Texas (9. – 24. Juli 2019)

Wie ist es, wenn man im Juli mit seiner Familie zwei Wochen im brütend heißen Texas eine Reise unternimmt? Sehr, sehr anstrengend, aber lohnenswert. Die meiste Zeit ist man im Auto oder in zu kalten Räumen untergebracht, denn draußen glüht es. Was dadurch sofort auffiel, waren überall üppige Grünflächen und riesige Wasserparks. 

Water Wall (Houston)

Da der Großteil der Nacht vor allem in Hotels verbracht werden musste, hatten wir viel Zeit, die Highlights des amerikanischen Fernsehprogrammes auszugsweise kennen zu lernen. Denn die Großstädte sind mit Einbruch der Dunkelheit so gefährlich, dass man besser im Auto oder zuhause bleibt. Nach einem Brauereibesuch etwas außerhalb von Dallas wollten wir einen nächtlichen Stadtspaziergang unternehmen. Irgendetwas stimmte damit nicht, denn ich fühlte mich sehr unwohl. Kein Mensch auf der Straße außer Homeless People. Die taten uns nichts, aber wirkten als Alpträume des Nachts nach.

Nicht einmal das Essengehen war eine abendfüllende Beschäftigung. Sobald man den letzten Bissen gegessen hatte, wurde schon die Rechnung gebracht und man war aufgefordert, den Tisch zu verlassen. Apropos Essen: In keinem Land essen die Menschen so viel wie in Amerika. Das Essen aus aller Herren Länder ist sehr wohlschmeckend, aber immer viel zu viel. Besonders beim beliebten Barbecue, wo man sich schon um elf Uhr in einer langen Schlange anstellen muss. So begann ich mit meiner Tochter die Portionen zu teilen und wir litten keinen Augenblick an Hunger.

Ein Burger für zwei

Überhaupt ist das Amerika, das wir sahen, ein Land des Überflusses und des Mangels. Wolkenkratzer, Supermärkte, Autobahnstationen, Highways und luxuriöse Shopping Malls, alles riesig und sehr gut frequentiert, als ob Geld keine Rolle spielen würde. Uns begegneten viele junge Menschen mit perfektem Körper und strahlendweißen Zähnen, die sich schon mittags mit viel Alkohol bei gutem Essen trafen. Andererseits das große Heer der wirklich Armen. Neben den vielen Obdachlosen, die man an jeder Straßenecke antrifft, sah ich Walmart-Kassiererinnen mit so schlechten Zähnen, wie es sie in Österreich schon lange nicht mehr gibt.

Um zum Fernsehprogramm zurückzukommen: Gerne sahen wir „Say Yes to the Dress“, eine Sendung, die den berühmten New Yorker Brautmoden-Salon „Kleinfeld Bridal“ abendfüllend präsentiert. Erst wenn die Braut weint, ist das richtige Hochzeitskleid gefunden. Übrigens ist Rot derzeit angesagt, wie sehr, werden Sie später noch erfahren.

Wir besuchten Houston, Dallas, Austin und San Antonio, mit Abstechern u. a. zur NASA und nach Waco. Hier befinden sich die „Magnolia Market Silos“ – zwei verrostete und funktionslos gewordene Getreidesilos – und der Shop von Joanna und Steven Gains, die mit ihrer Homerenovierungsshow auch in unseren Breiten beliebt sind. Tausende Besucher kommen täglich hierher und stürmen das Geschäft und die Food Trucks, um ihr eigenes Heim zu verschönern und sich großzügig zu verwöhnen.

Magnolia

 

Im nahe liegenden Fort Worth werden vormittags und nachmittags texanische Langhornrinder als Touristenattraktion zum Schlachthof getrieben, mir taten ihre traurigen Augen furchtbar leid, später las ich, dass sie nach dem Massenauflauf wieder zurück in ihre Koppel getrieben werden.

Fort Worth Stock Yards

Wir besuchten auch das dort ansässige Cowgirlmuseum und die Hall of Fame und waren erstaunt darüber, welche Kunststücke diese auf ihren Tourneen, die sie auch nach Wien brachten, auf ihren Pferden vollbrachten. Und in dem kleinen Meerstädtchen Galveston sahen wir das Musical „Menopause“, das zu 99 Prozent von älteren Frauen, die recht schrill aussahen, besucht wurde. Die vier Sängerinnen waren schon in die Jahre gekommen, das Tanzen fiel nicht mehr ganz so leicht, aber sie sangen zwei Stunden einen Hit nach dem anderen, keine einzige Note am falschen Platz. Das Publikum tobte. Galveston hatte sich übrigens schon vor Hurrikan Barry gerüstetet, der uns davon abhielt, nach New Orleans zu reisen, überall sah man Sandsäcke, die vor Überschwemmungen schützen sollten. 1900 hatte ein Hurrikan den Ort völlig zerstört und viele Tausende Todesopfer gefordert.

Galveston

Was besonders überraschend war, ist der Umgang der Texaner mit ihrer Geschichte. Natürlich besuchten wir The Sixth Flour Four Museum in Dallas, den Ort, an dem Präsident Kennedy am 22. November 1963 erschossen wurde. Perfekt organisiert und strukturiert, bekommt man einen sehr guten Überblick über die Geschichte und Folgen dieses historischen Ereignisses.

Auf der George Ranch in der Nähe von Houston wurde uns die Geschichte einer Familie durch vier Generationen in ihren Häusern mithilfe von Schauspielern nahegebracht, die die Rollen einzelner Familienmitglieder einnahmen. Das war anfangs ganz sonderbar, von Farm zu Farm gewöhnte man sich mehr daran, und am Ende war man selbst Mitspieler und fand nichts mehr ungewöhnlich an dem Setting.

George Ranch mit Baseball spielenden Bewohnern

Auch dem Kapitol in Austin wurde ein Besuch abgestattet und man nahm an zwei Führungen teil, eine über die Geschichte der Frauen in der texanischen Politik, deren Bilder zu sehen waren, die andere über das politische System in Texas. Hochengagierte Vermittlung, alle 30 Minuten und noch dazu gratis. Besonders möchte ich in San Antonio den Besuch von „The Alamo“ und der San Antonio Missionen empfehlen, auch diese sehr abwechslungsreich und informativ gestaltet. Wieder sahen wir verkleidete Menschen und meine wissbegierige Tochter fragte einen, wer er sei. Die Antwort war brüsk: „I am not an actor, I am a living historian, my name is Robert“,  um uns dann in aller Ausführlichkeit die Geschichte dieses Ortes zu erzählen.

Dallas

Neben den riesigen Wolkenkratzern in jeder Stadt sahen wir auch ein Baseballspiel. Wir mussten zunächst lange googeln, bis wir den Ablauf verstanden, fanden dann aber das Spiel gar nicht mehr langweilig. Verantwortlich dafür war auch das Pausenprogramm, es wurden Wettbewerbe veranstaltet, auffällige Menschen auf der Videoleinwand gezeigt, gemeinsam Lieder gesungen, sehr viel gegessen und noch mehr übrig gelassen. Was uns sehr enttäuschte, war auch, dass die siegreiche Auswärtsmannschaft keinen Applaus erhielt, sondern sich das Stadion mehr und mehr leerte, bis am Schluss nur mehr einige wenige gänzlich von seinem Team Enttäuschte da waren und auch diese kehrten den Siegern wort- und grußlos den Rücken zu.

Wie sehr Fernsehen beeinflusst, sahen wir beim Einchecken am George Bush Flughafen in Houston: Ein hübsches Paar war vor uns, er hatte ein riesiges in Weiß verpacktes Kleid stolz über die Schulter geworfen. Groß war der Name „Kleinfeld“ zu lesen, man sah die Farbe Rot durchschimmern.

Wie anfangs schon erwähnt: Texas ist eine Reise wert, denn man hat viel zu erzählen.

 

Wie man Bekanntschaften schließt

Seit das Klima in aller Munde ist und immer mehr Leute auf die Bahn wechseln, ergeben sich für Alleinreisende mehr und mehr Möglichkeiten, unterwegs Bekanntschaften zu schließen und Neues zu erfahren. War früher genügend Platz, dass der Sitzplatz neben einem leer blieb, ist es heutzutage damit vorbei. Jeder Sitzplatz wird gebraucht. Konnte man früher durch unfreundliches Schauen mögliche Nachbarn erfolgreich abwehren, wird man jetzt durch beharrliches Danebenstehen und freundliches Bitten aufgefordert, Platz zu machen. Meistens ist es einem wirklich nicht recht und da man nun mehrere Stunden miteinander eingezwängt sitzt, habe ich es aufgegeben, Widerstand zu leisten. Ich fange ein Gespräch an und bin immer wieder bass darüber erstaunt, was ich dadurch alles erfahre.

Oft sind es nach Hallstatt an- oder abreisende Asiaten, die mir alles über sich erzählen. So habe ich schon Adressen in Hongkong, Taiwan, Korea und Australien einsammeln können, ich konnte mein Englisch trainieren und habe viel über das Leben dort erfahren. Wer hat schon die Möglichkeit, in einem österreichischen Zug mit einer Australierin über die dort gängigen Behandlungsmöglichkeiten von Autisten zu sprechen? Ich bekam auch gleich Videomaterial vorgespielt. Bis wir in Hallstatt ankamen, wusste ich zudem alles über Kinder und Enkelkinder samt Fotos und erfreute mich an der witzigen Konversation des australischen Ehepaares. Uns gegenüber saß ein älteres Paar aus New York, das auch sehr interessant aussah und womöglich sehr viel zu erzählen gehabt hätte. Aber ich wollte mich an diesem Tag auf das winterliche Australien beschränken. Oder Hongkong: Wie und mit welchen Zielen schaffen es Touristen von dort in 12 Tagen (14 Tage Urlaub ist das Höchste, davon ein An- und ein Abreisetag) ganz Europa zu erkunden? Und warum kostet ein Hotelzimmer in Hallstatt zur Zeit des Narzissenfestes das Doppelte (stolze 380 Euro pro Nacht)? Ich könnte noch und noch erzählen, möchte mich aber hiermit auf eine Begegnung beschränken, die mich letzten Sonntag zwischen Attnang Puchheim und meinem Zielort zwei Stunden später beschäftigte.

Eine sehr braungebrannte Fünfzehnjährige war auf dem Weg nach Liezen zum ersten Date. Sie trug eine sehr knappe Short und ein tief ausgeschnittenes T-Shirt. Schon in Gmunden kannte ich ihre Lebensgeschichte und ahnte nichts Gutes. Sie sei sehr aufgeregt, erzählte sie und habe wenig geschlafen, weil sie mit einer Freundin in der Nacht einen ganzen Kasten Bier ausgetrunken hatte. Ich glaubte ihr nicht, riechen konnte ich nichts, aber sie sprach etwas verschwommen, sodass ich immer wieder nachfragen musste. Sie war voller Hoffnungen, freute sich auf den Nachmittag mit ihrem „Freund“ aus dem Internet, kuscheln wolle sie, sie beide wären sehr kuschelbedürftig. In Ebensee erfuhr sie, dass er mit Freunden im Freibad sei, da spürte ich einen Hauch von Enttäuschung, da sie – ein Blick in den leeren Beutel vor sich – kein Badezeug mithatte. In Bad Ischl kam die Nachricht, dass er nicht in Liezen im Freibad war, sondern in Wald am Schoberpass. Es musste umdisponiert werden. Ein Zug nach Wald am Schoberpass wurde gesucht. Das ergab folgenden Plan: Zug nach St. Michael, zurück nach Wald am Schoberpass, Ankunftszeit vier Uhr. Wir hatten aber schon in Bad Aussee  vierzig Minuten Verspätung, also würde sie den Anschlusszug in Stainach Irdning sicherlich nicht schaffen. Sie sollte aber um acht Uhr wieder zurück in Attnang Puchheim sein, dann müsse sie noch eine Stunde zu Fuß nach Hause gehen. Mir ging es wahrlich nicht gut bei diesen Aussichten und ich wollte laut aufschreien. Kurz bevor ich den Zug verließ, fragte ich sie zögerlich: Weiß dein Freund, dass du kommst? Ja, antwortete sie, er habe ihr gerade getextet, dass er sich auf sie freue.