Nach dem Lesen des Buches fragt man sich: „Wirklich, so ein Ende?“. .. Man hätte sich gewünscht, dass es anders ausgeht, dass die Protagonisten die Situation, in der sie sich befinden, eleganter lösen könnten. Erwachsener, reifer.

Sally Rooney
Wenn die 28-jährige Sally Rooney im anglo-amerikanischen Raum als großer Stern des Literaturhimmels gefeiert wird, dann braucht man einige Zeit, um das zu erkennen. Man ist irritiert vom einfachen Stil und den doch sehr vielschichtigen Themen, die in den Gesprächen verhandelt werden. Man denkt sich anfangs, hier sind vom Leben verwöhnte junge Menschen am Reden auf der Suche nach dem großen Glück. Klugscheißer, Hedonisten, die vorgeben Marxisten zu sein, aber zu keinem sozialen Engagement bereit sind.
Da gibt es die die 21-jährige Ich-Erzählerin Frances, sie ist begabte Studentin am renommierten Trinity Collage in Dublin, die Schriftstellerin werden möchte, aber gerade ein Praktikum in einem Verlag macht. Mit ihr eng verbunden ist die gleichaltrige Bobbi, eine radikale Kapitalismuskritikerin, aus reichem Elternhaus, die mit Frances Gedichte bei Poetry Slamveranstaltungen vorträgt. Beide hatten einmal eine Beziehung, die Bobbi beendete. Bei einem ihrer Auftritte lernen sie ein zehn Jahre älteres Ehepaar kennen, Nick ist gut aussehender Schauspieler, seine Frau Melissa eine erfolgreiche Autorin und Fotografin. Beide sind reich, leben in einem schönen Haus und haben einflussreiche Freunde in der Kunstszene.
Das Buch besteht aus den Gesprächen und den Beziehungen dieser vier Protagonisten. Und es handelt von den schönen und traurigen Zeiten, die sich daraus entwickeln. Frances verliebt sich in Nick, wobei Liebe für sie Macht bedeutet. Bobbi besitzt einen glasklaren Verstand, an dem so mancher Gesprächspartner zerschellt. Sie ist an Melissa interessiert, die wiederum ihren Ehemann nicht schätzt, da sie ihn, als er sich in einer Krise befindet, mit seinem Freund betrügt. Alle Beteiligten geben sich in Liebesdingen cool und unabhängig, sprechen intellektuell über ihre Gefühle und handeln doch ganz anders. Besonders Frances, die zwischen Selbststilisierung und Selbstzweifel hin und hergeworfen wird, findet keinen Zugang zu ihren wahren Gefühlen, was immer stärker in selbstverletztende Handlungen mündet.
Nach dem Lesen bleibt Irritation. Ist dieser Buch wirklich ein Abbild der Zwanzig- bis Dreißigjährigen? Was beschäftigt diese Generation? Sexualität, Macht, Ehe, Treue, Feminismus, Kapitalismus, Geld, meist viel Geld, mit dem sie sich teure Kleidung, Häuser und Unabhängigkeit leisten können. Nur Frances passt nicht dazu, da sie so gut wie keine Einkünfte hat und sich kaum etwas zu essen leisten kann. Sie ist auch das schwächste Glied in der Kette, sie scheint aber diejenige zu sein, die sich den Fragen ihrer Existenz am ehrlichsten stellt. Mit ihren einundzwanzig Jahren ist sie an der Schwelle zum Erwachsenensein und alles kann neu verhandelt werden.
Sally Rooney wird vom Independent als die „wichtigste Stimme des Millennialgeneration“, von der New York Times als die „erste großartige Autorin des Millennials“ bezeichnet. Was sagt das über diese Generation?
Kluge Dialoge bestimmen einen großen Teil des Buches, meist sind die Gedanken schon viel weiter als die Gefühle, die nicht so leicht durch Bücher und Studium zu erwerben sind. Aber es geht Frances darum, das in ihrem Leben zu suchen, was stimmig für sie ist. Noch bleibt alles im Vagen und der Weg dorthin bietet viele Abzweigungen und Umwege.
Die Suche nach Liebe und Glück ist bestimmendes Thema des Romans und die 27-jährige Autorin hat dies, das muss ich nun doch bekennen, spannend und meisterhaft beschrieben. Sie hatte nicht nur Literatur und Politik in Dublin studiert, sondern wurde wohl auch nicht zu Unrecht Europameisterin im Debattieren. Das Erstlingswerk erschien 2017 unter dem Titel „Conversations with Friends“ und soll sogar die Verkaufszahlen von Michelle Obamas „Becoming“ übertroffen haben.
„Gespräche mit Freunden“ wird derzeit von der BBC als zwölfteilige Serie verfilmt, worauf man mit Spannung warten kann, da das Buch nur 384 Seiten hat.
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