Warum wir „The Expanse“ gerade jetzt brauchen

Mein Interesse an Weltraumabenteuern war bis vor einem Monat recht begrenzt. Zwar wurden alle „Star-Wars“-Filme und Hollywood-Blockbuster mit dieser Thematik konsumiert, waren aber schnell wieder aus dem Gedächtnis verschwunden. In den Bann ziehen konnte mich keine dieser außerirdischen Geschichten. Nun aber erreichte mich „The Expanse“, die wohl beste Science-Fiction-Serie seit ewigen Zeiten.

Die Serie gibt es schon seit 2015: Zuerst als Fernsehserie von „Syfy“ produziert, aber wegen Publikumsschwund nach der dritten Staffel abgesetzt. Erst eine Unterschriftenaktion der Fans und ein Flugzeug mit „Save-the-Expanse“-Banner, das einen Tag über dem Hauptquartier von Amazon in Los Angeles kreiste, rettete den Fortbestand der Serie. Es heißt, dass Jeff Bezos selbst ein großer Liebhaber von „The Expanse“ sein soll. Was macht die Serie so besonders?

Ist es der komplexe Stoff, sind es die Schauspieler oder das Gesamtkonzept? Verweist es auf etwas, das uns in naher Zukunft eine Möglichkeit sein wird, nachdem zum ersten Mal Windgeräusche vom Mars zu hören waren? Denn im 24. Jahrhundert ist dieser tatsächlich von Menschen, nicht Marsmännchen besiedelt. Der Mars ist eine ehemalige Kolonie der Erde, der seine Unabhängigkeit erklärt hat und nun als eine starke Militärmacht selbstbewusst auftritt. Tief im Sonnensystem leben auch die sog. Belter, Minenarbeiter, die nach Luft, Wasser und anderen Rohstoffen graben, unterdrückt und ausgebeutet von den beiden Großmächten. Die Erde ist zwar noch immer eine Supermacht, aber übervölkert, korrupt, verkommen, mit einer UN-Zentralregierung und einem Außenposten auf dem Mond. Erde und Mars liegen am Beginn der ersten Staffel nach einem blutigen Kampf in einem Zustand der Kalten Krieges. Soviel zu den politischen Gegebenheiten, das Gleichgewicht der Mächte wird sich mehr und mehr verschieben.

Die Crew der „Rocinante“

Die Handlung von „The Expanse“ dreht sich in erster Linie um die multinationale Besatzung der „Rocinante“, einem gestohlenen Mars-Kriegsschiff. Neben Captain James Holden sind der Pilot Alex Kamal, der Mechaniker Amos Burton und die Technikerin Naomi Nagata mit an Bord. Das Leben im Weltall ist für alle hart, es gibt ein ständiges Ringen um die lebensnotwendigen Ressourcen, Wasser und Luft und die Bedrohung steckt hinter jedem Felsen. Nun sind auch Spuren außerirdischen Lebens aufgetaucht: Das Protomolekül nistet sich in menschlichen Körpern ein und bildet einen riesigen Organismus, der als ein selbststeuerndes Geschoss die Erde bedroht. Die aufstrebenden Mächte des Alls wollen einen Teil des Protomoleküls, denn es bringt Herrschaft und Macht. In diese Auflösung gerät die Mannschaft der „Rocinate“, die sich aus Bewohnern des Sonnensystems zusammensetzt. James Holden und Amos stammen von der Erde. Naomi kommt aus dem Belt und unterstützt die dortige Befreiungsorganisation, und Alex, der Pilot des Raumschiffes, ist Marsianer. In den ersten beiden Staffeln deckt diese Crew zusammen mit Detektiv Miller eine Verschwörung auf. Und in den weiteren Staffeln wächst im Hintergrund eine tödliche Gefahr heran, denn ein riesiger Stein, von bösen Mächten losgelassen, rast auf die Erde zu und droht diese zu zerstören.

Die Geschichte ist möglicherweise ein wenig komplex und es braucht vielleicht etwas Mühe und Anstrengung mitzukommen. Aber überwindet man diese anfängliche Hürde, begibt man sich in ein Universum, das vielleicht bald nicht mehr Zukunftsmusik sein wird. Denn die Menschen, die dort freiwillig oder gezwungen leben, haben viele Sehnsüchte und Wünsche. Ihr größter ist, auch so wie die Terraner leben zu können und sie tun alles dafür. Ein Meer, einen Himmel, Luft, Pflanzen und Tiere zu haben, einen Platz, wo man ungestört leben und lieben kann. Nicht bedroht vom sogenannten „Spacen“, den Sturz ins All ohne Schutzanzug, der mit einem schnellen Kälte-und Erstickungstod endet.

Menschlich geht es zu im Weltraum, es gibt Wut, Freude, Enttäuschung und einige seltene Glückmomente. Und vor allem viele starke Frauenfiguren, heißen sie jetzt Avrasavala, Naomi, Drummer oder Bobby.

Wenn man „The Expanse“ sieht und das Abenteuer sucht, dann wäre das Weltall schon das Richtige. Die Raumschiffe spielen alle Stücke, es gibt keinen Unterschied der Geschlechter und man kann sich als Krieger/in und Eroberer/in ununterbrochen bewähren. Faszinierend an der Serie sind die technischen Neuerungen und der Pioniergeist in den Kolonien. Mit der „Rocinante“ ist man fünf Staffeln unterwegs im Sonnensystem, weit weg und doch ganz nah am Leben. Auch so lässt sich in der gedämpften Coronazeit ein aufregendes Leben führen.

A Promised Land

Barack Obama: A Promised Land

Nicht, dass das Buch eine kurze Freizeitbeschäftigung wäre, denn die deutsche Ausgabe mit dem vielversprechenden Titel „Ein verheißenes Land“ umfasst 1024 Seiten und die Kindle-Version in Originalsprache zeigt stolze 64 Stunden an, auch für eine ambitionierte Leserin wie mich ein wochenlanges Unterfangen. Was bekommt man dafür?

Einen guten Einblick in die politische Karriere von Barack Obama, beginnend mit dem Wahlkampf 2008 und den ersten vier Jahre seiner Präsidentschaft bis 2011. Man kann teilhaben an wichtigen Entscheidungen, von der Finanzkrise 2008/2009, die mit hoher Arbeitslosigkeit und dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes einherging, bis zur Ermordung des Erzfeindes Osama bin Laden. Er lässt uns miterleben, was im Weißen Haus passierte in dieser Zeit, die man selbst nur durch österreichische Medien vermittelt bekam. Man ist hautnah dabei, blickt hinter die Kulissen von historischen Ereignissen, viele sind heute schon fast in Vergessenheit geraten, und ist dann doch sehr überrascht, wie schwierig und komplex die Ereignisse von Washington aus zu bewältigen waren, immer im Hinterkopf, dass es keine perfekten Entscheidungen gibt. Man begleitet einen Präsidenten, der sich nicht nur innenpolitisch, sondern auch außenpolitisch permanent in einem Krisenmodus befand, Entscheidungen treffend bzw. veranlassend, die mehr oder weniger das Leben vieler auf der ganzen Welt berührten.

Beginnen wir mit seinem Wahlkampf: Kaum jemand hätte es ihm zugetraut, als Politneuling innerhalb von wenigen Jahren an die Spitze der Macht zu kommen und die Hürden waren enorm. Nicht nur seine Frau Michelle leistete erbitterten Widerstand, sondern auch viele in der Demokratischen Partei und nicht zu vergessen, die gegnerische Partei, die bis ans Ende seiner achtjährigen Amtszeit ihm jedes nur mögliche Hindernis in den Weg legte. Mit großer Spannung verfolgt man diesen Wahlkampfkrimi und bewundert nicht nur den hohen Kraftverschleiß der tausenden von Wahlkampfauftritten, sondern vor allem die vielen höchst engagierten und begabten Menschen um ihn herum, die ihm mit Rat und Tat Tag und Nacht zur Seite standen. Und immer wieder reflektiert Obama über dieses Geschehen, über seine Siege und Niederlagen, über falsche Entscheidungen und Verletzungen, die er erlitten oder anderen zugefügt hat. Eines wird aber von Anfang an klar: Hier ist ein Sieger unterwegs, dem es auf fast magische Weise gelingt, andere und vor allem viele junge Menschen für sich und seine Vision von Amerika als ein verheißenes Land zu begeistern. Was viele nicht für möglich gehalten haben: Obama wird mit einem großen Vorsprung zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Der Jubel und die Freude bei seinem Auftritt mit seiner Familie in Chicago sind überwältigend. Fast hat es dein Eindruck, die Beatles wären auferstanden. Mit dem Umzug ins Weiße Haus nimmt der Zug eine Geschwindigkeit auf, die atemberaubend ist. Die wichtigsten Posten müssen mit fähigen Leuten besetzt werden, loyale Mitarbeiter gefunden und viele von ihnen sind in Obamas Alter mit noch kleinen Kindern zuhause. Stellt man seine ganze Zeit und Energie in den Dienst des Präsidenten oder schenkt man sie Frau und Kindern? Denn die Herausforderungen an sein Team sind enorm: die Finanzkrise hatte Millionen Jobs gekostet und vielen Menschen Hab und Gut genommen, eine Krankenversicherung für alle Amerikaner musste unter vielen Widerständen verhandelt und durchgesetzt werden. Über falsche Entscheidungen, die getroffen wurden, die Hilfspakete, die geschnürt wurden, dass er und sein Team zu Wallstreet nah gehandelt hätten, über Einwände und Zweifel in Bezug auf seine Politik lässt er den Leser / die Leserin nicht im Unklaren. Er ist zur Selbstkritik fähig und zeigt, dass das Weltgeschehen von Menschen bestimmt wird, die zwar möglicherweise aus bestem Wissen und Gewissen handeln, aber nicht frei von falschen Entscheidungen und Handlungszwängen sind. Nach der Finanzkrise hält die „Deepwater Horizon“ die ganze Nation in Atem, über 800 Millionen Öl strömten über Monate hinweg in den Ozean und führten zur schwersten Umweltkatastrophe in der Geschichte. Darauf folgte die Griechenlandkrise, die die ganze Weltwirtschaft abermals schwer in Mitleidenschaft zog, die allgegenwärtige Klimakrise, der Arabische Frühling, und immer in der vordersten Front die Kriege in Irak und Afghanistan und sein im Wahlkampf gegebenes Versprechen, den Krieg dort zu beenden, dazu die Probleme, Guantánamo zu schließen und auch Donald Trump bekommt mehr und mehr politisches Gehör mit seiner kruden Theorie, dass Obama nicht im Land geboren sei. Vieles lässt sich nicht so rasch lösen wie erhofft, auch dem mächtigsten Mann der Welt sind Grenzen der Macht gesetzt. Und am Schluss berichtet er von dem intensiven Geheimdienstbemühen auf die Spur von Osama bin Laden zu kommen und ihn zur Verantwortung für die Opfer von 9/11 zu ziehen. Dass dies nach jahrelangem Bemühen gelingt, bezeichnet er als großen Sieg seiner Präsidentschaft und damit endet auch der erste Teil seiner Autobiografie.

Es ist eine fesselnde Lektüre, die einen gefangen nimmt und mitreißt. Schon immer eine große Bewunderin von Obamas Redetalent, kommt nun dazu, dass er auch kluge Biografien schreiben kann. Die Mischung aus Privatem und Politischen, Ernst und Humor, Stärke und Schwäche macht das Buch besonders lesenswert.

Als er von seiner Frau erfährt, dass er den Friedensnobelpreis bekommen habe, fragt er lakonisch: „For What?“