Lesung Rabenhof, 29.3.2016
„Der Kameramörder“ hat es bereits zur Schullektüre gebracht, „Die Arbeit der Nacht“ braucht eine gute Seelenlage, will man in der Welt-Einsamkeit des Helden überleben. Beide Bücher zeigen Glavinics großes erzählerisches Können und seine Sensibiltiät für unsere Zeit. Sie beschäftigen sich mit Themen, die unsere Gesellschaft bedrohen: Angst, Liebe und Einsamkeit. Sie sind wortstark und bilderreich und bleiben noch lange im Gedächtnis haften.
Glavinic neuester Roman „Der Jonas-Komplex“ wird von der deutschsprachigen Literaturkritik hochgelobt und aus diesem Roman wurde gestern im Rabenhoftheater vorgelesen. Ein blonder Junge liest das Kind Jonas, das fasziniert von Büchern und Schach, sexuell bedrängt von seiner Erziehungsberechtigten in 80er Jahren in der Weststeiermark aufwächst. Man ist erstaunt, dass von der großen russischen bis hin zu den amerikanischen Klassikern alles gelesen und fast verstanden wird. Glavinic selbst gibt einen Auszug aus der freiwilligen Entführung des Helden Jonas preis, der sich von seinem japanischen Anwalt immer wieder auf eine Abenteuerreise schicken lässt. Den größten Teil der Lesung ist dem nun schon in die Jahre gekommenen Ich-Erzähler gewidmet, der in Wien lebt und dort ganz mit dem Verlangen nach Kokain, Alkohol und Sex beschäftigt ist. Einzig die Zeit mit seinem Sohn scheint ihn noch glücklich zu machen.
Obwohl ständig auf Koks und Alkohol, gelingt es ihm erstaunlich oft, alle möglichen Frauen (von der Tierärztin bis hin zur Schriftstellerkollegin Olga) ins Bett zu bekommen, Sex dominiert auch ihr Leben. Christian Dolezal, der diesen Part liest, begeistert mit einem breiten Wiener Dialekt und ausladenden Gesten das weibliche Publikum, lautes, befreiendes Lachen geht immer wieder durch den ausverkauften Saal. Der anonyme Schriftsteller scheitert auf allen Ebenen, sogar die Kokainentwöhnung will nicht klappen und er kehrt von der Suchtberatung in der Vorstadt gierig zu seinem Dealer am Stephansplatz zurück. „Der Jonas-Komplex“, die Angst vor der eigenen Größe, begleitet ihn überallhin.
Ja, das Buch hat Humor, das durchmischte Publikum ist aufgekratzt und glücklich. Aber das Lachen entspringt Klischees von einem Künstlerleben, das sich in Sucht entleert und den Helden im Delirium am Naschmarkt zurücklässt. Die Geschichte des 13-jährigen Jungen hingegen berührt sehr. Die Reiseabenteuer des reichen Jonas wollen jedoch nicht so recht in den Roman passen. Glavinic betont im erfrischenden Interview mit Angelika Hager, dass er beim Schreiben abstinent und diszipliniert lebe. Den frenetischen Schlussapplaus gibt er an Christian Dolezal weiter und verlässt raschen Schrittes etwas gebückt die Bühne.
©a.achilles 2016