Als ich das erste Mal auf amerikanischen Autobahnen unterwegs war (siehe „Texas“) und bei „Buc-ee’s“ einkehrte, wandelte ich wie in einem Schlaraffenland umher: riesengroße Becher für die süßesten Getränke, überdimensionale Angebote aller kalorierenreichen Verführungen dieser Welt und Massen von Menschen, die kauften, als gäbe es kein Morgen.
Dieses Morgen zeigt der Film „The Whale“, den ich an einem regnerischen Aprilnachmittag mit einigen wenigen Auserwählten im Votivkino sah. Es hätte nicht deprimierender sein können. Ein Kammerspiel von einem fresssüchtigen Mann, immobil, eingeschlossen in eine dunkle, vermüllte Wohnung im ersten Stock, draußen Regen und Nebel, nur wenige Szenen zeigen einen kurzen Rückblick auf einen sonnigen Strandtag.
Hier hat sich Charlie (Brendan Fraser) auf seiner Couch verschanzt, er unterrichtet Online-Kurse über kreatives Schreiben, die Kachel des Instructors mit seiner sanften Stimme bleibt jedoch schwarz. Bald weiß man auch warum, er ist fettleibig, aufgedunsen, schwitzt, fast kahl und kann sich mit seinem Rollator nur noch schwerfällig in seiner Wohnung herumschleppen. Er ist körperlich am Ende, sein Herz ist am Versagen, denn er stopft gierig Unmengen von Nahrung in sich hinein. Seine Fressattacken, seinen Selbsthass und seine Selbstzerstörung erleben wir hautnah und in Großaufnahme über 117 Minuten. Aber er ist nicht allein: An seiner Seite ist Liz (Hong Chau), die ihn täglich besucht, seinen Blutdruck misst und ihn inständig bittet, wegen seiner Herzprobleme ins Krankenhaus zu gehen. Er will nicht, zu hohe Kosten, er habe keine Krankenversicherung, es sei ohnehin zu spät.
Nach und nach erfahren wir die Geschichte dieses Mannes: Warum er sich so gehen lässt, was ihn dazu gebracht hat, so aus der menschlichen Form zu geraten.
Er weiß, dass er sterben wird und nimmt Kontakt mit seiner 16-jährigen Tochter auf, die sich von ihm im Stich gelassen fühlt, seit er seine Frau wegen eines Liebhabers verlassen hat. Die kleine Familie hatte einige schöne Jahre (Strandbilder), bevor Charlie sich in seinen Schüler Alan verliebt und weggeht. Seine Tochter ist erst acht Jahre, es gibt 8 lange Jahre keinen Kontakt, denn der Vater ist ganz in seinen Liebhaber vernarrt. Aber Alan wird nicht glücklich mit Charlie. Schuld daran ist eine christliche Sekte namens „Neues Leben“, die die Endzeit predigt und von Alans Vater geführt wird. Dieser kann einen homosexuellen Sohn nicht annehmen und verstößt ihn.
Viele Probleme werden in dem Film, der eine Adaption eines gleichnamigen Theaterstückes von Samuel D. Hunter ist, aufgegriffen: Sucht, Homosexualität, Bigotterie, Scheidung, Liebe und Vaterschaft: Seiner Tochter Ellie (Sadie Sink) hat Charlie viel Geld versprochen, wenn sie nun Zeit mit ihm verbringt. Aber sie ist wütend, rebellisch und böse, sie gibt ihm Schlaftabletten, postet unansehnliche Fotos von ihm im Netz und gibt ihn der Lächerlichkeit preis. Thomas (Ty Simkins), ein junger Missionar, der Charlie retten will, wird von ihr ebenfalls bloßgestellt, indem sie heimlich das Gespräch zwischen ihnen beiden aufnimmt und weiterreicht. Aber Charlie will endlich „etwas in seinem Leben richtig“ machen, sieht über alles hinweg und nur das Gute in seiner Tochter.
Alle haben in diesem Film Schuld auf sich geladen, alle sind gebrochen, verletzt und wütend. Auch Liz, die als Einzige einen klaren, ungetrübten Blick auf all diese menschlichen Katastrophen hat, versorgt Charlie mit riesengroßen Sandwiches.
Nun könnte man meinen, wieso sieht man einen Film, der Themen ausbreitet, die abgedroschen klingen und die man mit guter therapeutischer Hilfe doch in den Griff bekommen könnte. Diesem Zweifler könnte man jetzt zurufen, ja, Sie haben vollkommen recht, alles ist lösbar in unserer machbaren Welt, leider gelingt dies nicht immer. Die Verstrickungen des Lebens sind oft schwer zu entwirren, die Schuld bleibt im Verborgeneren und oft braucht es die Todesnähe, um sich ihr zu stellen. Und so zu erkennen, was das Leben blockiert und in Selbstzerstörung seinen Ausdruck findet.
Dass „The Whale“ es schafft, eine (fragwürdige) Erlösung im Diesseits anzubieten, ist vor allem den exzellenten Schauspielern zu verdanken. Sie geben alles, um das Finale nicht ganz in Kitsch zerrinnen zu lassen, sondern dass man ergriffen wird von dem dunklen Schmerz, der das Leben dieser Menschen verhüllt und der einzigen Befreiung, die es laut dem Regisseur Darren Aronofsky daraus gibt: sich der Wahrheit zu stellen und „ehrlich zu sein“.