Keersmaeker tanzt Rilke

Odeon: 18. Juli 2016

„Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ erzählt die Geschichte des Fähnrichs Christoph Rilke, der gegen die Türken sein Leben verlor. Rilke schrieb die kurze Erzählung 1899 in einer Nacht, die er mit seiner um 15 Jahren älteren Geliebten, der berühmten Lou Andreas-Salomé, verbrachte. Im Ersten Weltkrieg diente diese lyrische Erzählung vielen Soldaten als Aufruf für den Heldentod, Hunderttausende sollen das Büchlein im Schlachtfeld bei sich getragen haben.

Die imposante Halle des Odeons ist ausverkauft, der Andrang so groß, dass Besucher vor der ersten Reihe auf Kissen Platz nehmen müssen.

Ein junger, braungebrannter Mann (Michaël Pomero), ganz in Grau gekleidet, betritt die staubbedeckte Fläche und beginnt zu tanzen. Alles wirkt schwer, die Schuhe, die Schritte und seine Bewegungen. Er folgt keiner Musik. Immer wieder durchschreitet er den Raum, hält inne, um mit einer Drehung wieder in seinen Tanz zurückzufinden.

Nach seinem Abgang wird auf einer großen schwarzen Fläche der Rilke-Text in Deutsch und Englisch projiziert. Wir erfahren von der Ausgangslage, dass sich der 18-Jährige freiwillig gemeldet hatte, dass er sich mit anderen auf dem Weg zur nächsten Schlacht befindet, dass er große Sehnsucht nach der Liebe hat. Der Text bricht ab und eine junge Flötistin (Chryssi Dimitriou) taucht aus dem Dunkel auf, entlockt mit wilden, schweren Atemstößen ihrer Querflöte eine exstatische Tonfolge, die ihren Körper zum Zucken bringt. Als die Musik verstummt, betritt Keersmaeker die Bühne, auch sie in graue Stoffhose und Shirt gekleidet, das angegraute Haar zu einem Knoten gebunden. Der Tanz kann beginnen. Der junge Mann und die ältere Frau umkreisen einander, entfernen sich, vollführen dieselben Bewegungen, ohne sich jemals zu berühren, immer wieder die rechte Hand ausgestreckt, als Versuch einen Weg in der fremden Landschaft zu finden. Besonders beeindruckend, wenn die große Hand des Mannes sich parallel zur zierlichen der Frau befindet. Plötzlich erzählt sie alleine die Geschichte weiter, begleitet von sparsamen Bewegungen, die das Geschehen untermalen. Keersmaeker rezitiert den Text in Oskar-Werner-Manier, wir erfahren von der letzten Liebesnacht mit der verheirateten Burgherrin, von den Türken, die das Schloss in Brand setzen und von der Panik, die entsteht und den Fähnrich waffenlos in die Schlacht führt. Dabei passiert eine wundersame Verwandlung, mehr und mehr wird Keersmaeker jünger und männlicher, bis sie schließlich in blutiges Rot getaucht sterbend niedersinkt.

Wir werden durch kaltes weißes Licht in die Gegenwart zurückgeholt.

Die Botschaft ist klar: Der Heldentod, den die Soldaten im Ersten Weltkrieg noch mit Rilke in den Taschen ruhmvoll sterben konnten, kommt in dieser Performance aus Musik, Tanz und Schauspiel nur als verschwendetes Leben zum Ausdruck. Voller Staub, verschwitzt und ohne Lächeln nehmen die beiden Tänzer den Schlussapplaus entgegen.

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