
Ihre Autobiographie beginnt im November 2015, als nur wenige sie kennen. Donald Trump wird zum Präsidenten der Vereinigten Staaten und Kamala Harris als Vertreterin Kaliforniens in den Senat gewählt. 2021 ist Donald Trump Geschichte und Kamala Harris Vizepräsidentin. „The Truths We Hold. An American Journey“ erschien 2019, („Der Wahrheit verpflichtet: Meine Geschichte, 2021), als sie ihre Nominierung als Präsidentschaftskandidatin der Demokraten bekanntgab und gibt Einblicke in ihre politische Laufbahn, ihr Programm für die Erneuerung des Landes und ihre Herkunft. Sie verfolgt damit das Ziel, sich als erste Präsidentin der Vereinigten Staaten in Position zu bringen.
Liest man die Autobiographie, wird sofort klar, dass sie ihren Aufstieg konsequent plante und mit großem Selbstbewusstsein und Mut verfolgte. Man ist beeindruckt von ihrem politischen Werdegang, aber vor allem von ihrem Engagement und dem Willen zur Macht. Nicht verwunderlich, dass Ex-Präsident Trump sie mit untergriffigen Worten als „mad woman“ und „besonders bösartig und wütend“ zu verunglimpfen versuchte, denn sie hatte sich bald in den Anhörungen von Ministern und Obersten Richtern mit klugen und unangenehmen Fragen landesweit einen Namen gemacht. Die Truths, die sie anspricht und die es zu verändern gilt, sind Wunden der amerikanischen Gesellschaft: ein überteuertes und ineffizientes Gesundheitssystem, schlechte Schulen, illegale Einwanderung, ein überlastetes Justizsystem, Drogenmissbrauch, stagnierende Löhne…
Kamala Harris wurde 1964 in Oakland geboren, ihre Mutter stammt aus Indien, ihr Vater aus Jamaika. Beide waren in der Bürgerrechtbewegung der sechziger Jahre aktiv und besonders ihre politisch engagierte Mutter, eine Brustkrebsforscherin, die ihre beiden Töchter auf Demonstrationen im Buggy mitnahm, wird einen prägenden Einfluss auf sie haben: „Be not afraid – do not let anybody stop you“ hörte Kamala seit frühester Kindheit von ihr. Die Ehe ihrer Eltern scheitert, als Kamala noch ein Kind ist, und ihr Vater verschwindet somit aus dem Blickfeld.
Harris studiert Jus und steigt schnell auf: zuerst wird sie Bezirksanwältin von San Francisco, 2011 Generalstaatsanwältin und Justizministerin von Kalifornien und 2017 US-Senatorin der Demokraten. Ihre Arbeit als progressive Staatsanwältin beschreibt sie penibel in dem Buch, vor allem ihre Erfolge im Kampf gegen Gewalt- und Wirtschaftsverbrechen.
Man erlebt sie als Vollblutjuristin, die mit viel Kraft und Schwung Verbesserungen im Justizsystem Kaliforniens initiiert: Von der Legalisierung von Marihuana über drakonische Strafen fürs Schulschwänzen bis hin zu erfolgreichen Verhandlungen mit den Banken nach dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes. Besonders engagiert sie sich für Frauen und Arme, die sie oft nicht durch das Rechtsystem gerecht vertreten sieht. Ihr Grundsatz lautet: Opfer- vor Täterschutz, jedes Verbrechen gehört bestraft.
Sie ist die immer die erste Afroamerikanerin und erste Asiatin, die in ein Amt gewählt wird. Wenn man ihren Werdegang mitverfolgt, scheinen zwei Faktoren dafür ausschlaggebend zu sein: erstens zeichnet sie sich durch eine schier nicht zu versiegende Energie aus, zweitens schafft sie es, sich die Unterstützung vieler wichtiger Menschen zu sichern. Sie weiß, was sie will und lässt sich durch nichts und niemanden einschüchtern. Liest man das Buch, so gewinnt man den Eindruck, dass sie immer ein Heer von Menschen um sich hat, die sie bedingungslos unterstützen und für ihren Erfolg kämpfen. Dass Joe Biden sie als Vizepräsidentin nominiert hat, obwohl sie ihn bei einer Fernsehdiskussion wegen seiner Haltung zu School Busing heftig kritisiert hatte, hängt wohl mit dem Umstand zusammen, dass Bidens Sohn „Beau“ eng mit ihr zusammengearbeitet hat und freundschaftlich verbunden war. In dieser Debatte, die viel mediales Aufsehen erregt hat, sagt Harris, dass sie ohne Schoolbusing wohl nicht ihren Weg hätte gehen können. Auch hier gehört sie zu den ersten, die in den Genuss dieser Initiative gekommen ist.
Neben ihrem politischen Programm und Erfolgen, die sie mit ihrem Team erzielt, nimmt ihr Privatleben einen breiten Raum in dem Buch ein. Hier sind es vor allem ihre Mutter, Schwester und Freundinnen, die sie seit Kleinkindtagen begleiten. Sie selbst präsentiert sich als begeisterte und leidenschaftliche Köchin, der ein Sonntagessen im Kreise ihrer Familie sehr wichtig ist. Und in nicht mehr ganz so jungem Alter wird sie mit Douglas Emhoff verkuppelt, einem geschiedenen Mann mit zwei halbwüchsigen Kindern, der sie bei seinem Heiratsantrag zu Tränen rührt. Auch in dieser Patchworkfamilie entwickelt sich alles zum Besten, sie sagt, sie habe eine sehr gute Beziehung zu Douglas Kindern.
Kamala Harris gilt als weiblicher Barack Obama und könnte es mit ihrem Charisma und ihrer Durchsetzungskraft zur ersten Präsidentin der USA schaffen.
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