
Wenn man Schlinks „Der Vorleser“, seinen wohl berühmtesten Roman aus dem Jahre 1996 gelesen hat, der von der ersten großen Liebe eines Jugendlichen zu einer viel älteren Frau handelt, fragt man sich, welches Thema der Autor in seinem neuen Roman „Das späte Leben“ aufgreifen würde. So viel sei verraten: Er handelt von einer letzten großen Liebe eines alten Mannes zu einer 30 Jahren jüngeren Frau und ihrem gemeinsamen Kind.
Martin, ein 76 Jahre alter emeritierter Jura-Professor, erfährt, dass er nur noch ein halbes Jahr zu leben hat. Bauchspeicheldrüsenkrebs: Wie die verbleibende Zeit mit dieser Diagnose verbringen? Sein Leben so wie bisher leben, das Kind vom Kindergarten abholen, kochen, mit dem Jungen spielen, warten, dass die Frau, eine erfolgreiche Malerin, am Abend nachhause kommt, um ihr nun sagen zu müssen, dass er nur noch einige wenige gute Wochen haben werde. Wie wird sie darauf reagieren? Sie, die eine kühle und pragmatische Frau ist, nimmt ihn in die Arme und weint ein bisschen. Trotzdem wird sie zunächst nicht viel Zeit und Aufmerksamkeit ihrem Mann widmen, er findet auch heraus, warum. Um den sechsjährigen Sohn David etwas zu hinterlassen, trägt sie ihm auf, ein Video zu drehen, um ihm etwas mitzugeben zum Beispiel, wie man sich rasiert, sie hatte das einmal in einem Film gesehen. Er gesteht sich ein, dass er das nicht könne und schreibt ihm Briefe, die seinem Sohn seine Werte und Auffassungen darlegen sollen. Sie handeln von Glauben, Gerechtigkeit, Arbeit, von der Liebe und dem Tod.
Überhaupt gibt es nun zu entscheiden, was er in den wenigen Wochen noch tun kann, wen er treffen oder welches Buch er noch lesen will. Von wem er sich verabschieden und was er noch ausrichten könne angesichts der kurzen Zeit, die ihm noch bleibt. So schrumpfen seine Verbindlichkeiten und Möglichkeiten immer mehr zusammen und letztendlich will er nur noch mit seiner Frau und seinem Sohn eine gute Zeit verbringen, ihnen seine Liebe schenken, in der Hoffnung, sich dadurch in ihren Erinnerungen zu verankern: Essen und ins Kino gehen, seinem Sohn zeigen, wie ein Komposthaufen gebaut wird, gemeinsam ein Bild für die Mutter malen, wandern gehen und Staudämme bauen, ans Meer fahren und im Liegestuhl sitzen und David beim Spielen mit Freunden zuzuschauen, ein Bild, das in Erinnerung geblieben ist aus Viscontis Verfilmung von „Der Tod von Venedig“. Sich auf das Wesentliche konzentrieren, manches noch sagen und tun, wovon man glaubte, man hätte noch Jahre Zeit dafür.
Neben all der Wehmut und dem Verlustschmerz treten Konflikte mit seiner Frau auf, sie öffnet ihm die Augen so kurz vor seinem Tod, besonders über seine Lebenslügen und Schatten. Fragen, wie hatte er genug geliebt, beschäftigen ihn und er versucht eine ehrliche Antwort darauf zu finden. Haben die gemeinsamen 6 Jahre mit seinem Sohn ausgereicht, ihm zu geben, was er selbst vermisst hatte? „David sollte lieben und sich lieben lassen, ohne sich abzustrampeln und Dornenhecken zu überwinden und bei allem Abstrampeln unsicher sein, ob er gut genug war.“
Wenn im „Vorleser“ die Zukunft für Michael Berg nach der ersten großen Liebe noch offen ist, ist sie für Martin Brehm in „Das späte Leben“ nur noch Vergangenheit. Angesichts des Todes, der ihm schon fest im Nacken sitzt, muss Martin sich quälenden Fragen stellen. Hatte er sein Leben so gelebt, „dass es sich, wann immer einen der Tod trifft“ erfüllt hat? Wie seine Antworten darauf ausfallen, lesen Sie in dem berührenden und altersmilden Roman von Bernhard Schlink.
Eines sei nun doch noch verraten: Ein schlechtes Vorbild für ein geglücktes Leben ist der Held von „Das späte Leben“ nicht.
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