Wie man eine Krise bewältigt: Teil 2

Wie geht es Menschen in Zeiten wie diesen, die Anteil nehmen an der großen und der kleinen Welt? An Amerika, Großbritannien, Deutschland und auch daran, was in Österreich derzeit passiert? Was, wenn die politischen Zustände immer verworrener und unsicherer werden. Was, wenn immer mehr Schüler die Leistung verweigern und sich in die Welt des Rausches und des Freizeitvergnügens begeben? Was, wenn auch hierzulande immer mehr Frauen ermordet werden? Was, wenn der Novemberblues über einen hängt und die auswandernde Tochter traurige Träume zurücklässt?

Dann ist es Zeit, den Mühen der Ebene selbst zu entfliehen und die Welt der Bücher aufzusuchen. So geschehen letzten Mittwoch, ein Tag, der so voller Anstrengung ist, dass abends nur mehr Netflix Zufluchtsstätte sein kann. Mir war wie immer von einer meiner Freundinnen ein Buch empfohlen worden, das ich unbedingt lesen müsste. „Neujahr“, geschrieben von Juli Zeh, über deren „Unterleuten“ ich ja schon an früherer Stelle nicht ganz so enthusiastisch berichtet habe.

Auch in diesem Roman befindet sich der Protagonist in einer Krise. Kleine Kinder, die ihn unentwegt fordern, eine Frau, die fünfzig – fünfzig möchte, eine Schwester, die den Boden unter den Füßen nicht findet, Schwiegereltern, die mit dem eigenen Leben im schönen Rom beschäftigt sein wollen. Der Job drückt ihn nieder, weil eine halbe Stelle nicht gleich halbe Arbeit bedeutet und er als Lektor sich doch für ein gewisses Maß an Qualität verantwortlich fühlt. Das alles wächst ihm über den Kopf und die Überforderung schreit ihn in Form von Panikattacken schon ganz heftig an. Also beschließt er samt Familie zu Weihnachten nach Lanzarote zu fliegen, um dort in sommerlichen Gefilden dem kalttrüben Deutschland zu entkommen. Ja, es gefällt ihm dort, die Leute (Briten, Franzosen) sind nett, man feiert ausgelassen in einem Hotel, kann jedoch wegen der Kinder nicht allzu lange bleiben. Der einzige Wermutstropfen ist, dass seine hübsche Frau ein bisschen zu viel Zeit mit einem attraktiven Franzosen verbringt und noch dazu wild mit ihm tanzt.

Am Neujahrstag nimmt er sich vor eine Radtour zu unternehmen und keucht mit unheimlicher Kraft- und Willensanstrengung einen Berg hinauf. Je weniger Kraft er hat, verstärkt dadurch, dass er nichts zu essen und zu trinken hat, desto mehr öffnet sich ein Abgrund, der ihn zu seinen Ängsten und Beschädigungen führt.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt befindet man sich auf dem Sozius und begleitet ihn in ein Haus, wo die Geschichte ihren Anfang hat.

„Neujahr“ ist so spannend erzählt, dass man hineingezogen wird in einen Strudel von Bildern, die das Schöne und das Abgründige unserer Existenz zeigen. Und wenn man das erkannt und durchlebt hat, tut es wohl, in die Gegenwart zurückzukehren und das Gute zu sehen, das einem das Leben zugeteilt hat. Kinder, die man über alles liebt, Menschen, die es gut meinen und eine Natur, die einem den Atem rauben kann.

Auch unser Held kann sich befreien von der Schuld, die ihn sein Leben lang begleitet hat. Man ist nicht für jedermann und alles verantwortlich, das ist die versöhnliche Botschaft des Romans.

Tschick – ein Roman, der unter die Haut geht

Dies ist eine Rezension von Elena Janic, die unseren Wettbewerb zum Thema Jugendbuch gewonnen hat. Herzliche Gratulation!

Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow, zwei vierzehnjährige Jungen, welche unterschiedlicher nicht sein könnten, begeben sich in einem alten Lada auf eine Reise voller Gefahren und Abenteuer, bewältigen gemeinsam Hindernisse, lernen neue Menschen kennen, werden durch Probleme zusammengeschweißt und schließen dadurch eine tiefgehende Freundschaft.

Beide Protagonisten kommen aus vernachlässigten Elternhäusern und suchen verzweifelt nach sich selbst: Tschick, der russische Wurzeln hat, im Ghetto lebt und asozial ist, kompensiert dies mit täglichem Konsum von Alkohol. Er kommt mitten im Schuljahr in Maiks Klasse, ist nicht sehr gesprächig und erscheint täglich betrunken im Unterricht. Nüchtern ist dieser jedoch hochbegabt und schreibt gute Noten. Maik, der zwar im Überfluss geboren und aufgewachsen ist, jedoch von seinen Eltern komplett im Stich gelassen wird, in der Schule gemobbt und als Psycho bezeichnet wird, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück. Seine Introvertiertheit und sein Mangel an Selbstbewusstsein halten ihn ebenfalls davon ab, Tatjana, einem Mädchen, auf das er schon seit Jahren heimlich steht, seine Gefühle zu offenbaren oder in irgendeiner Art mit ihr zu kommunizieren. Da er aber weiß, dass diese bald Geburtstag hat, fertigt er in mühevoller und stundenlanger Arbeit eine Zeichnung ihrer Lieblingssängerin an und plant, sie auf ihrer Geburtstagsparty damit zu überraschen. Als jedoch alle außer ihm und Tschick eine Einladung erhalten, zerreißt er die Arbeit. Nachfolgend fährt seine Mutter in die Entzugsklinik und sein Vater auf Geschäftsreise mit seiner zwanzig Jahre alten Assistentin. Er lässt Maik 200 Euro da und informiert ihn, dass er die restlichen zwei Wochen alleine verbringen wird. Emotional völlig am Boden verbringt dieser den Rest des Tages im Garten, bis Tschick in einem alten Lada in der Auffahrt auftaucht und ihn dazu auffordert einzusteigen. In diesem Moment beginnt die Geschichte erst richtig und nimmt zügig an Fahrt auf – im wahrsten Sinne des Wortes. Der schrottreife Lada droht jeden Moment in sich zusammenzubrechen und bietet kaum genug Platz für die beiden Jugendlichen noch für ihr Gepäck. Doch weder dies noch die brütende Hitze hält die beiden Vierzehnjährigen davon ab, sich ins Ungewisse zu begeben. Auf ihrer Reise begegnen sie nicht nur sehr schrägen, sondern auch freundlichen und hilfsbereiten Menschen, welche das Weltbild der Jugendlichen auf den Kopf stellen beziehungsweise  komplett ändern. Sie landen in den abgelegendsten Teilen Deutschlands und reisen über kaum mehr begehbare Feldwege. Ständig auf der Flucht vor der Polizei und anderen, die sie als Kinder entlarven könnten.

Die Coming-of-Age-Road-Novel handelt jedoch nicht nur von Abenteuern der beiden, sondern thematisiert auch ernste Themen, wie zum Beispiel: Drogen, Sex, Kriminalität, ein schlechtes familiäres Umfeld und weitere. Wie vorher schon erwähnt, stammt Tschick aus einem zerrütteten Elternhaus, weshalb auch beschrieben wird, wie der Jugendliche mit dieser Situation umgeht und sich in Folge dessen verhält. Wie man also sieht, ist dies kein gewöhnlicher Jugendroman, sondern eine lehrreiche Lektüre für das zukünftige Leben. Oftmals war ich während des Lesens auch zu Tränen gerührt, woran das traurige Schicksal des Autors, Wolfgang Herrndorf, nicht ganz unbeteiligt ist. Bei diesem wurde nämlich in jungen Jahren ein Hirntumor diagnostiziert, woraufhin er sich selbst das Leben genommen hat. Doch ist der Roman nicht nur traurig, sondern auch originell und vergnüglich und ich war etliche Male zutiefst amüsiert. „Tschick“ ist eine Roadnovel für jedermanns Geschmack und ein echtes Lesevergnügen, welches ich vollstens empfehlen kann.

Über mich

Mein Name ist Elena Janic und ich besuche derzeit die fünfte Klasse einer AHS in Wien. Ich bin leidenschaftliche Leserin und schreibe in meiner Freizeit sehr gerne. Zwar habe ich schon viele Schreibprojekte gestartet, manche auch beendet, aber noch nie etwas veröffentlicht, was ich in der nächsten Zeit aber unbedingt ändern will. Meine Leidenschaft gegenüber dem Lesen habe ich schon in jungen Jahren durch Harry Potter und die Tintenwelt-Triologie entwickelt, welche in den folgenden Jahren durch weitere fantastische Bücher noch gesteigert wurde.

Wie man eine Krise bewältigt: Teil 1

Nach der Hundeattacke am Bisamberg

Wie Sie, lieber Leser, liebe Leserin, vielleicht schon erahnt haben, befinde ich mich derzeit in einer Schreibkrise, vielleicht gar einer leichten Lebenskrise. Nichts will mich an dem, was ich derzeit sehe, höre oder lese so begeistern, dass ich mich damit auseinandersetzen möchte. Um ganz ehrlich zu sein: Es fällt mir nichts ein. Mein Geist und meine Seele haben etwas anderes zu verarbeiten, nämlich das Ende meiner unmittelbaren und etwas zwanghaft betriebenen Mutterschaft. Denn ich habe es geschafft, diese Rolle für drei Jahrzehnte mit großer Leidenschaft und möglicherweise auch etwas Masochismus auszufüllen. Ich hatte das große Glück, ganze dreißig Jahre mit einer meiner Töchter zusammenleben zu dürfen. Und wir hatten es gut miteinander. Nun hat mir das Schicksal aber klargemacht. Ich muss auch sie, meine Jüngste (sie wird im Februar 27) aus der gemeinsamen Wohnung gehen lassen. Sie heiratet nach Amerika. Dort wartet ein lieber und guter Mann auf sie und ich weiß, dass sie es weiterhin schön haben wird.

Ich sorge jedenfalls schon vor mit Überlegungen: Soll ich mir eine Asiatin in das verwaiste Kinderzimmer nehmen? Sie sind lernwillig und anpassungsfähig und ich könnte möglicherweise jeden Abend wieder mit einem jungen Menschen über lustige amerikanische Serien lachen? Mehr fällt mir noch nicht dazu ein.

Um jedenfalls meine trüben Zukunftsaussichten etwas aufzuhellen, wandere ich seit einigen Wochen durch den herbstlich erleuchteten Wienerwald. Ich habe mir vorgenommen, noch heuer alle Stadtwanderwege unter Fach und Dach zu bringen. Auch das tut der Seele gut und pflegt zudem meine Freundschaften. In Anbetracht von Allerheiligen, das meine Wanderkameradinnen zu den Friedhöfen in ganz Österreich verstreute, ging ich gestern alleine den Stadtwanderweg 5. Mit dem 31 zuckelte ich aus Wien hinaus, durch mehrere Wiener Bezirke, Häuser und Menschen betrachtend. Je weiter ich kam, umso liebloser wurde die Architektur. Mir taten die Menschen leid.

Vom Stadtwanderweg will ich nicht viel berichten, außer dass er wirklich schön ist und die Menschen dort ausgesprochen lieb zu mir, der einsamen Wanderin, waren. Ich wurde nett gegrüßt, einige verwickelten mich in ein Gespräch über die schöne Natur und mir wurde sogar von einer Gruppe ein Platz auf ihrer Bank angeboten. Ich war guter Dinge und gehobener Stimmung. Bis ich zu der Abzweigung kam. Ich habe eine pathologische Angst vor Hunden. Aber seit es einige schreckliche Hundeunfälle in letzter Zeit in Wien gab, haben die meisten Hundebesitzer selbst Angst und führen ihre Lieblinge je nach Gesinnung an unterschiedlich langen Leinen. Nicht so die Frau, die sich mir auf einem anderen Weg mit einem riesigen braunen Hund näherte.  Plötzlich sprang das wunderschöne, aber gefährlich aussehende Tier über die Böschung und jagte auf mich zu. Kein Pfiff, kein Rufen von Seiten der Besitzerin. Was blieb mir übrig, als selbst wie am Spieß zu schreien, als das riesige Monster mich fast schon berührt hatte? Mein Schrei war so grässlich, dass der Hund zusammenzuckte und kehrtmachte. Ich war erleichtert. Als die Besitzerin dann mit dem Hund brav an ihrer Seite an mir vorbeiging, fauchte sie mich an, ich solle doch eine Angsttherapie machen. Ich antwortete selbstbewusst: „Sie könnten Ihren Hund auch wie alle anderen an der Leine führen“.

Beschwingt ging ich den Berg hinunter, glücklich darüber auch diese Krise gemeistert zu haben.