„Wilderer“ (2022)

O-Töne: Reinhard Kaiser Mühlegger „Wilderer“

„Wenn Sie mich fragen würden, welche Art von Roman „Wilderer“ sei, würde ich Ihnen antworten, ein Liebesroman“, stellte Reinhard Kaiser-Mühlecker lapidar in einem Gespräch mit Katja Gasser bei den O-Tönen im Juli fest. Er, der Landwirt aus Oberösterreich, der schon acht Romane geschrieben hat, wie mehrmals betont wird, war nicht danach gefragt worden. Stattdessen wollte die Interviewerin etwas über den „grausamen Zorn“ erfahren, der aus Jakob, dem Protagonisten, immer wieder hervorbreche. Als Zuhörerin und selbst vom Land stammend interessierte ich mich nun für die Welt des Romans.

Jakob Fischer führt seit seiner Jugend einen Hof, er kämpft gegen Windmühlen an, da sein Vater schon fast alles für verrückte Ideen verkauft hat und die Großmutter das Vermögen, das ihr Mann durch „Judengeld“ erworben, angeblich der rechten Partei gespendet habe. Er schuftet von morgens bis abends, alle seine Versuche den Hof wieder rentabel zu machen, sei es durch Schaf-, Hühner- oder Fischzucht sind gescheitert. Er wird von seinen Mitmenschen wenig geachtet und fühlt sich ausgenutzt. Dann trifft er auf die Künstlerin Katja, die er auf Tinder kennenlernt und die einen Landwirt anziehend findet. Sie wirbt beharrlich um ihn, zieht kurze Zeit später zu ihm, zuerst nur für vierzehn Tage als Praktikantin, lernt schnell und ist Jakob zugetan, hat ein Gespür für den Betrieb und die Menschen vom Land, und macht sich unverzichtbar. Die beiden heiraten und bekommen einen Sohn. Kurz vor ihrem Tod holt die Großmutter Jakob zu sich und erklärt ihn zu Haupterben. So kann Jakob alles Veräußerte wieder zurückkaufen, baut seinen Hof mit Katjas Ideen zu einem Biobauernhof um und genießt nun im Dorf großes gesellschaftliches Ansehen. Sein Hof wird sogar als „Betrieb des Jahres“ ausgezeichnet. Alles könnte gut gehen, wenn da nicht Katjas Berufung als Künstlerin wäre, die Unfrieden stiftende Schwester und Jakobs Problem mit Gefühlen und diese auszudrücken. Er redet wenig, macht alles lieber mit sich aus und zeigt seine Liebe den Hunden, die zu wildern beginnen und damit seinen „grausamen Zorn“ erwecken.

Ja, es ist eine Liebesgeschichte, aber wer liebt wen? Und was braucht es, um eine Liebe zu leben und auf Dauer zu erhalten? Ist das Wildern, womit wohl gemeint ist, dass die Fesseln der Zivilisation gesprengt werden, wie die Hunde, die wieder zu Raubtieren werden und Rehe zerfleischen, nur von einer dünnen Oberfläche bedeckt? Und wie sehr muss man Angst davor haben? Jakob ist grausam, ja, das stimmt, aber ist er es, weil er aufgrund seiner dysfunktionalen Familie wenig spricht und aufgrund von Erfahrungen äußerst misstrauisch ist, oder sind es archaische Gefühle, die aus ihm herausbrechen? Schon am Anfang des Romans spielt er immer wieder russisches Roulette und man fragt sich, was war so schlimm in seinem Leben, dass er es jederzeit verlieren möchte. Und warum wünscht sich er sich immer wieder einen Krieg herbei?

Er liebt Katja aufrichtig, so scheint es, kümmert sich liebevoll um seinen Sohn, kann aber keine glaubwürdige Beziehung zu ihnen aufbauen. Sind es Verletzungen von früher, die sein Handeln bestimmen? Er redet und denkt nicht gut über seinen Vater, seine Mutter, beschimpft aufs Übelste seine Schwester mit „diese Schlampe“, „die Schnepfe“, „Halt`s Maul“. Und warum der grausame Umgang mit seinen wildernden Hunden? Was treibt ihn an, was hat ihn zu dem verschlossenen Einzelgänger gemacht, der er ist? Ist es die Landschaft, in der wie Kaiser- Mühlegger in einem Interview sagt, ein Menschenschlag lebe, der es nicht so mit der Fröhlichkeit habe? Wir kommen der Hauptfigur im Roman nicht auf die Schliche, erleben seine Verbundenheit mit Hof, Natur und seinen Tieren, seinen Kampf mit äußeren Mächten, die er nicht beherrschen und zähmen kann. Er fühlt sich allem ausgeliefert und rettet sich in Struktur und Arbeit. Es fehlt ihm die Sprache, um sich in Verbindung zu setzen.

Jakob ist und bleibt ein Rätsel und wenn man den Autor danach fragen würde, würde er vielleicht antworten: „Lesen Sie meine Bücher, dann erfahren Sie mehr über mich“.

Jonathan Franzen: Crossroads (2021)

Crossroads
  1. Der Titel des Romans „Crossroads“ von Jonathan Franzen bezieht sich auf eine kirchliche Jugendorganisation in den siebziger Jahren in einem Vorort von Chicago. „Crossroads“, gegründet von dem charismatischen Rick Ambrose, hat sich zum Ziel gesetzt, dass die Mitglieder radikal offen und ehrlich miteinander umgehen. Nicht mehr das Wort Gottes steht im Mittelpunkt, sondern Gott soll in der Liebe und Unterstützung zueinander erlebt werden.
  2. Der Titel ist mehrdeutig: Die Familie Hildebrandt, von der der Roman handelt, befindet sich ebenfalls an einem Wende- und Scheidepunkt (Crossroads). Die Hildebrandts wollen gute Menschen gemäß den Lehren des Christentums sein, ehrlich und aufrichtig, und kommen in Bedrängnis mit ihrer unaufgearbeiteten Vergangenheit und den Begierden und Wünschen, die das Leben für sie bereithält.

Die Hildebrands bestehen aus Vater Russ, überzeugter Pazifist, der zweiter Gemeindepfarrer von New Prospect ist und in einer Midlife-Crisis steckt, seiner Frau Marion, die eine frustrierte Hausfrau ist und ihr Leben ändern will und den vier gemeinsamen Kindern: Clem, der bereits auf dem College ist und nun in den Vietnamkrieg ziehen will, seiner siebzehnjährigen Schwester Betty, eine noch unberührte Cheerleaderin, die sich in einen vergebenen Musiker verliebt, dem fünfzehnjährigen hochbegabten Perry, der dealt, um seinen wachsenden Drogenkonsum zu finanzieren und dem 8-jährigen Jay, der kaum zu Wort kommt.  Die Hälfte des Romans spielt an einem einzigen Tag, dem 23. Dezember 1971, einem Tag vor Weihnachten. Von Kapitel zu Kapitel erfährt man aus der Perspektive eines Familienmitgliedes Genaueres über seine Geschichte, welche Konflikte er hat und wie es ihm Familiengefüge geht.

Russ kommt aus einer strengen Mennonitengemeinde, aus der er verstoßen wurde, weil er die „geschiedene“ Marion heiratet, die er nun nicht mehr begehrt, weil sie dick und unattraktiv geworden ist. Es gibt jedoch in der Gemeinde eine junge Witwe, der er den Hof macht, weil er sich nach sexueller Erfüllung sehnt. Seine Frau weiß davon und arbeitet bei ihrer Psychiaterin ihr Jugendtrauma auf, um wieder eine freiere Sicht auf die Möglichkeiten in ihrem Leben zu bekommen. Allen drei Kinder, Clem, Becky und Perry, stehen große Veränderungen bevor, die ihre Zukunft zeichnen werden. Die weiteren 400 Seiten, vor allem Ostern 1972, die Zeit in einem Ferienlager bei den Navajos in Arizona, widmet Franzen den Entwicklungen innerhalb der Familie, im Epilog Ostern 1974 kommen noch einmal alle Familienmitglieder zusammen, weil Russ seine Stelle in New Prospect aufgibt und eine neue antritt.

Die genaue Zeichnung der Charaktere und ihrer Gewissenskonflikte macht das über 800 Seiten lange Buch lesenswert. Mit jedem Kapitel erfährt man mehr über die Figur, erkennt die Spuren, warum sie so geworden ist und das vorgezeichnete Scheitern aufgrund der rigorosen Moralvorstellungen im Kopf und den Möglichkeiten der Zeit. Es wird wenig kommuniziert innerhalb der Familie, jeder ist mit seinen eigenen Träumen und seinen Lügen so sehr beschäftigt, dass es keine Zeit für ein ehrliches Miteinander gibt. So schreitet jeder seinem eigenen Glück bzw. Unglück entgegen.

Jonathan Franzen deckt mit viel Einfühlungsvermögen und Menschkenntnis die Verlogenheit in dieser streng christlichen Gemeinschaft und Familie auf, in der es nicht um Nächstenliebe und Dienen, sondern vor allem um Macht, Egoismus und Betrug geht.  

Der Roman greift viele Themen auf: Vietnam, Indianerreservate, Umweltschutz, Unterprivilegierte, Drogen, Ehe, Frauenemanzipation, Liebe und Hass, Unversöhnlichkeit, Scham und Vergebung, zeigt auf, dass vieles komplexer ist, als man es oberflächlich erahnen würde. Diese streng christliche Familie zeigt in den siebziger Jahren schon gewaltige Risse und da Franzen eine Trilogie mit dem vielversprechenden Titel „Einen Schlüssel zu allen Mythologien“ versprochen hat, ist man neugierig, wie sich die Welt der Hildebrandts und somit die Figuren des Romans weiterentwickeln werden. Man wartet gespannt, welches Leben vor allem die vier Hildebrandtkinder in den weiteren Jahrzehnten erwartet, welche Chancen sie ergreifen und welche Niederlagen sie erleiden.

Franzen hat mit „Crossroads“ ein Sittenbild der siebziger Jahre gezeichnet, das einen in den Bann zieht, da es so weit weg ist und doch so nah. Es lässt die Welt der Siebziger auferstehen, ohne Internet und Handy, mit all seine Chancen und Nöten, der beginnenden Psychologisierung und Wachsamkeit den eigenen Gefühlen und Lebensmöglichkeiten gegenüber. Wie wird die Familie Hildebrand die weiteren Jahrzehnte erleben, welche Themen der Zeit wird Franzen aufgreifen? Um es mit einem Satz zu sagen: Es wird spannend und man freut sich auf die Fortsetzung der maroden Familiengeschichte.

  • 3. Möglichkeit der Deutung des Titels: Bezug nehmend auf den Bluessong „Crossroads“ von Robert Johnson und das Cover des Romans hier die kraftvolle Version von „Cream“ aus dem Jahre 1968, als die Hippies Frieden und Freiheit in die Welt verkündeten.
Cream: Crossroads