
Wer schon etwas in die Jahre gekommen ist, noch die sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts erlebt hat, wird sich daran erinnern, dass Armut damals auch in Österreich noch überall sichtbar war. Es gab nicht wenige Familien, in denen die Kinder nur einmal in der Woche eine kleine Schokolade zum Teilen hatten, getragene Kleidung und alte Skier von Kind zu Kind weitergereicht wurden und man nur einen Holzofen in der Küche zum Wärmen hatte. Die Not sah man den Leuten an, Luxus war einmal im Jahr ein Mittagessen in einem Gasthaus, es musste gespart werden, das Wort Urlaubsreise für viele noch nicht vorstellbar.
Und wenn man den Erzählungen der Großmutter zuhörte, sah man, wie gut es einem ging, denn es kann schlimmer sein. Wie schlimm, erzählt Monika Helfer anhand ihrer Familiengeschichte in ihrem autofiktionalen Roman „Die Bagage“.
Es ist die Geschichte ihrer Großeltern, der schönen Maria Mossbrugger, die mit ihrem Mann Josef auf einem entlegenen Hof weit drinnen in der Einschicht lebt und sieben Kindern das Leben schenkt. Es ist die Geschichte von bitterer Armut und Außenseitertum, weil Schönheit und Kinderreichtum bei den Dorfbewohnern Neid, Bosheit und Verleumdung wecken. Die Bagage, wie die Dorfbewohner abwertend sagen, hat nichts. Der Hof ernährt sie kärglich, und so ist die Familie, als Josef mit drei anderen Dorfbewohnern 1914 in den Krieg zieht, auf die Unterstützung des Bürgermeisters angewiesen. Er glaubt jetzt seine Stunde gekommen und nimmt Maria mit auf den Markt, dort lernt sie aber einen Deutschen kennen, der einige Male auf den Hof kommt. Diese Besuche haben zur Folge, dass ihr nun auch die anderen Männer ungeniert nachstellen, allen voran der Bürgermeister. Er schreckt dabei auch vor Gewaltanwendung nicht zurück. Erst dem Zweitjüngsten, Lorenz, gelingt es schließlich, den Bürgermeister aus dem Haus zu vertreiben. Und als die Familie überhaupt nichts mehr zum Essen hat, ist er es wieder, der einen fremden Keller ausräumt und so das Überleben sichert. Dass Maria untreu mit dem Deutschen gewesen sei, ereilt den heimkehrenden Josef schon weit vor seiner Ankunft als bösartiges Gerücht. Das Kind, Grete, das während des Krieges geboren wird, ist die Mutter der Autorin, mit der der Vater nie ein Wort reden oder es jemals anschauen wird, so sehr hat sich das Misstrauen in ihm eingraben.
Monika Helfer schreibt in einfacher Sprache von Ereignissen, wie es damals gewesen hätte sein können. Vieles hat sie noch von ihrer Tante Kathi erfahren und auch ihr konnte sie es erst am Totenbett entreißen. Vieles bleibt im Unklaren, so auch wer der Vater von Grete ist. Und immer wieder wird die Erzählung über die Großmutter unterbrochen und die Lebensgeschichten ihrer sieben Kinder werden weiterverfolgt. Soviel sei verraten: Die Beschädigungen, die sie durch die Armut und die dörfliche Gemeinschaft erfahren haben, hat sie für ihr Leben gezeichnet. Sie hatten kein leichtes und geglücktes Leben.
„Die Bagage“ ist eine erbärmliche, tieftraurige Geschichte, die Monika Helfer uns von ihrer Herkunft erzählt, aber sie ist auch eine ermutigende Geschichte von der Liebe und Fürsorge zwischen Mutter und Kindern.
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