viel Prominenz war anwesend und die Veranstaltung wurde von der Sigl Hausmusi stimmungsvoll untermalt. Der Abend hätte nicht widersprüchlicher sein können.

Breiter Widerstandsbegriff

Auf die Frage, welche Voraussetzungen der Widerstand im Ausseerland hatte, nannte Helmut Kalss die Ausseer Mentalität als konservativ und liberal, das Tragen von Trachten, die Brauchtumspflege und enge Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen seien identitätsstiftend gewesen und hätten der nationalsozialistischen Ideologie entgegengewirkt („Eine gewisse Gelassenheit gegenüber Obrigkeiten“).

Welcher Art der Widerstand im Ausseerland war, kam in der anschließenden Diskussionsrunde rasch auf. Viele hätten sich nach dem Krieg als Widerstandskämpfer geoutet, obwohl Teile der Bevölkerung der Meinung waren, dass es keine Widerstandsbewegung gegeben habe, da nur einige Regimegegner im Gebirge versteckt wurden. Man einigte sich auf einen breiten Widerstandsbegriff, es habe keinen militärischen Widerstand gegeben, aber eine „im Entstehen begriffene Partisanengruppe“ und individuellen Widerstand wie demonstrativer Kirchenbesuch, Gehorsamsverweigerung, Sabotage, Absentismus, Schwarzhören, antinazistische Äußerungen… Am gefährlichsten für die beteiligten Menschen war, dass Regimegegner (ab 1945 Freiheitskämpfer genannt) versteckt wurden.

Resi Pesendorfer

In der Anfangszeit hatten vor allem Kommunist*innen die Bewegung getragen. Gegen Ende des Krieges unterstützten immer mehr Menschen über alle Parteigrenzen hinweg den Widerstand, dabei spielten Frauen eine wichtige Rolle. In der Dokumentation „Ich habe nur meine Pflicht getan“ berichtet die Kommunistin Resi Pesendorfer, wie sie mit großem Einsatz und unter Lebensgefahr Quartiere für aus Gefängnissen oder KZ geflohene Genossen gesucht, sie bei sich versteckt und in den Bergen mit Nahrungsmitteln versorgt hatte: „Einen ganzen Tag bin ich herumgerannt bei den Genossen, ob sie nicht einen Freiheitskämpfer (gemeint ist Sepp Pleiseis) behalten würden.“ Dabei kam den Frauen zugute, dass man ihnen von Seiten des nationalsozialistischen Regimes wenig zutraute, und Pesendorfer hatte sich geschworen, dass sie die Nazis niemals kriegen würden. Sie leistete Kurierdienste und war im ganzen Salzkammergut als Netzwerkerin unterwegs.

Laut den Aussagen von Alois Straubinger, dem die Flucht aus dem Gefängnis gelang, war es der Widerstandsbewegung wichtig, mehr Sympathisanten zu gewinnen, die bereit waren, die Bewegung zu unterstützen und sei es nur, dass man eine Lebensmittelmarke abgab. Das oberste Ziel der Widerstandsbewegung im Salzkammergut – an die 600 Personen – sei gewesen, Voraussetzungen für ein unabhängiges Österreich zu schaffen und eine friedliche Übergabe des Ausseerlandes an die Alliierten zu gewährleisten, was auch gelang.

Unschätzbare Kunstwerke

Es kam auch die Frage auf, wer die unschätzbaren Kunstschätze im Altausseer Bergwerk gerettet habe („Ein Dorf wehrt sich“). Hier versuchte die Kunsthistorikerin Monika Löscher, die als Provenienzforscherin arbeitet, mehr Klarheit zu schaffen. Es hätten viele von der Vernichtung der Kunstschätze gewusst und zur Rettung beigetragen, vor allem die Ausseer Bergleute, die die Bomben, mit denen der Stollen gesprengt werden sollten, hinaustrugen.

Maria Haim

Ein Gastbeitrag brachte am Ende des Abends ein, dass die erste Widerstandskämpferin im Ausseerland Maria Haim gewesen sei, die als Einzige in Altaussee mit einem Nein zum Anschluss gestimmt hatte. (Siehe meinen Blog „Sommerfrische 2020. Literarischer Spaziergang durch Altaussee„)

Ihr sollte ein Weg in Altaussee gewidmet werden.

Hymne an das Salzkammergut

Im Anschluss gab es bei empfindlichen Temperaturen im Kurpark das schwungvolle Konzert „Eine Hymne an das Salzkammergut“ mit Bernadette La Hengst und die Präsentation des Magazins „Narzissenpost“, ein Litfasssäulenmagazin, das sich mit Natur und Tradition im Ausseerland auseinandersetzt.

Sieht man sich die Wahlergebnisse der letzten Nationalratswahl an, so gab es auch im Ausseerland satte Gewinne für die FPÖ, ein Umstand, auf den der Moderator in seinem Schlusswort warnend hinwies.

Ein Blick hinter die Kulissen des Schreibens

Benedict Wells: Die Geschichten in uns. Vom Schreiben und vom Leben

Wer ein Benedict Wells Fan ist – und ich bin einer, siehe Rezension zu „Hard Land“ – , wartete gespannt auf dieses Buch, das Anfang September in Österreich erschienen ist. Und ich wurde nicht enttäuscht. Und auch Sie werden dieses Buch immer wieder lesen wollen.

Im ersten Teil („Der Weg zum Schreiben“) setzt sich Wells damit auseinander, wie seine Biografie Einfluss auf seinen Weg als Schriftsteller genommen hat. Im zweiten („Über das Schreiben“) beschäftigt er sich mit der Theorie, dieser ist gleichsam eine Anleitung zum Schreiben für junge AutorInnen. Und der dritte Teil („Aus der Werkstatt)“ zeigt konkret anhand von „Hard Land“ und „Vom Ende der Einsamkeit“ verschiedene Überarbeitungen.

„Warum man anfängt“

Einiges aus Wells chaotischer Kindheit ist bekannt – die Mutter bipolar, immer wieder Psychiatrieaufenthalte, der Vater bankrott und überfordert – und so wird er nach der Trennung der Eltern mit 6 Jahren in staatliche Heime verabschiedet. Für ihn ein Segen und doch ein tiefer Schmerz, aus dem sich sein Schreiben nährt. („Ich habe Geschichten erfunden, weil ich meine eigene nicht erzählen konnte“). So berichtet er, dass er sich schon im Alter von sieben Jahren um seine Wäsche kümmern musste. Weder Vater noch Mutter sind in der Lage, für das Kind zu sorgen. Aber er erzählt auch, dass es immer wieder gute Momente innerhalb der Familie gab, Momente der Liebe, Zärtlichkeit und Freude.

Als Kind flüchtet er sich in die Welt der Fantasie und liest viel – „Lesen kann einen retten“. Wells beschreibt sich auch als vorlaut und nicht immer gut in der Schule. Eine literarische Begabung attestiert ihm sein Deutschlehrer nicht, trotzdem beschließt er nach dem Abitur nach Berlin zu gehen, um ein armer Schriftsteller zu werden. Er schreibt die ganze Nacht, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bekommt in dieser Zeit über 400 Absagen von Verlagen. Auch in dunklen Zeiten hält er durch, schickt seine Entwürfe an Freunde und Bekannte, die ihm hartes Feedback geben. Und er ist nicht zimperlich, er erkennt die Schwächen seiner Romanentwürfe und überarbeitet sie unermüdlich. Diese Anstrengung zeigt Früchte und als er 2007 in seinem Lieblingsverlag Diogenes unter Vertrag kommt, ist er erst 23. „Becks letzter Sommer“, 2008 erschienen, wird ein großer Erfolg, „Spinner“ ein Jahr später, diesen Roman hatte Wells mit 19 geschrieben, ein Reinfall. 2016 erscheint „Vom Ende der Einsamkeit“, der Roman wird in 38 Sprachen übersetzt und steht monatelang auf der Beststellerliste. Wells hatte nach eigenen Angaben 7 Jahre daran geschrieben. 2021 kommt „Hard Land“ in die Buchhandlungen, ein Coming- of- Age-Roman, der ihn auch bei SchülerInnen und LehrerInnen bekannt macht. Insgesamt hat der Autor über 2 Millionen Bücher verkauft und gehört zu den Stars unter den jungen deutschsprachigen Literaturschaffenden.  

„Show up to Work“

Im 2. Teil „Über das Schreiben“ zeigt er anhand der Entstehungsgeschichte von „Hard Land“ die vier Phasen seines Schreibprozesses: Vom „Funken“, der auf einer Amerikareise 2008 in einem kleinen Dorf in Missouri entzündet wurde, es folgt „Das Davor“, das eineinhalb Jahre dauert. Er schaut Filme, hört Musik, um in die Atmosphäre der achtziger Jahre einzutauchen, hier kommen seine Figuren zu ihm. Die dritte Phase „Das Aufschreiben“ bedeutet 14 Stunden Schreiben, nach Wells meistens eine Qual, noch kein Lesen und Bewerten, denn „Erste Fassungen sind oft grauenhaft“. Der Schluss „Das Überarbeiten“, ist der längste und wichtigste Teil für ihn, fünf Jahre habe er für „Hard Land“ gebraucht.

„Kill your Darlings“

Und in der Tat: Im dritten Teil „Aus der Werkstatt“ sehen wir anhand verschiedener Überarbeitungsphasen, wie sehr die Geschichten immer mehr an Dichte und Schönheit gewinnen.

Das Buch „Die Geschichten in uns“ zeigt auch die Herangehensweise berühmter AutorInnen ans Schreiben, allen voran Stephen Kings „On Writing“, der über eine Milliarde Bücher verkauft hat. Wie findet man seine Geschichte, wie entwickeln sich Charaktere und Dialoge, was bedeutet guter Stil? Was ist eine gute Story? Hier gibt der Autor viele Beispiele, wie man sein Schreiben verbessern könne, vor allem ist ihm wichtig zu zeigen, wie schwer es selbst für ihn ist, eine wirklich gute, stimmige Geschichte zu schreiben, die funktioniert und glaubwürdig ist.

Sollte man je geglaubt haben, dass Schreiben leicht ist, wird klar, dass es für Wells eine harte, oft frustrierende Arbeit ist. Und auch der erste Satz von „Hard Land“, der mich sofort in das Buch hineinzog, kam ihm erst nach einigen Jahren des Überarbeitens in den Sinn.

Und wie stellt der Autor sein Buch vor?

Von Kathedralen, Nebel und Seefahrern: Portugal 21. – 28. 9. 2024

Kloster Batahla Westfassade

Wir waren bereits bis Frankfurt gekommen und saßen im Flugzeug. Dann begann das Warten; der Kapitän informierte, dass über Porto, der größten Stadt in Nordportugal, dichter Nebel läge, weshalb sich unser Abflug um eine Stunde verzögere. Schließlich waren es fast vier.

Porto zeigt sich dann doch noch von der sonnigen Seite, die beiden Schwesternstädte Porto und Vila Nova da Gaia liegen in die Hügel hineingeschmolzen, nur vom Fluss Douro getrennt. Befindet man sich im Zentrum, geht es hinauf und hinab, Lärm und Staus begleiten einen. Die Stadt ist zu klein geworden für die vielen Touristen aus aller Welt, die in der Altstadt von Porto unterwegs sind, um den bis nach oben hin gekachelten Bahnhof Sao Bento und die über der Stadt thronende Kathedrale zu bestaunen. Von dort hinunter zur eindrucksvollen Ponte Dom Luis I und der Kirche Sao Francisco, deren barocke Innenausstattung so überladen ist, dass man davor zurückschreckt. Umso stilvoller ist die Börse von Porto, in der ein Schlagzeuger um sein Leben trommelt, sodass der „Maurische Saal“ nur bei geschlossenen Türen seine ganze Pracht entfalten kann.

Porto

Der zweite Morgen beginnt wieder im dichten Nebel. Nun geht es in nach Guimaraes, Weltkulturerbe und erste Hauptstadt des Königreiches Portugal. Das Kastell und der Palast, oberhalb der Stadt, noch immer mächtig und uneinnehmbar. Ein Rundgang in der Altstadt führt uns vorbei an wackeligen mittelalterlichen Häusern und farbenprächtigen Gauklern, die den Largo de Toural beleben.

Weiter geht es nach Braga, ein schmuckes barockes Städtchen, wo eine Kathedrale und ein Bischofspalast uns erwarten. Aber die Schönheit des Tages ist die Wallfahrtskirche Bom Jesus da Monte, die nicht nur über eine bequeme Straße oder eine alte Standseilbahn zu erreichen ist, sondern auch über eine monumentale barocke Zickzacktreppe mit über 581 Stufen. Am Abend führt man uns in die Geheimnisse der Portweinerzeugung in der Kellerei Sandeman ein mit anschließender hochprozentiger Verkostung.

Der dritte Tag bringt uns zunächst über Aveiro, ein kleinen Städtchen mit bunten Fischerbooten, großen Gondeln gleich, nach Coimbra, einer alten Universitätsstadt, in der eine hübsche Studentin im Talar Bleistifte der Universität feilbietet. Dann geht es zur Christusritterburg nach Tomar, deren älteste Teile auf die Templer zurückgehen, hier bestaunen wir die „Charola“, die Gebetskapelle der Tempelritter. Nun sind wir gerüstet für Fatima, das wir an einem sehr kalten, windigen Spätnachmittag erreichen. Von den hunderttausenden Pilgern auf dem größten Kirchenvorplatz der Welt ist nichts zu sehen, er ist fast menschenleer. Nur einige wenige Pilgerinnen rutschen auf Knien den langen Weg zur Kathedrale hinunter, damit die Jungfrau Maria ihre Bitten erhöre.

Basilika Unserer Lieben Frau des Rosenkranzes

Nach der Besichtigung der Klöster Batalha und Alcobaca, letzteres war lange Zeit das geistliche Zentrum Portugals und gilt als die größte Kirche des Landes, gelangen wir nach Obidos, in ein schmuckes mittelalterliches Städtchen, das von einer intakten Stadtmauer umgeben ist, deren Begehung nicht ungefährlich ist. Trotz heftigen Regens und Sturms machen wir uns auf, um zum Cabo da Roca zu fahren, dem westlichsten Punkt des europäischen Festlandes, aber hier ist kein Verweilen möglich. Ab ins vibrierende Lissabon, das Leben und gute Laune verspricht.  

Aber Belem, das Torre de Belem, das Denkmal der Entdecker, und das riesige Hieronymus-Kloster versinken in Nieselregen und Menschenschlangen, sodass man gleichsam durchgehetzt wird und sich mit einer Gruppe von Italienerinnen einen Kampf um drei kümmerliche Toiletten liefern muss. Dann hinauf zum Kastell Sao Jorge mit schönem Ausblick über die Stadt, hinunter durch die engen Gassen der Alfama in die Baixa. Anschließend Besuch der Oberstadt, des Künstlerviertels, in dem wir auf einen jungen Musiker treffen, der mit gewaltiger Stimme das Publikum mit Songs von Simone Simon bis hin zu kapverdischen Volksliedern anrührt. Und dann endlich der ersehnte Fadoabend, die Musiker haben noch immer Freude und Spaß am Singen und Musizieren. Beschwingt und versöhnt durch diese künstlerischen Darbietungen verlassen wir am nächsten Tag die portugiesische Hauptstadt.

Nun tasten wir uns immer weiter in den Süden vor, wir fahren durch den Alentejo, vorbei an gerade geernteten Korkeichen und kilometerlangen Olivenhainen und Weinbergen, werden eingeweiht in das Leben und Werk von Jose Samarago, des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers und in die Politik von Salazar, gehen durch die Altstadt von Evora, besteigen den Turm der gotischen Kathedrale und erreichen am 7. Tag unserer Rundreise endlich die Algarve, bei Sonnenschein, tiefblauem Atlantik und warmen Temperaturen. Am Cabo Sao Vicente bildet sich eine lange Schlange bei der „Letzten Bratwurst vor Amerika“, dann erreichen wir die Festung Sagres, von Heinrich dem Seefahrer errichtet, der uns die ganze Reise begleitet hat. Jetzt, nach so vielen beeindruckenden Kirchen, Kathedralen, Klöstern, Festungen und Burgen, nach so vielen spannenden Vorträgen über portugiesische Geschichte, Eroberer, Kultur, Politik und Wirtschaft hat man den sehnlichen Wunsch, die bizarre Steilküste entlangzuwandern, Sonne und Wind im Gesicht zu spüren und dankbar zu sein für diese erlebnisreiche Reise durch Portugal im September 2024.

Nata, what else?