Salt Lake Cities STOPS and STATIONs

Tauplitz

Markus Moser: Seeyou #2

Als ich zum ersten Mal von dem Ausstellungskonzept „Überwachungskameras“ des Künstlers Markus Moser im Bahnhof Tauplitz hörte, war ich nicht begeistert. Das Thema deprimierte mich, also musste ich allen Mut und neue Kraft für den richtigen Augenblick sammeln. Der war letzten Samstag, nach einer anstrengenden Wanderung. Gleich an der Eingangstür begrüßte mich der Künstler freundlich und stand mir über längere Zeit Rede und Antwort. Die über 40 Kameras aus Eisendraht, hergestellt im Nebenraum in seinem temporären Atelier, verstören tatsächlich. Ein bedrohliches Gefühl entsteht, verstärkt durch die Sound-Installation des Schwenkens und Fokussierens der Kameras. Man fühlt sich gesehen, überwacht und eingeengt. Dies kann sowohl Fluch als auch Segen sein. In Wiens U-Bahnen, auf großen Bahnhöfen, wo sie allgegenwärtig sind, sollen sie den Reisenden Schutz und Sicherheit bieten. In öffentlichen Räumen helfen Überwachungskameras Verbrechen aufzuklären und zu verhindern. Dies ist die große Errungenschaft, die mit den Überwachungskameras vor einigen Jahrzehnten in die Welt gekommen ist.

Anders ist es jedoch, wenn man an Wohnungstüren und Toren vorbeigeht oder sich in privaten Räumen befindet, die mit Kameras ausgestattet sind. Hier wird einem mit Argwohn begegnet und man meidet sie. Wenn eine Kamera im privaten Raum zugegen ist, beobachtet sie, löst Misstrauen und Angst aus. Diese Gefühle vermitteln auch die vielen Kameras im ehemaligen Tauplitzer Fahrdienstleiterraum. Man will von Überwachungskameras beschützt, nicht beobachtet werden.

Bad Aussee

Adriana Torres Topaga: Rufzeichen (!)

Betritt man den Warteraum im Bahnhof von Bad Aussee, um eine Fahrkarte zu lösen, fällt einem gleich die große Glasscheibe auf, die die Besucherin einlädt, den kleinen, länglichen Nebenraum zu betreten. Nicht ganz sicher, ob man hier richtig ist, sieht man gegenüber der Tür eine Wand mit vielen Postings auf die Frage in orangen Lettern: „Was kann ich tun für die Pflege und Erhaltung des Lebens“. Gleich befindet man sich im Dialog mit Unbekannten, die darauf Antworten haben. „Mehr spielen“, „Alle Ängste zum Teufel jagen“, „Prosecco trinken“ und natürlich „Klima schützen“, so ist man aufgerufen, sich selbst Gedanken zu machen, zu bejahen oder zu widersprechen auf Posts wie „Der Mensch ist eine Fehlkonstruktion des Planeten und Zerstörer von allem“. Auf dem Boden befindet sich eine großräumige bunte Textil-Skulptur, in der nach einigem Suchen das Wort „Leben“ zu erkennen ist. Der Raum lädt zur Auseinandersetzung darüber ein, zum Gespräch mit den Menschen, die ihn betreten.

Judith Lilla Molnar: Trainsition

Blickt man in diesen Raum hinein, sieht man ein Baukonstrukt, das unschwer als Dachgiebel zu dekonstruieren ist. Eine Holztreppe führt einen Stock höher, man glaubt sich auf einem Dachboden, der sich im Ausbau befindet. Beeinflusst von der Bauordnung der achtziger Jahre verweist diese Holzinstallation auf die traditionellen Häuser im Ausseerland und soll den Besuchern „eine neue Perspektive auf diesen Raum und seine Umgebung vermitteln“. Durchbrochen wird dieses Konzept von Verkehrszeichen, die auf den Tourismus, der die Region in den Sommermonaten beherrscht, hinzielen. Denn der Bahnhof Bad Aussee ist einer dieser Übergangsorte, wo Sommerfrischler von allem aus Wien ankommen oder abgeholt werden, meist von Menschen in teuren Trachten.

Hans Ostapenko: ohne Titel

Der Titel des Raumes, den Hans Ostapenko gestaltet hat, ist Programm. Man betritt eine schwarze Rauminstallation, einem Bunker ähnlich, eng, dunkel und verwinkelt, wo überall Gefahr drohen könnte. Der Künstler setzt sich in sehr persönlicher Weise mit dem Krieg in seiner Heimat Ukraine auseinander. Er, der mit Ausflugsschiffen auf den idyllischen Seen im Salzkammergut unterwegs ist, schickt Videobotschaften am Beginn der Residency an seinen Bruder, der als Marinesoldat in einem Patrouillenboot auf dem Dnipro zu sehen ist. An einigen Stellen sind Erinnerungsfotos aufgehängt, die die beiden Brüder in glücklichen Kindheitstagen zeigen. Die Diskrepanz zwischen Krieg und Frieden, einer unbeschwerten Bootsfahrt im Salzkammergut und der tödlicher Gefahr in einem Kriegsgebiet kommt dadurch umso mehr zur Geltung. Sein Bruder gilt seit einiger Zeit als vermisst, jeglicher Kontakt ist zu ihm abgebrochen. Dieser Raum habe ihm, so erfahre ich in einem Beiblatt, seither als emotionaler Rückzugsort gedient, für Trauer und Verzweiflung, die diese Hiobsbotschaft in ihm auslöste, die die Tränen sind allgegenwärtig.

Salt Lake Cities STOPS and STATIONs, “regionale Leerstände als Erlebnisorte und Treffpunkte für Kunst“ sind noch bis 20. 9. 2024 auf der steirischen Seite des Salzkammergutes zu besichtigen. Sie sind eine Reise wert.

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