The Fabelmans (2023)

Wenn man die Filme von Steven Spielberg von Beginn an mitverfolgt hat, wird man sich vielleicht fragen, was hat ihn geprägt, woher ist er gekommen? Ich gestehe, ich habe nicht darüber nachgedacht. Talent ist Talent, es kann immer und überall auftreten, aber meist geht es nicht ohne Förderung und MentorInnen. So ließ ich mich überraschen, was der teilweise autobiographische Film „Die Fabelmans“ über die Kindheit und Jugend des Regisseurs zu berichten hat.

Dass Sammy Fabelman schon als Kind seine Faszination für das Kino entdeckt, wird gleich am Beginn gezeigt. Seine Eltern nehmen ihn als Sechsjährigen mit in den Zirkusfilm „Die größte Schau der Welt“ und schon ist es um ihn geschehen. Um das Trauma eines Zugunglücks in dem Film zu verarbeiten, bekommt er eine Kamera, die Angst und Schrecken von nun an zähmen wird.

Dass Sammy Fabelman (Gabriel LaBelle) eine jüdische Herkunft hat, wird den ganzen Film präsent sein. Einerseits werden alle Feste in großem Familienkreis gefeiert, mit allen Konflikten und Abhängigkeiten, die damit einhergehen. Andererseits kommt auch immer wieder das Fremdsein und der latente Antisemitismus im Amerika der 50er und 60er Jahre zum Vorschein, am stärksten nach dem Umzug nach Kalifornien.

Aber „Die Fabelmans“ sind vor allem eine Familiengeschichte: Vater Burt (Paul Dano) ist ein sehr  erfolgreicher Elektroingenieur, dessen Karriere seine Familie immer wieder zu unfreiwilligen Umzügen zwingt. Mutter Mitzi (Michelle Williams), eine verhinderte Konzertpianistin, folgt dem klassischen Bild einer Hausfrau, die sich mehr schlecht als recht um ihre vier Kinder kümmert. Und dann gibt es noch den besten Freund des Vaters, Bennie (Seth Rogen), der überall dabei ist, obwohl die Großmutter betont, dass er nicht zur Familie gehört. Alles läuft für lange Zeit ziemlich harmonisch, der Älteste, Sam, wird bei seiner Filmleidenschaft tatkräftig von allen Familienmitgliedern unterstützt. Er dreht Western in Arizona und Horrorfilme in Kalifornien und hält mit der Kamera alles fest, was sich im Fabelman-Kosmos ereignet. Einmal bittet der Vater ihn den Film über den Campingurlaub fertigzustellen, um die Mutter aufzuheitern. Beim Schneiden des Films stößt Sam auf ein dunkles Geheimnis, das ihn zu zerreißen droht. Ein weiterer Umzug steht an.

In Kalifornien ist Sam zunächst aber damit beschäftigt, sich in der antisemitischen High-School zu behaupten und er muss so manche Schläge und Schikanen einstecken. Aber er lernt auch ein Mädchen kennen, mit der er es ernst meint, die Jesus liebt und  ihn mit großer Leidenschaft zum Beten und Küssen verführt. Der Abschlussball endet für ihn in einer Liebeskatastrophe, aber als Filmemacher holt er sich seine ersten Sporen. Er hat die Beachparty der Schule mit der Kamera begleitet und alle wichtigen Figurenkonstellationen auf die intimste Weise offenbart.

Der Film fängt recht lau und unspektakulär mit der Familiengeschichte der Fabelmanns an, einer klassischen Familie, mit einer sich aufopfernder Mutter und nach oben strebendem Vater. Niemand ist hier böse, der Vater verehrt die Mutter, ist gütig und liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Sams Mutter hält lange durch, opfert ihre Kunst und Liebe, wird depressiv, bis alles aus dem Ruder gerät.

Je älter Sam wird, umso mehr gerät er in die Widersprüche seiner Familie und Gefühle, muss sich mit Ausgrenzung und Mobbing auseinandersetzen und seinen eigenen Weg finden. Das ist auch für ihn mit schmerzhaften Verlusten und viel Trauer verbunden. Diesen Reifungsprozess und seine Berufung fängt der Film großartig ein. Je unabhängiger er von seiner Familie wird, umso sympathischer und authentischer ist er. Je mehr er zu seiner wahren Bestimmung findet, umso besser sind seine Filme. Gerade das ist es, was den Film so spannend werden lässt. Was nimmt ein Künstler aus seiner Biographie und wie transferiert er sie in Kunst?

Es war nicht anders zu erwarten: ein schöner Film von Steven Spielberg, vor allem deshalb, weil er aus ganz normalem Leben eine berührende Geschichte über eine Familie machen kann, der man gerne und interessiert folgt.