
Hard Land“, so der Titel des neuen Coming-of-Age-Romans von Benedict Wells, spielt 1985 in einem kleinen Ort in Missouri, USA. Lange dachte ich, in Unkenntnis darüber, wer der Autor ist, dass es sich um einen Amerikaner handelt, so sehr konnte man das Geschehen, das man ja selbst nur auch aus Romanen und Filmen kennt, wiedererkennen. Das vom Niedergang bedrohte Diner, die bedrohliche Highschool, die Mall, in der man aus Langeweile herumhängt, das alte Kino, in dem „Breakfast Club“ und „American Graffiti“ gespielt wird und natürlich die Musik von Billy Idol und Simple Minds.
Warum schreibt ein Autor, der 1984 in Bayern geboren wurde, nicht über eine Kindheit und Jugend in der bayrischen Provinz? Aus Sehnsucht nach einer Zeit, die noch frei von Internet und Co war und in der noch auf Liebesbriefe gewartet werden musste?
Denn für heutige Verhältnisse erfüllt Grady vieles, wonach sich Jugendliche möglicherweise gerade jetzt sehnen: Die Möglichkeit, etwas zu erleben, das sie aus ihrer engen Welt herauskatapultiert.
Obwohl Grady vor dem Niedergang steht, da die Textilfabrik schließen musste und der Vater des Ich-Erzählers arbeitslos wird, entdeckt Sam, der in diesem Sommer 16 wird, gerade dort das bittersüße Leben der Erwachsenen. Seine Familienverhältnisse sind angespannt, sein Vater ist ein Einzelgänger, in dessen Gegenwart sich Sam nicht wohl fühlt, seine Mutter krebskrank und seine Schwester weit weg in Los Angeles. Um der sommerlichen Tristesse und einem Verwandtenbesuch zu entkommen, nimmt er einen Aushilfsjob im Kino an und trifft dort auf drei Jugendliche, eine eingeschworene Gemeinschaft, die am Ende des Sommers in Colleges in ganz Amerika verstreut wird. Es ist ihr letzter Sommer in der Kleinstadt und nach einigem Zögern nehmen sie den um zwei Jahre jüngeren Sam in ihre Runde auf und weihen ihn in ihre Geheimnisse ein. Als Initiation muss er die 5 Wellen überstehen, von der Selbstmordklippe springen, viel Alkohol trinken, stehlen und bekommt den ersten Kuss. Er wird in diesem kurzen Sommer Schönes und Schreckliches erleben: Abenteuer, Freundschaft, rasendes Verliebtsein, Schuldgefühle, Tod und Verluste, hinein ins satte Leben geraten. Und seine neuen Freunde können sich sehen lassen: Brandon, genannt Hightower, ist der beste Sportler der Schule, schwarz und von einem netten Farmer adoptiert, er ist es, der den schwächlichen Sam zum täglichen Laufen bringt. Cameron ist reich und homosexuell und die Welt liegt ihm zu Füßen, aber er hat nur einen Wunsch: Grady nicht untergehen zu lassen. Er wird Sam ein guter und verlässlicher Freund über den Sommer hinaus sein. Und dann gibt es noch die coole Kristie, in die sich Sam sofort verliebt, die ihm viel Mut und Ausdauer abverlangt, aber auch in seiner schwersten Zeit an seiner Seite ist. Im Hintergrund begleitet uns noch der legendäre Schreibwettbewerb über den einheimischen Dichter, der „Hard Land“, eine Gedichtsammlung, geschrieben hat. Aufgabe jeder Abschlussklasse ist es, ein bestimmtes Gedicht daraus zu interpretieren und bisher ist es nur einem/ einer gelungen, den Sinn zu entschlüsseln. Alle in der Highschool wollen nicht nur wissen, wem diese gelungen sei, sondern diese Ehre auch selbst einheimsen.
Am Ende des Sommers scheint vieles vorbei zu sein: die Freunde haben den Ort verlassen und Sam bleibt mit seinem Vater zurück. Beide fügen sich in ihr Schicksal, aber Sam sitzt nicht mehr alleine in der Cafeteria. Zu viel hat er erlebt, ist gereift und selbst zur Legende geworden. Wie genau dies geschehen ist, hat Benedict Well leicht, eindringlich und berührend beschrieben. „Hard Land“ hat diese verlorene Zeit nostalgisch aufleben lassen. Die Geschichte in die heutige Zeit zu versetzen, wäre nicht möglich, denn fast alles hat sich radikal verändert. Nichts ist mehr so, wie es damals war, und doch ist alles wie immer: die Sehnsucht der Jugend bleibt.
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