Werther!

Posthof: 15. 10. 2016

Nach Linz zum „Werther“ zu fahren, um Philipp Hochmair zu sehen? Gesagt, getan. Um fünf Uhr in Wien gestartet, mit der ÖBB mit 170 die Weststrecke entlang, in den Bus der 46 Linie umgestiegen, um halb acht den Posthof am einsamen Linzer Hafen erreicht. Nach zehnminütigem Gang den Ort versteckt in einer Nebenstraße gefunden. Zuerst in den falschen Saal verirrt, mich gewundert, dass nur junge Mädchen auf der Tanzfläche standen. Dann durch den Glasgang in die Welt des Linzer Bildungsbürgertums gekommen. Fast alle über fünfzig, jugendlich aussehend, schöne Frisuren, geschmackvoll gekleidet, am Weißweinglas nippend. Ich freute mich dabei sein zu können.

Pünktlich um acht stürmt Hochmair die Treppe herab und beginnt hinter einem Tisch sitzend aus dem Werther- Manuskript vorzulesen. OH WEH! Nach einigen Briefen wird er selbst ungeduldig und zerreißt die Blätter. Er rückt sich die Kamera zurecht, die von nun an die Natur (ein Blumenstrauß), Lotte (ein Styroporkopf) und Bilder des verzückten Werther (mit goldenem Efeukranz) im Laufe des Abends auf die Großleinwand projizieren. Er trägt nicht Werthertracht, sondern ein T-Shirt mit Linzaufdruck, eine Militärhose und einen Cowboyhut. Und er hält wenig von seinem Text, den er sprechen soll. Nein, der unglückliche Werther ist er nicht, er rast und wütet eineinviertel Stunden auf der Bühne, zerhackt Salate, wälzt sich am Boden, stürmt die Treppe rauf und runter, „Wählt Hofer!“ schreiend, verschwindet für längere Zeit, kehrt mit langer roter Nase wieder, erzählt obszöne Witze, um sich am Ende nicht einmal zu erschießen. Nach zehn Minuten reicht es der älteren Frau in der 1. Reihe, von nun an gibt sie lautstark Gegenkommentare ab. „Wählt Van da Bellen!“ ruft sie ihm erregt nach. Ich bin mir nicht sicher, ob sie zur Inszenierung gehört oder nur den guten alten Goethetext gegen Hochmair / Stemann verteidigt.

Der Abend ist voller Action und Nonsense, keine Spur von Langeweile kommt je auf. Hochmair zeigt nicht nur seinen schönen Oberkörper, sondern auch, dass Werther von sich besessen ist und auch Lotte ihn nicht zur Vernunft bringen wird. Als letzten Willkürakt knallt Hochmair sich das Mikrophon auf den Kopf, sodass das Publikum im Dunklen aufschreit.

Niemals habe ich Philipp Hochmair schöner lächeln sehen als beim Schlussapplaus. Eine einzige Frau gab ihm Standing Ovations, er hat ihr zugewunken. Ich neidete es ihr.
Philipp Hochmair als Werther

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