Hamburg

22. – 26. August 2016

Warum nach Hamburg? Noch dazu zu der heißesten Zeit des Jahres?

Dann führt dich die Hitze direkt ins Museum, weil es dort immer kühl und sicher ist. Denn sicher fühlte ich mich auf Hamburgs Straßen nicht. Ich befürchtete, dass einer der vielen Obdachlosen etwas im Schilde führte, war in ständiger Angst vor dem Bösen, die auch hochkommt, wenn man um halb elf in der Nacht einen anonymen Anruf erhält.

So besuchte ich viele Museen, angefangen vom „Hamburger“ über „Kunst und Gewerbe“ bis hin zur „Verkehrten Welt“ im Bucerius Kunst Forum und lernte viel dazu. Dazwischen marschierte ich durch die Straßen Hamburgs, machte Bootsfahrten und saugte etwas Luft von der Hafenstadt und den dort liegenden riesigen Container- und Kreuzfahrtschiffen ein. Schön war die Alsterrundfahrt, weil dort mitten in der Stadt gesegelt, gerudert und gepaddelt wird. Das Auge freute die Möglichkeit trotz der sündteuren Villen am Ufer in drei Stunden den See auf einem Gehweg umrunden zu können. Denn fast das ganze Ufer gehört den Wasserhungrigen und ist öffentlich zugänglich. Gebadet hat jedoch niemand, das Wasser ist wohl zu kalt oder zu schmutzig.

Und die Abende? Die verbrachte ich im Kino, wo sich das Publikum recht eigenartig benimmt:

Chipspackungen und Süßigkeiten werden in den Saal geworfen, laute Kommentare geäußert, es wird geklatscht und gebuht, um sich als kleiner Teil einer großen Masse Gehör zu verschaffen und das gemeinsame Kinoerlebnis zu verleiden.

Und natürlich den „Welterfolg in Hamburg“ besucht. „König der Löwen“ läuft im Stage Theater im Hafen schon seit 15 Jahren und wurde gerade um weitere 5 Jahre verlängert. Die Inszenierung und Kostüme sind farben- und fantasievoll, die Sänger und Tänzer grandios und die Ticketpreise so hoch, dass man jede Minute auskosten will. Shuttleschiffe bringen die tausende Musicalfans jeden Abend zur Insel, wo auch das „Wunder von Bern“ gespielt wird. In der Pause hat man dann einen bezaubernden Blick auf die Lichter Hamburgs und die beleuchtete Elbphilharmonie.

Und wer etwas vom modernen Hamburg sehen möchte, dem sei die Hafencity ans Herz gelegt, die entstanden ist, weil die Containerschiffe die Speicherstadt überflüssig gemacht haben. Wer sich dort das Wohnen leisten kann, braucht keine Obdachlosen in den Hauseingängen fürchten. Hier, bei den Reichen, ist die Welt noch in Ordnung.

HafenCity

Salzkammergut

1. bis 20. August 2016

Wo bleibt die Kulterin werden Sie sich schon gefragt haben. Ich bin seit einiger Zeit auf Sommerfrische. Warum Sie nicht in die Ferne schweifen müssen, um erholt zu sein und etwas von der Welt zu erfahren, erfahren Sie in diesem Beitrag über das Salzkammergut.

Auch kulturell hat dieses Gebiet einiges zu bieten, aber heute schenke ich meine Aufmerksamkeit Land und Leuten.

Seen: Was das Salzkammergut so schön macht, ist die Natur, die hier überall oft in Reinform anzutreffen ist. Wandert man um den Altausseersee, hat man seine selige Ruhe vor Autos und Motorbooten. Geht man am Ostuferweg des Hallstättersees entlang, begegnet man vielen eifrigen Radfahrern und der hin und wieder dahinzuckelnden Bahn. Alle Stunde hört man von fern das Tuten der „Hallstatt“, die mit wenigen Touristen ihre Kreise um den See zieht. Der Ödensee ist noch immer ein Geheimtipp und an Idylle kaum zu übertreffen.

Almen: Seit es Elektrofahrräder gibt, sieht man auf jeder Amhütte ältere Semester, die stolz von großen Radtouren berichten, die man sich schon in der Jugend nicht zugetraut hatte. Da sie Einheimische sind, erfährt man darüber hinaus auch einiges über EU-Förderungen und warum es so wenige Almkühe mehr gibt. Apropos: Weil auch der Dachsteinrundwanderweg vorbeiführt, trifft man auch Sportler, die schon seit Tagen im Gebirge unterwegs sind und richtig fertig ausschauen. Auf Almen begnegnet sich Jung und Alt, Reich und Arm in fröhlicher Gesellschaft.

Berge und Wasserfälle: Man kann den Grimming besteigen oder mit dem Fahrrad umrunden (60 Kilometer! Mit und ohne Mitterberg) und dann den Wasserfall unterhalb der Staumauer besuchen, sich im Film „The Beach“ glauben und ein Bad darin nehmen. Sehr erfrischend.

Natur pur

Natur pur

Orte: Wenn vielleicht die Natureinsamkeit zu groß geworden ist, macht man sich auf nach Bad Ischl, sieht eine große Anzahl von Asiaten (Chinesen?) in Hallstatt zusteigen, die nun nach Salzburg weiterreisen wollen. Im „Zauner“, wo man ein „Ischler“ genießt, wundert man sich, dass so viele Menschen in ein Kaffeehaus gepackt werden und so viele Mehlspeisen verspeisen können. Hat man dazu noch Freude an der Monarchie, besucht man die Kaiservilla und das Museum der Stadt Ischl, um sich an den adretten kaiserlichen Uniformen sattsehen zu können. Von den „Kaisertagen“ soll hier gar nicht gesprochen werden.

Am Abend kann man vielleicht die „Vorstadtweiber“ auf DVD schauen oder in Pürgg das Gasthaus „Krenn“ besuchen, das ein sehr, sehr reicher österreichischer Getränkehersteller gekauft hat. Dem Himmel sei Dank, es hat gut geschmeckt.

©a.achilles 2016

Juli Zeh: Unter Leuten

„Alles ist Wille“

Irgendwo am Land, in der ehemaligen DDR, 70 Kilometer von Berlin entfernt, befindet sich das kleine Dorf Unter Leuten. Der Name ist Programm: Alle Menschen und Ereignisse sind verwoben, man befindet sich in einem Biotop von gegenseitigen Abhängigkeiten und Altlasten: Menschen, die noch aus dem Kommunismus Rechnungen offen haben, deren Kinder, die sich nur durch Wegzug retten können und Neuankömmlinge, die sich rasch im Dorfnetz verspinnen.
Dabei geht es nur um 10 Windräder, die auf der Plausnitzer Höhe errichtet werden sollen, um vordergründig die Energiebilanz auszugleichen und dem Dorf Einkünfte zu garantieren, dass es überleben kann.
Wie auch immer die Bewohner heißen mögen, Kron, Fließ, Franzen, Meiler, Schaller und der allmächtige Rudolf Gombrowski, der die Geschicke des Ortes seit Jahrzehnten bestimmt. Sie alle haben die unterschiedlichsten Interessen an diesem Bau, wollen daran verdienen oder ihn mit allen Mitteln verhindern.
„Alles ist Wille“ (Manfred Gortz) geht als Motto dem Buch voran. Linda, eine Hinzugezogene und Pferdezüchterin, richtet ihr Leben nach Gortz Sprüchen aus und agiert ebenso perfide und hinterhältig wie die machtbewussten Männer um sie herum. Wenn sich auch die älteren Frauen noch ganz den alten Rollenerwartungen beugen, so kann man an den jungen schon die Zeichen der neuen Zeit entdecken. Gut ausgebildet und selbstbewusst verlieren sie sich nicht in der Fürsorge für ihre Männer und Kinder, sondern loten aus, wieweit sie gehen wollen und setzen Befreiungsschritte, wenn die Bilanz nicht mehr stimmt. Keine von ihnen könnte als Vorbild für ein geglücktes Leben hergenommen werden, aber sie sind in Bewegung und reflektieren ihre Situation. Im Gegensatz dazu sind die Männer des Dorfes noch ganz alten Klischees verhaftet, egal ob jung oder alt. Sie sind entweder Weichlinge und brauchen eine starke Frau an ihrer Seite (die jungen) oder so sehr in alte Machtkämpfe miteinander verstrickt, dass der einzige Weg in eine Gewaltspirale mündet (die alten).
Juli Zeh zeichnet keine Idylle vom Landleben, aber das wissen wir längst seit Wolfsgruber und Innerhofer.
„Der große Gesellschaftsroman über die wichtigsten Themen unserer Zeit“ (Luchterhand) ist es nicht. Dazu sind die Handelnden zu plakativ, zu eindimensional, zu sehr auf ihre Rolle festgelegt und zu wenig entwicklungsfähig.
Was „Unter Leuten“ von der österreichischen Provinzliteratur der siebziger und achtziger Jahre unterscheidet: Irgendwie glaubt man diesem Dorfleben in der deutschen Provinz nicht, vielleicht auch deshalb nicht, weil es den Figuren an Größe und Liebe fehlt.
Amüsant sind die eingestreuten Zitate aus „Dein Erfolg“ von Manfred Gortz, an denen sich die Karrierefrau Linda orientiert. „Macht heißt zu bewegen“. Nichts leichter als das.

©a.achilles